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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-09 · Heft 41 (9.10.1891) · p. Seite 487

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 41 (9.10.1891)
Date
1891-10-09
Page
Seite 487 (sequence 7)
Language
German
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487 Gelangte jene Doktrin zur Allgewalt, was glücklicherweise undenkbar ist, so'wären allgenieinc Verfinsterung und gänzliches Absterben aller geistigen Thütigkcit die unvermeidlichen Folgen. Da aber nicht der Buchstabe, sondern der Geist der jüdischen heiligen Schriften den Osfenbarungsströmungen inne wohnt und den Hauptquell ihrer Lebenskraft bildet, entwickelt sich immer mehr und mehr ihre segcuspcndende Entwirkung. Nach buchstäblicher Einheit zu suchen, war Sache der früheren Jahrhunderte; und damals feindeten die verschiedenen derartigen Bewegungen, jede mit fanatischem Eifer die Alleinherrschaft verlangend, einander grimmig hastend an. Gegenwärtig fühlen alle ernstlich Forschenden sich geistig eins mit allen anderen ernsten Forschern, und das Gefühl der Einheit wird durch die Verschiedenheit der Ergebnisse nicht gestört, sondern gefördert. Dieser Entwickelungsprozcß zeigt, was die Offenbarung ist: nämlich eine ewig fortwirkendc, sich immer wieder und wiederum erneuende Kraft, welche das menschliche Gcmüth zur Gottheit in .Beziehung setzt. Sie hat für das Geistesleben dieselbe Bedeutung wie für das Materielle diejenige Kraft, die, je nach den beobachteten Erscheinungen, Warme, Licht, Elektrizität, Anzichrmgskraft, Bewegung genannt wird. Gerade deshalb aber wird, wenn jene Kraft sich als Durst nach reiner Wahrheit äußert, das Bewußtsein der ewigen Unzulänglichkeit menschlichen Denkens, Erlenuens und Wissens wachgcrufen. Immer mehr und mehr, tiefer und tiefer empfindet der Forscher Gemüth, daß diese Errungenschaften der Forschung ewig unvollkommen sein werden und müssen, und daß daher das Streben nach reiner Wahrheit endlos ist. Wie sich, wenn wir vom hier Gesagten ausgehen, die Aufgabe der Juden in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gestaltet, werden wir im nächsten Briefe erörtern. London, 31. August. Dein 6. U Nas Auge in Bibel und Talmud. Ein Essay von Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Berlin, i. Bedeutung des Auges. 1. Was die Sonne für das All ist, das ist das Auge für den Menschen. Das Auge ist eine Sonne'), nicht blos weil cs untcr allen Naturgebildcn dem Lichte ain meisten verwandt ist, sondern auch weil es selbst lichtbildend, eine Quelle des Lichtes ist, weil es zwischen dem äußeren Lichte und dem inneren im menschlichen Geiste, zivischen der Sonne des Weltalls und der. unseres geistigen Lebens vermittelnd wirkt. Während die anderen, die sogenannten niederen Sinne, nur für das, was ihnen nahe liegt, was vom Stofflichen mit ihnen in Berührung kommt, empfänglich sind; während selbst das Gehör, das gleich dem Gesicht der höchsten Erkcmrtnis des Geistes dient, — daher beide schon im jüdischen Mittelalter als höhere Sinne bezeichnet wurden") —an die Schallwellen der Luft gebunden ist, demnach über das Gebiet der Erde nicht hinauszureichen vermag: dringt das Auge in die Höhe und in die Tiefe, sieht das Atlge zahllose Welten in uncrineßlicher Ferne schwimmen, eröffnet uns das Auge Einblicke in das innere Leben des Alls, in die wunderbare Mannigfaltigkeit seiner Erscheinungen, macht uns das Auge möglich, die Größe und Erhabenheit der Schöpfung zu begreifen und zuletzt das Unendliche, den Schöpfer, zu ahnen. „Sehe ich deinen Himmel, deiner Finger Werk, Mond und Sterne, die du bereitet; was ist der Mensch, daß du sein gedenkest; was der Erdcnsohn, daß du ihn beachtest?" singt der Psalmist — das Licht des Tages, die Wunder des gestirnten Himmels, Menschenleben und seine Kraft, Erdenweben und sein Gesetz, der Mensch sieht es mit seinem Auge, lind der Tiefe der Brust entringt sich der Ruf: „Ewiger, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!" (Ps. 8, 4 f.) Unser Ange ist eine Sonne. Wie die Sonne in allen Thcilen des Alls Leben weckt und sic zn einem Ganzen verbindet, also konzenlrirt das Auge alle Thätigkeitc» des Menschen zur Einheit. Durch Vermittelung des Auges werden Begriff und Gedanken Eins. Das Ange ist die höchste Blüthc unseres organischen Lebens. Rund ist cS wie die Erde, wie die Sonne, wie das Schädclgcwölbe des Menschen. Als hcrvorspringendste Partie der Gehirnnervcn sitzt es unabhängiger als alle übrigen Theile des Leibes in den Augenhöhle», unigeben von einer Hornhaut, die durchsichtig ist wie der Acther. erfüllt von einer Flüssigkeit, die dem Wasser gleicht, und hinter dieser befindet sich die wie polirtcs Metall glänzende krystallinische Linse, an welche sich, der Pflanzenbildnng ähnlich, die glasartige Feuchtigkeit, an der inneren Wand die Netzhaut, das Organ der gesteigerten Empfindung, und die Regenbogenhaut mit ihrer besonderen Reizbarkeit anschließt.') So ist das Ange nicht blos ein Spiegel des Alls, sondern eine Welt im Kleinen. Dieser Umstand sowohl, wie auch die Bedeutung, die cs für das Menschenleben hat, bewirkte es, daß, sobald im philosophischen Schriftthum des jüdischen Mittelalters die Sinne aufgczählt werden — das Altcrthuni kennt noch nicht deren Fünfzahl') — in erster Reihe das Gesicht genannt wird.'') Durch Gesicht und Gehör empfangen wir die reichsten, namentlich durch ersteres die bestimmtesten Anschauungen von der Außenwelt, daher die heilige Schrift Auge und Ohr so neben einander stellt, als wären es Zwillingspaare.') (Ps. 92, 12; 94, 9; Spr. 20. 12.) 2. Wie im biblischen Schriftthum das Herz als Träger aller Lebenskraft, als Mittelpunkt alles geistig-seelischen Lebens und Schaffens erscheint5), so wird das Auge als Quell alles leiblichseelischen Fühlcns und Empfindens angesehen. Jede Wahrnehmung, sei sic sinnlicher oder geistiger Art, selbst bewußtloses Erleiden wird in der Schrift als ein „Sehen" bezeichnet. Der Hebräer sieht nicht blos wirkliche Wesen und Erscheinungen, er sieht auch Abstrakta: Bosheit (Gen. 6. 5; 1. Sam. 12, 17), Unrecht (Hiob 11. 11; Ps. 66, 18) und Falschheit (Ps. 119, 37), Weisheit und Thorheit (Koh. 2, 12), Recht und Gerechtigkeit (Koh. 7), Glück und Unglück (Hiob 7. 7; 9, 25; Ps. 4, 7; 34. 9, 13; Reh. 2, 17). Der Hebräer leidet nicht Schmerzen, empfindet kein Elend, er sieht Schmerz und Elend (Hiob 21, 13; Gen. 29, 32; «Rum. 23, 21; Pf. 9, 14), oder der Jammer verbirgt sich vor seinen Augen (Hiob 3,4); der Hebräer 1) Vgl. IainiSköpfc. Zur Philos. n. Theol. von Günther und Pabst, Wien 1834, S. 69. 'p Nnm. 14, 24 wird wchl die Füinzahl der Böcke und Lämmer bei den Opfergabc» der Fürsten (Nmn. 7) auf die 7, Sinne und deren Wahrnehmungen bezogen '.11 fflWm Tt allein bekanntlich gehört gerade dieser Thcil des Midrasch einer jüngeren Zeit an; vgl. Znnz Gottesdienst! Vortr. S. 280; vgl. auch J.ilk. Koh. 975 s. v. mi£W b) Vgl. Kanffmann, Die Sinne S. 41; Ps. n;>, 5 wird znerst der Mund als Werkzeug der Sprache, die den Menschen aus der Reihe der übrigen Wesen hebt (vgl. Targ zu Gen. 2, 7, wo „der Lebensgeist" mit „sprechender Geist" wiedergegeben wird), sodann aber das Auge als das wichtigste der Sinnesorgane genannt, vgl. Jalk. Jes. 44.7. 4) Vgl. die bei uns übliche Redensart vom „Hören und Sehen". 5) Ueber die Thätigkeit des Herzens vgl. Koh. 1, 38. 1) Ab. di R. Rath. r. 31. 2) Vgl. .Jad Josef zu Jethro, Derascha 1 und 2.

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