Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1891)
- Date
- 1891-10-09
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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490 „So utft’it Sic noch Ihre Mutter hinzu, lieber Stanislaus," sprach der König zu dem jungen Rittmeister, „damit es bei unserem Gespräche an einer Sachverständigen in weiblichen Angelegenheiten nicht fehlt; setzen wir uns dort in der Ecke des Saales zusammen und halten wir eine Sitzung en petit coinite. Der junge Lubomirski meldete seiner Mutter den Wunsch des Königs, sie erschien an seinem Arm und nahm auf dem Sopha neben Stanislaus August Platz. Die übrigen Herren setzten sich auf Sesseln ringsum. „Wer will beginnen?" fragte der König. „Den Anstoß zu dem Meinungsaustausch, in welchem wir Beide begriffen waren, als Ihre Majestät hinzugekommen, gab der junge Graf," bemerkte Turski. „So werden Sic den Anfang machen muffen, Stanislaus!" „Wenn Majestät befehlen, werde ich mit der Erzählung meines kleines Abenteuers beginnen. Ich war heute Nachmittag in der alten Stadt, in jenen Gassen, wo Trödler an Trödler wohnt. Es ist meine Liebhaberei, dann lind wann dort Umschau zu halten. Zuweilen findet man etwas Altes, ein merkwürdiges Stück Porzellan oder sonst einen Gegenstand, den man um einen geringen Preis erwerben kann. Ich hatte mich länger aufgehalten, als ich beabsichtigte, so das; mich die Nacht überraschte, denn die Tage sind gegenwärtig kurz. Ich hatte Mühe, in den schlecht erleuchteten Straßen meinen Heimweg zu finden. Ich war noch nicht weit gegangen, als ich eine lvciblichc Stimme »in Hilfe rufen hörte. Ich eilte hinzu und fand eine elegante junge Dame von einigen häßlichen Juden umringt." „Schöne Dame," sagten sie, „schöne Dame, schenke uns Geld, schenke uns den warmen Pelz, den Du trägst, Dein Vater ist reich, er kann Dir Alles ersetzen." In widerlicher Weise nmdrängten sic die Dame, hielten sie an den Händen fest, limfaßten ihre Knie und waren so zudringlich wie möglich. Die junge Dame machte verzweifelte Anstrengungen, um sich loszuwinden, schrie laut um Hilfe, aber Nieinand nahte sich. Ich war außer Jenen der einzige Mensch, der sich in dem öden, gefürchteten Stadtviertel auf der Straße befand. Ich besann mich nicht lange, nahm meine Reitpeitsche und schlug ihnen tüchtig um die Köpfe. „Laßt los, Ihr Hunde, oder ich schlage Euch den Schädel entzwei!" „Einige Peitschenhiebe und ein Griff nach dem Säbel genügten, um sie zu verjagen." „Das fängt ja lustig an," sagte der König. „Ich bot der Dame meinen Arm," fuhr Lubomirski fort, „und sie nahm mit großer Herzlichkeit mein Anerbieten an. Sie bat mich, sie zu ihrem Adoptivvater zu geleiten, deffen Wohnung nicht weit entfernt sei. Unterwegs erzählte sie mir, daß sie eine Russin, und zwar russisch-katholische Christin; ihr Name sei Eva von Frank." „Wie," sagte ich, „Sie gehören einer russischen Adetsfamilic an?" „So muß es wohl sein," erwiederte sie. „Ich selbst kann keinen Aufschluß darüber geben. Ich bin eine von aller Welt verlassene hilflose Waise. Meine Jugend verbrachte ich in der Ukraine, wo ich bei einem Edelmann erzogen wurde. Ich kannte weder Vater noch Mutter; ich erhielt mit den Kindern des Grafen Saburoff gemeinsamen Unterricht und tvurde gehallen wie diese. Ich wußte nichts von der Welt und sah nur das gräfliche Schloß und die nächsten Dörfer. Vor ungefähr drei Jahren erschien der Mann, den ich meinen Pflegevater nenne. Der alte Graf war mir herzlich zugethan und war von dem Augenblick an, wo der fremde Besuch auf dem Schlosse erschien, sichtlich niedergeschlagen. Er ließ mich in sein Zimmer holen und sprach: „Eva," sagte er, „Du weißt, daß Du nicht meine Tochter bist. Du wurdest mir vor Jahren als ein Unterpfand anvertraut. Was ich damals versprochen, habe ich gehalten; ich habe Dir eine gute Erziehung geben lassen und Dich sogar meinen eigenen Kindern gegenüber in nichts zurückstehen lassen. Heute kommt der Augenblick, wo Dich derjenige zurückfordert, der Dich mir übergeben hat. Es fällt mir sehr schwer. Dich anderen Händen anzuvertrauen, denn ich liebe Dich wie meine eigenen Kinder; aber es zwingt mich ein höherer Befehl dazu. Ich muß Dich lassen, — von heut ab bist Du meiner Obhut entwachsen." „Der Graf war tief gerührt, ich selbst weinte, erzählte mir die junge Russin. An demselben Tage noch, sagte sic, bestieg ich mit meinem bisher mir unbekannten Adoptivvater einen Schlitten, welchem eine zahlreiche Dienerschaft, gleichfalls auf. Schlitten, nachfolgte, und mit heißen Abschiedsthrünen trennte ich mich von meinem Erzieher, der uns über eine Stunde weit das Geleit gab. Seit wenigen Monaten sind wir in Warschau. Ich kam gerade von meinem Besuche, bei einer Kranken, wo mich meine Gesellschafterin und der Diener, offenbar infolge eines Mißverständnisses, abzuholen vergaßen, als Sie mich aus den Händen der Juden retteten." „Und Ihr Pflegevater, wer ist es?" fragte ich meine Schutzbefohlene. „Sie werden ihn kennen lernen," erwiederte Eva. Dort drüben jenseits der Straße befindet sich unsere Wohnung." „Wir standen vor einem jener Adelspalüste, wie sie hier infolge der Ueberschuldung des Besitzers, vielfach in andere, zum großen Theil in jüdische Hände übergangen sind." „Eva klingelte. Die Pforte öffnete sich und die junge Russin führte mich durch hell erleuchtete Korridors, in welchen orientalisch prunkvoll gekleidete Diener auf- und abgingeu, in einem im orientalischen Geschmack dekorirten Empfangsalon, wo sie mich auf einem mit kostbaren türkischen Teppichen bedeckten Divan Platz nehmen ließ. Sie legte den Pelz ab, übergab ihn einer Dienerin und setzte sich mir zur Seite. Ich hatte bisher der Erscheinung der jungen Russin keine Beachtung geschenkt. Ich hatte wohl eine sanfte Frauenstimme, welche zu mir sprach, vernommen und den Druck eines runden vollen Armes empfunden, allein meine Gedanken waren zu sehr mit dem Schicksal der merkwürdigen Unbekannten beschäftigt, als daß ich sie selbst einer genauen persönlichen Musterung unterworfen hätte. Als ich sie nun mit einem Male, von zahlreichen Kerzen beleuchtet, vor mir erblickte, war ich durch den ersten Eindruck, den sie auf mich hcrvorbrachte, geradezu verblüfft. Eva von Frank ist kaum sechzehn Jahre alt. Es ist eine schlanke Gestalt, die in jeder ihrer Bewegungen eine unbeschreibliche Hoheit, lind zugleich Anmuth zur Schau trägt. Ihre Züge sind von einein wunderbaren Adel des Ausdrucks. Ein tiefblaues, unter langen schwarzen Wimpern verborgenes, von hoch geschwungenen Brauen überwölbtes Auge schien mir auf den Grund der Seele blicken zu wollen. Die hohe Stirn, edclgeformte Nase, der kleine Mund mit seinen kräftigen rothen Lippen, hinter welchen, wenn sie spricht, zwei Reihen weißer Zähne zum Vorschein kommen, verleihen ihrem Antlitz einen ideal schönen Ausdruck. Ein schwarzes Lockenhaar umrahmt das edle Oval des Gesichts und fällt in dicken Ringen auf die feinen schmalen Schultern herab." „Stanislaus," rief die Gräfin, „was ist mit Dir geschehen? In diesen Farben schildertest Du noch nie eine Dame." „Ja, Mutter, Sie haben Recht! Ich kann versichern, daß ich mich jetzt noch nicht von dem Eindruck erholt habe, den Eva von Frank auf mich hervorbrachte." „Aber Gräfin," bemerkte der König, „lassen wir die Liebesgeschichte bis nachher, und hören wir erst die Fortsetzung seines Aben-