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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-09 · Heft 41 (9.10.1891) · p. Seite 489

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 41 (9.10.1891)
Date
1891-10-09
Page
Seite 489 (sequence 9)
Language
German
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aber haftet zumeist am Aeußeren (1. Sam. 16, 17), darum verliert der Mensch nicht selten den Maßstab für seinen eigenen Werth oder Unwerth; er schmeichelt sich selbst mit seinen Augen (Ps. 36, 3), erscheint weise (Spr. 26, 5; 12,16; Jes. 5, 21), rein (Spr. 30, 12), bald zu hoch, bald zu niedrig in seinen Augen (1. Sam. 15,17; 18, 23; 2. Sam. 6, 12). 6. Aber das Auge reflektirt nicht blos, was das Herz erfüllt, sondern trügt auch die Erscheinungen der Außenwelt unserem inneren ^eben zu und weckt dadurch einerseits Erkenntniß, andererseits Begierden. 248 Glieder hat der Mensch, allesammt aber kommen und gehen nach den AugenH — das Auge erfreut das Herz (Ex. 4, 14; Jes. 66, 14; Spr. 15, 13). Sobald die Augen geöffnet sind, erkennt der Mensch, was gut ist und was böse (Gen. 3, 5). Sehen führt zum Denken (Num. 15, 34); es ist uns gezeigt worden, auf daß wir erkennen (Deuter. 4, 35) — Sehen erzeugt aber auch Schrecken (Jes. 60, 8), kann unter Umständen auch Wahnsinn zur Folge haben (Deuter. 28, 34). Durch die Augen kommt die Sünde:') denn dem Auge folgt das Herz (Hiob 31, 7). Herz und Auge sind die Vermittler der Sünde-), darum spricht Gott: Mein Sohn, giebst du mir Herz und Auge, dann weiß ich, daß du mein bift! 3> Durch das Auge drängt sich namentlich die Sünde der bösen Lust') (Spr. 23, 33) ins Herz; denn der böse Trieb vermag nur über das zu herrschen, was das Auge sieht. 5) Das Auge weidet sich gerne an dem Anblick des Weibes"), ehebrecherisch ist es, es achtet auf das Dunkel und spricht: Nun sieht mich kein Auge (Hiob 24, 15)! Darum spricht Hiob: ich habe mit meinen Augen einen Bund geschlossen, d. h. ich habe sie verpflichtet, daß sie über meine Sinne wachen und sie nicht bethören. Das Auge steht an der Pforte des Leibes, lim die Sinne zu reizen, aber auch um sie zu hüten, daß sie nicht der Gefahr der Augenlust verfallen. Eine Augcnlust nennt der Prophet Ezechiel (24, 16) sein Weib; aber auch das Heiligthuin Israel kann zur bloßen Augenlust sinken, wenn der Dienst in seinen Räumen entgeistigt, wenn falsches Vertrauen in feinen Bestand gesetzt wird (ib. 24, 21). Die Frommen sehen und aus dem Gesehenen erwächst ihnen Freude; die Sünder aber fallen durch das, was sie sehen, in die Netze der Sünde/) Das Auge war es, das Eva verführte (Gen. 3, 6), dem Auge entstammte die Sünde der Kinder Elohims (ib. 0, 2), die Sünde Hains (ib. 9, 22); durch die Augen fielen Sichem (ib. 34, 2), das Weib Potiphars (ib. 39, 7), Achan (Jos. 7, 21), Simson (Nicht. 16, 1), David (2. Sam. 11, 2), Amnon (2. Sam. 13, 7) und Ahab (1. K. 7, 21). Aber die Augen, die da sündigen, werden auch gestraft: Simson ging seinen Augen nach, darum ward er geblendet"); auch Israels Süiide entstammt den Augen (vgl. Jes. 3, 16), darum entströmen ihnen Thränenbäche ohne Ende ob des Volkes Elend, (vgl. Klgl. 8, 16); aber am Ende sollen auch die Augen zuerst getröstet werden — Aug in Auge sollen sie sehen, wie Jahve einst nach Zijon zurückkehrt?') 7. Das Auge ist der Spiegel der inneren Natur, des sittlichen Standes und der Veranlagung des Jndividiums, daher ein Bild seiner geistigen und sittlichen Fähigkeit und Beschaffenheit. ') Jalk. Hiob 908. 9».-) Jalk. Rum. 600; Num. r. 10, 0. 9 Num. r. 10, 5; Snbb. 64 l>. 9 Sota 8 a. 9 Joma 74 b. 9 Jalk. Sam. 168. ®) Sota IOa; Num. r. 9, 25. *) Jalk. Jes. 445. Die Unfähigkeit zur Erkenntliiß der Wahrheit ist für die Schrift der Stand des Geblendetseins der Augen (Jes. 61, 10), wobei die Anschauung von der Thatsache ausgeht, daß nicht so sehr das äußere Organ, als vielmehr das innergeistige Erkcniitnißvermögen das eigentliche Sehen bewirkt, weshalb auch nur das Sehen, das von Erkenntniß begleitet ist, Werth hat. Die Abkehr von Gott erzeugt geistliche und sittliche Blindheit (Jes. 6, 10; 29, 10; vgl. Röm. 11, 25; Ephes. 4, 18). Gott ist Licht; wer sich von ihm wendet, sinkt in Finsterniß. Das ist die Nacht, in der die Völker tappen. Die aber nach seinem Willen wandeln, verschließen wohl das Auge, um nicht das Böse zu sehen (Jes. 33, 15), halten es aber offen, um in sein Licht zu blicken (Ps. 36, 10). Tie Götzendiener haben verklebte Augen (Jes. 44, 18), auch Israel geht oft mit geschloffenen Augen umher (Jes. 6, 10; vgl. 44, 18; 32, 3); er hat Augen, sieht aber nicht und will nicht sehen (Jes. 43, 8, vgl 42, 19). Auch Gott selbst verschließt zuweilen die Augen der Völker, wenn sein Abfall sich mehret, dann geht Israel nur im Schlafe umher, die Weiffagungen der Propheten werden ihnen ein versiegeltes Buch (Jes. 29, 10); aber es kommen wieder Zeiten, da auch Gott die verschlossenen Augen öffnet, d. h. dem sittlich-geistigen Verfall Einhalt gebietet (2. K. 6, 17, 20; Num. 22, 31); er hat einen Knecht sich erkoren, für Israel ist er der Prophet, für die Völker aber Israel in seiner Gesammtheit'), der Knecht Jahve's wird die blinden Augen öffnen (Jes. 32, 7). Die sich gegen das Anbrechen des Lichtes sträuben, sie sollen gestraft werden — aus den Höhlen schwinden die Augen derer, die gegen Jerusalem daun noch zu Felde ziehen (Sach. 14, 12). Eine bange Nacht ist für Israel die (-Gefangenschaft, wie der Blinde an der Wand und wie der Augenlose tappt er umher, am Mittag straucheln sie allesammt wie in der Dämmerung (Jes. 59, 10); aber eine neue Zeit führt der Herr herbei, dann werden offen die Auge» der Blinden (Jes. 29, 18; 35, 5) und die im Dunkeln gewandelt, sehen großes Licht-) (Jes. 9, 1). (Fortsetzung folgt.) * FEUILLETON d- Aer heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. (Fortsetzung.) Der König bewillkommnete noch die hervorragenden polnischen Großen und Würdenträger, begrüßte den Grafen Mareolini und den sächsischen Residenten, erschien alsbald mit beiden Letzteren und stellte den Grafen Mareolini dem Bischof vor. „Ich habe den Grafen heut in feierlicher Audienz empfangen, ich wünschte nunmehr auch das Vergnügen zu haben, ein wenig seine Gesellschaft zu genießen. Wenn Ihre Angelegenheit kein polnisches Staatsgeheimnis berührt," bemerkte lächelnd der König, „so können Sie mir dieselbe ja in seinem Beisein erzählen." „Ich bitte, Majestät," erwiederte der junge Lubomirski, „es ist bei unserer Sache sogar eine Dame tut Spiele, wo aber Damen sind, kann von Staatsgeheimnissen nicht die Rede sein." *) Ueber beit Knecht Jahve's vgl. mein „Das Jahrhundert nach dem babyl. Exile", Berlin 1885, S. 18. Nebenbei sei bemerkt, daß die neutestamentlichen Berichte von den Wunderheilungeu der Blindett durch Jesus diesen Weissagungen nachgebildet sind, vgl. die Apologien des heil. Justinns, S. 84. Das a. T kennt nicht das Wunder derartiger Heilungen.

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