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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-09 · Heft 41 (9.10.1891) · p. Seite 488

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 41 (9.10.1891)
Date
1891-10-09
Page
Seite 488 (sequence 8)
Language
German
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488 sieht Angst und Demüthigung (1. K. 21, 29), Hilfe und Heil (Ex. 14, 13; Ps. 50, 25; 9, 16); er sieht das Leben (Koh. 4, 15; 9a), anstatt cs zu genießen; er sieht den Tod (Ps. 89, 49), die Hitze (Jes. 44, 16), anstatt sie zu erleiden; anstatt etwas zu schmecken und zu riechen, sieht er es (Gen. 27, 27)'), selbst Gesprochenes und lautbar Gewordenes, die Nachricht (Gen. 42, 1), Donner und Posaunenschall (Ex. 20, 18) nimmt sein Auge wahr.-) Und weil so das Gesicht als Hauptsinn erscheint, durch den der Mensch die Eindrücke der Außenwelt in sich anfninimt, daher wird zuweilen, um mit der Mannigfaltigkeit auch die Einheit der Sinneswahrnehinungen zu bezeichnen, blos von einem Auge gesprochen (B. 31, 10; Klgl. 3. 48-51; Gen. 44, 21; Jer. 39, 12) - das Auge tritt gleichsam an die Stelle des Genie in sinn es, dem alles Fühlen und Empfinden zugeschrieben wird. 3. Der Antropomorphismns der Schrift stellt auch Gott mit Allgen dar. „Laß dein Auge offen .sei» über diesem Hause Nacht und Tag!" betete Salomo bei der Einweihung des Heiligthuines (1. K. 8, 29); „öffne deine Augen und sieh!" betete Hiskia, da die Schmähung des Feindes ihn tief erschütterte (2. K. 19, 16; Jes. 37, 17); „öffne deine Augen und steh unsere Trümmer und die Stadt, über der dein Name genannt ist!" betete Daniel (9, 18). Das Auge Gottes ist ein Bild seiner Allwissenheit und Heiligkeit. Das Auge Gottes ist nicht blöde, wie das der Menschen (Hiob 10, 4); der das Auge gebildet hat, sollte der nicht sehen? (Ps. 94, 9); seine Augen sehen und seine Augenlider prüfen jeden Menschen (Ps. 11, 4); sie sehen alle Wege (Hiob 34, 21; Jer. 32, 19); sie sehen den Fleischilumpen, noch ehe aus ihm der Mensch gebildet wird (Ps. 139, 10); sie sehen an allen Orten die Bösen wie die Frommen (Spr. 15, 13); sic behüten guten Rath (Spr. 22, 12) und sehen nach der Trelie (Jer. 5, 3). Die Augen Gottes sind rein (Hab. 1, 13), heller denn die Sonne; sie sehen Alles, was die Menschen thun und blicken auch in die geheimsten Winkel (Sir. 23, 28, 29). Tic Augen Gottes sind aber auch das Organ seines Wohlgefallens und seiner Strenge — von den Frommen wenden sie sich nicht (Hiob 30, 7); sie ruhen auf Jenen, die den Herrn fürchten (Ps. 33, 18; 34, 16), auch auf Jerusalem (Sach. 12, 4); sie blicken aber auch voll Zorn hernieder (2. K. 19, 0; Jes. 37, 17; Am. 9, 4, 8); Ruhmredige bestehen nicht vor ihnen (Ps. 5, 6). 4. Gott entgegengesetzt sind die Götter der Heiden, die Angen haben und doch nicht sehen (Ps. 115, 5), und die Menschen. Gottes ttillge ist das Auge der Höhe, das des Menschen das Auge von unten. 0 Blind sind alle Augen, so sie nicht Gott erleuchtet Z, daher soll der Mensch beim Erwachen am Morgen sprechen: „Gelobt seist du, der du die Augen öffnest!"') 0 Vgl. Jb». Esra zu Ge». 4i>, 1 intö Ex. 20, 15; ogl. auch Kauffluauu, a. a. O. S. 67. — Weil „sehen" nicht blos auf das Sinnlich- Wahrnehmbare, sondern auch ans das Geistig-Geahnte und Erkannte augewendet wird, darum heißt derjenige, der das als wahr Erkannte in's Volksbcwußtsein trägt, n^lT (I. Sam. 9, 9) oder der Seher (Jer. 6, 17, Ex. 3, 17; vgl. Hab. 2, I); darum heißt das, was der Prophet kündet pTn (Jes- >, 1), fHtN Jes. 22, 5 und j-flTP! 30- 28, 18 das Gesicht. Nebenbei sei bemerkt, daß einzelne hebräische Sprachstämme noch die doppelte Bedeutung des Hörens und Sehens behalten haben; vgl. TH glänzen und TTH rufen; hell sein und loben; glänzen und jubeln; TX5 TU und “HS leuchten und strömen; 313 blühen und sprechen; vgl. kaos, lös und fanai im Griechischen. -) B. Kama 79h; Mechilta Mischpatim 15, Nnm. r. 9, 54. lieber die Sehkraft des göttl. Auges Gen. r. 9. 3) Gen. r. 53. 0 Ber. 60b. •') Vgl. den Ausdruck: deine Augen möge» durch das Licht der göttlichen Lehre leuchten, Ber. 7a; Sota 6a; Erub. 136a; vgl. auch Deuter. 5. 8, wo die Thora eine Aligeufalle genannt wird. Leuchtende Augen (1. Sam. 4, 30) danken Gott das Licht (Esr. 9, 8; Ps. 13, 4), denn in seinem Lichte sehen wir Licht (Ps. 36, 10). Wenn Gott den Augen das Licht entzieht, dann bricht über sie der Todesschlaf herein (Pf. 13, 4); so er aber die Augen öffnet, dann enthüllen sich dem Menschen die Geheimnisse des Gotteswortes (Ps. 119, 18). Auch dieses ist ein Licht — das Gebot Gottes ist lauter, erleuchtet die' Augen') — Ps. 19, 9. Wer offene Augen hat, der findet allezeit Brod (Spr. 20, 13); darum hat der Weise seine Augen im Kopfe (Koh. 2, 14), während die Augen des Thoren ruhelos umherschwcifen (Spr. 17, 24). 5. Auge und Herz stehen in engster Verbindung, in steter Wechselwirkung zu einander. Was im Herzen ruht, das erscheint im Auge verkörpert — der im Innern ruhende oder augenblicklich vorherrschende Zustand wird durch die Augen gleichsam versichtbart; daher die Schrift Auge und Herz häufig neben einander stellt (Nun,. 15, 38; 2. Ehr. 7, 16; Jer. 22, 17 u. a.). Das Auge ist das Fenster der Seele, der Spiegel des Herzens — was dieses erfüllt: des Zornes flammendes Grollen, des Neides verzehrendes Feuer, der Liebe beseligendes Glück, das drückende Bewußtsein der Schuld, aber auch die innere Hoheit, vor der sich Alles beugt, das heilige und heiligende Gefühl des Mitleids und der stillen Wehmuth — Alles spiegelt sich im Auge ab; was Einer im Sinne hat, das sieht man ihm an den Augen an (Sir. 13, 31). Als Samuel zum ersten Male David sah, da erwachte in ihm die Furcht, dieser sei blutgierig, denn roth-war sein Aussehen (1. Sam. 10, 12); als er aber in seine Augen blickte, da ward ruhig sein Herz, denn schön waren sie und mild. -) Kindliches Vertrauen zu Gott hebt demüthig das Auge zu ihm (Ps: 121, 1; 123,1; Esr. 9, 0); — die Augen zur Sonne, zum Mond zu den Götzen erheben, heißt Götzendienst treiben (Deuter. 4, 19; Ez. 18, 0; 12, 15); das Auge der Frommen schmachtet nach Gott. (Ps. 69, 4), thränt zu Gott (Hiob 10, 20), schmachtet nach seinem Worte (Pf. 119, 82), nach seiner Hilfe (Klgl. 4, 17; Ps. 119, 123) Die Augen des Ränkesüchtigen schließen sich, um Böses zu ersinnen (Spr. 10, 30), gleich blitzenden Schwertern suchen sie den Gehaßten zu durchbohren (Hiob 16, 9). Falschheit und Tücke machen die Augen höhnisch blinzeln (Ps. 35, 19; Spr. 0, 13) und wecken Betrübniß (Spr. 10, 10; Sir. 27, 25). Der Schalk schlägt die Augen nieder und horcht mit Schalksaugen (Sir. 19, 24); der Narr giebt mit einem Auge undsieht mit sieben, was er wieder bekommt (Sir. 20, 14). Das freche Auge durchbricht die heilige Ordnung der Natur, es spottet des Vaters und versagt Gehorsam der Mutter (Spr. 30: 17). Die Sünde, die das Herz des Weibes erfüllt, prägt sich in dessen Gesicht und Augen aus (Sir. 26, 12). Ist die Ehre des Mannes verletzt, dann schweift unruhig sein Auge hin und her (Hiob 15, 12); mild leuchtet das Auge von Schonung (Deuter. 13, 4), freundlich ruht es auf dem, was ihm wohlgefällt (Ps. 32, 8,) — das Objekt hat sein Wohlgefallen gefunden (1. Sam. 20, 3, 29; Gen. 32, 8 u. f.), erscheint seiner Beachtung würdig, wird seine Lust (1. Sam. 26. 21, 24; 1. K. 20, 6; Ez. 24, 16; 21, 25; Klgl. 2, 4), erscheint ihm wunderbar (2. Sam. 13, 20); im Gegentheile aber lvendet sich das Auge unwillig ab (1. Sam. 12, 3). Das Objekt erscheint ihm verächtlich (Esth. 1, 17; 3, 6). Die Augen Gottes blicken gerade (Ps. 17, 2); so sollen auch der Menschen Augen gerade sehen und die Wimpern den Weg ebnen, der vor ihnen liegt (Spr. 4, 25; vgl. Midr. Spr. z. St.); allein nur die Augen Gottes dringen in die Tiefe, des Menschen Auge -) Vgl. Gen. r. 63. 0 Hhl. r. 4, 2; vgl. Tanch. Tezawe 6, dagegen Jalk. Rum. 650.

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