Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1891)
- Date
- 1891-10-09
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
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486 reiche Wirksamkeit derselben, so wird er in ihnen beachteuswerthe Ccntralpunkte anerkennen, ihnen Rücksichten erweisen, ihren Rath einzichcn, Gutachten von ihnen einfordern und sie alt malig mit einer gewissen Autorität umkleide», die ihr Ansehen den Gemeinden gegenüber erhöhen wird. Als die centrale Spitze aber, ja als die Krönung des Baues erscheint der deutsch-israelitische Gcnicindcbund, der erst dann seine rechte Bedeutung für die Gemeinden Deutschlands gewänne. So stellt sich dem Auge dessen, der liebend die Gemeinde umfaßt, das schöne Bild eines reich entwickelten Lebens im Dienste des Judenthums, im Dienste der Humanität dar, in dem Einzelgcmeiudc, Provinzialverband und Centralbehörde Nahrung, Kräftigung und Stärkung von einander empfangen. Mochte dem schönen Bilde die wohlthuende Verwirklichung nicht fehlen! U Der arische Ursprung der Juden und ihre Welthistorische Bestimmung. Eine Reihe von Briefen. Von Prof. Dr. G. M. Asher i» London. HI. Lieber W. Dem in meinem früheren Briefe angedcntcten Plane gemäß wollten wir uns jetzt Rechenschaft geben von der den Inden, als fast unvcrmischtcn Nachkommen der Arier, vorgezeichneten Aufgabe. Zum Wegweiser diene der Lehrbegriff der protestantischen Theologie, welcher die Juden das Volk der Offenbarung nennt. Allerdings zeigen die haarsträubenden Sophismen, zu denen die Theologen ihre Zuflucht nehmen, um jenen Begriff mit der Wissenschaft in Einklang zu bringen, daß er in der sich hier bietenden Gestalt nichts weiter ist als ein Uebcrblcibsel aus einem überwundenen Stadium wissenschaftlichen Denkens; und die etwaigen Versuche sind die kräftigsten Belege dafiir, daß, wie Paulus ausspricht, der Buchstabe tödtet. Denn zu ihnen werden die Theologen geführt durch die Behauptung, die jüdischen heiligen Schriften seien im buchstäblichen Sinne das Wort Gottes. Dennoch aber sieht man, wenn man, die historischen Thatsachen unbefangen überblickend, jene Worte im Auge behält, deren großen Werth als Ausgangspunkt für die Erkenntniß der Aufgabe der Juden. Der Augenschein lehrt, daß die Europäer und ihre mit ihnen im selben Geistesleben vereinigt gebliebenen außereuropäischen Sprößlinge den bei weiten wichtigsten Bestandtheil der arischen Welt ausmachcn; und ebenso augenscheinlich ist die Thatsache, daß diese Wichtigkeit ihren Grund in der aus den jüdischen heiligen Schriften aufgeblühten Religion hat. Zu der Befähigung, den europäischen Nationen als Bindemittel und Grundlage zu dienen, entwickelte sich die den Juden gewordene Offenbarung durch einen langen Evolutions- Prozeß, von dessen Gang das alte und neue Testament und der Talmud die Fußtapfen bewahren. Es ist aber, selbst in der durch Christus gegebenen Form, die den Juden gewordene Offenbarung keineswegs allein ausreichend für die Bedürfnisse der europäischen Welt, sondern eben darin hauptsächlich liegt der Werth jener Leistung, daß derselbe geeignet war, und ist, mit sich die Resultate der Evolution des griechischen und römischen Geisteslebens organisch zu verbinden. Auf diese Weise ist z. B. die Monogamie, obwohl der jüdischen religiösen Tradition fremd, heut ein so wesentlicher Bestandtheil der europäischen Ueberzeugungen, daß Europäer, die Juden nicht ausgenommen, sich Familie, Sitte, Recht, Staat und religiöses Leben anders als auf monogamischer Grundlage nicht denken könne». Das ist, wie gesagt, nur ein Beispiel. Ueberall im europäischen Geistesleben finden wir die Fortentwickelung der organisch mit einander vereinigten, aus der Evolution des geistigen Lebens in Palästina, Griechenland und Rom hervorgegangenen Elemente. 'Für die organische Natur und Kraft des dieser Art entsprossenen Lebens liefert den besten Beweis dessen Aufpfropfung auf diejenigen Völkerschaften, die der griechisch-römischen Welt als Barbaren galten. Denn gerade hier ist die weitere organische Fortentwickelung am urkräftigsten und gesündesten. Charakteristisch ist besonders, daß alle germanischen Sprachen, jede für sich, durch Aufnahme der Bibel, zuerst indeß der Vulgata-Uebcrtragung und dann, erneuert, aus den Originalurkunden, zur Entfaltung ihrer Lebenskraft gelaugt sind; und daß Aehnliches auch von den slavischen Sprachen gilt. Um uns nun in die Bedeutung des bisher von uns beobachteten Phänomens einen Einblick zu verschaffen, ist es nöthig, daß wir uns, namentlich der protestantisch-theologischen Osfenbarnngsdoktrin gegenüber, klar darüber werden, wie es sich wirklich mit der Offenbarung verhält. Wie überhaupt alle direkten Beziehungen der menschlichen Seele zu Gott ist die Offenbarung Sache des Gemüths; und nur indirekt empfängt die Erkenntniß die Kraft und das Licht, deren sie bcnöthi„t. Das sehen wir am besten, wenn wir uns den die Gemüther der Forscher füllenden, ihre unermüdliche Arbeit hcrvorrufcnden Durst nach reiner Wahrheit vergegenwärtigen. Entsprungen aus der organischen Vereinigung der Produkte der den Juden gewordenen Offenbarung mit dem des griechischen und römischen Geisteslebens, erzeugt diese Triebkraft eine Besühigung, in das innere Wesen der Dinge einzndringen, welche die Juden Palästinas nur auf dem Gebiete der Religion, die Römer nur auf dem Gebiete des Rcchts besaßen, während die ausgezeichneten griechischen Lchrmcistcr dieser Arbeit hinter heutigen Forschern zweiten Ranges zurückstehen. Im schroffsten Widerspruch aber mit jenem Durst nach reiner Wahrheit ist das von der protestantisch-theologischen Doktrin an die heutige Welt gestellte Ansinnen, die in den jüdischen heiligen Schriften enthaltenen naturwissenschaftlichen Anschauungen als absolut wahr und den Prüfstein aller Wahrheit zu betrachten; eine Ausgeburt der sich um Thatsachen nicht kümmernden, aus längst überivundenen Perioden wissenschaftlichen Denkens in die Jetztzeit geschleppten deduktiven Methode: das weitere Fortgehen auf diesem Wege führt, indem nach der Theologen Art ihre Doktrinen mit der Religion identifizirt werden, zu der gotteslästerlichen Absurdität, Religion und Wissenschaft seien im Widerstreit; ein Unsinn, der in der That als Axiom verkündet wird und zu einer Masse konfuser, sophistischer Versuche der „Versöhnung zwischen Religion und Wissenschaft" Anlaß gicbt. In Wirklichkeit sind die jüdischen heiligen Schriften, obwohl der Hauptguell, keineswegs der einzige Quell der Offeubarungsströmungen. Der Griechen und Römer Antheil an der Hervorbringung der heut in der europäischen Welt herrschenden Ueberzeugungen geht weit hinaus über bloße Aufnahme und Verbreitung ans Palästina gekommeiicr heiliger Ueberlieferungen. Aus der eigenen früheren Geistesthätigkeit Griechenlands und Roms ist höchst Wesentliches eingeflossen, und noch wichtiger ist der Griechen und Römer Wirksamkeit zur Entfaltung der aus Palästina empfangenen Keime, von denen viele bis dahin fast latent geblieben waren. Von den Nationen der Neuzeit wurde dann, und wird imnier mehr und mehr die Arbeit der Entfaltung aller überkommenen Elemente der Offenbarungsströmungen in überaus mannigfaltiger und fruchtbringender Weise weiter fortgeführt. Diese Thatsachen, verglichen mit der Osfenbarnngsdoktrin der protestantischen Theologie, sind, wie wir bereits in Bezug auf letztere bemerkt, die besten Belege und Erläuterungen für Paulus Ausspruch