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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-09 · Heft 41 (9.10.1891) · p. Seite 483

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 41 (9.10.1891)
Date
1891-10-09
Page
Seite 483 (sequence 3)
Language
German
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MW« - 483 -— Bange machen gilt nicht. Von Dr. jur. M. I. SSobentjeimer.') In einer Frage, welche so sehr das Interesse der ganzen Jndenheit erregt, wie die der Kolonisation der russischen Inden, gilt es vor Allem, jedes Mißverständniß zu beseitigen, um eine objektive Beantwortung möglich zu machen. In einer der letzten Nummern Ihrer hochgeschätzten Zeitung finden sich nun bei der Beurtheilung der Bestrebungen der Zionisten und der Kolonisation Palästinas so viele Jrrthiimer, daß es einer gesunden Entwickelung dieser Kolonisation schaden könnte, wenn diese Ausführungen ohne Erwiderung bleiben würden. Was die erste von dem Verfasser jenes Artikels ausgestellte These anlangt, so ist es vollständig unnöthig, dieselbe z» widerlegen, denn es sind in den letzten Wochen in allen jüdischen Zeitungen so viele Schriftsteller, speziell der Neuzeit, ziiirt worden, welche die Fruchtbarkeit Palästinas vollständig außer Zweifel stellen, daß schon ein sehr großes Mißtrauen dazu gehört, sich jetzt noch ungläubig hiergegen zu verhalten. Ich verweise übrigens in dieser Beziehung aus den Artikel in der „Indischen Presse" vom 9. Juli cr. und ans meine kürzlich veröffentlichte Broschüre. Der Verfasser jenes Artikels hat ferner außer Acht gelassen, daß die Zionisten durchaus nicht so engherzig sind, nur das eigentliche Palästina in de» Kreis ihrer Bestrebungen zu ziehen, sondern daß ganz Syrien bis zum Euphrat das Feld bildet, auf welchem dieselben den vertriebenen Brüderir eine Heimstätte bereiten wollen. Dieses Gebiet ist aber mehr als viermal so groß wie Palästina. Was die von unserem Gegner hervorgehobene Wasserarmuth anlangt, so liegt auch hier ein Jrrthum vor. Die vier Hauptströme Syriens führen, ganz abgesehen vom Euphrat, mit ihrem Wassersystem mindestens so viel Wasser mit sich, wie die Flüsse Süddentschlauds. Außerdem fließen noch eine Anzahl Flüsse und Büche direkt vom Gebirge nach der Meeresküste. Was Palästina in dieser Beziehung gegenwärtig fehlt, ist nichts Anderes als die zweckmäßige Verwendung dieser Wassermengen durch künstliche Einrichtungen. Wenn diese in anderen Ländern nicht vorhanden sind, ist der Betrieb der Landwirthschast ebenso riskirt, wie dies in Palästina der Fall ist, wo keine künstliche Bewässerung staltfindet. Hat denn der Verfasser jeires Artikels berechnet, welche immensen Geldsummen in Deutschland von Privaten und den Regierungen seit Jahrhunderten für künstliche Bewässerung? - Anlagen verwendet worden sind? Vielleicht hat er aber von der sogenannten Albwasserversorgung gehört, für welche die württembergische Regierung viele Millionen verwendet hat. Stellen wir einmal nur die alten Bewässerungsanlagen und die verfallenen Wasserleitungen Syriens wieder her, dann wird sich bald auch die Mythe von der Wafserarmuth dieser Gegenden in Dunst auflösen. Ein anderer gewaltiger Jrrthum unseres Gegners besteht darin, daß er glaubt, wir Zionisten wollten die Auswanderung russischer Juden nach Palästina fördern und dieselbe von Amerika und anderen Ländern durch Propaganda ablenken! Die Einwanderung nach Palästina braucht keiner Förderung. Dieselbe belief sich in den letzten Jahren auf durchschnittlich 10,009 Personen, so ') Dem Grnndsotz der Unparteilichkeit getreu, offnen wir auch einem Gegner unserer Anschauungen gern die Spalten der A. Z. b. I., obwohl wir gestehen, daß uns auch diese Ausführungen des geschätzten Mitarbeiters nicht in der Ueberzengnng zu beirren vermochten, daß Palästina und überhaupt der Orient nicht für die Kolonisation der russischen Inden geeignet sind. Im klebrigen erklären wir hiermit diese unfruchtbare Zeitunaspolemik für abgeschlossen. Die Red. daß die jetzige jüdische Bevölkerung sicher über 100,000 beträgt. Was die Zionisten fördern wollen, das ist das Interesse der deutschen Juden für die wackeren Männer, welche in Palästina eine Zuflucht suchen, indem sie dort entschlossen zur Hacke, zum Spaten und zur Pflugschar greifen, um im Schweiß ihres Angesichts ihr Brod zu erwerben. Während für die nach Nord- und Südamerika answandernden Inden durch Stiftungen gesorgt ist, welche über Dutzende von Millionen verfügen, während in jenen Ländern reiche Glaubensgenossen wohnen, welche den Einwanderern helfend unter die Arme greifen, ist es in Palästina fast nur ein einziger Mann, welcher in edelmüthigster Weise den. einwandernden Juden zur Seite gestanden hat. Wenn trotzdem die dort gegründeten Kolonien zur Blüthe gelangt sind, so ist das nicht der Unterstützung durch die deutsche» Juden zu verdanken, sondern dem Umstand, daß sich die palästinensischen und russischen Juden selbst geholfen haben. Es ist auch das, was in Bezug auf Gründung von Kolonien bis jetzt geschehen ist, gar nicht zu unterschätzen. Eine kurze Zusammenstellung der allein in den letzten zwei Monaten erfolgten Landanküufe seitens russischer Zionsvereine wird vielleicht auch unseren Gegner hierüber aufklären. 1. Kauf durch eine Moskauer Gesellschaft 10,000 Dunam. 2. Durch den Delegirten Chankin in der Ebene Esdrelon einmal 120,000 Dunam und später 100,000 Dunam zu 20 Fr. das Dunam. 3. Bei Djdra 53,000 Dunam ä 15 Fr. 4. Bei Chdera 27,632 Dunam ü 18 Fr. 5. Bei Sedjra 15,000 Dunam ü 13 Fr. 6. Bei Kephar Machanajm 10,000 Dunam ä 11 Fr. 7. Kauf durch eine Gesellschaft zu Jekaterinoslaw 60,000 Dunam ii 4 Vs Fr. im Gebiete Dschulan. 8. Das Gebiet der Dörfer Kuffes, Jadsur, Garbatsch, Chartoa, Kiri-Kimun und Dalia, ungefähr 80,000 Dunam. Wegen eines Gebietes von über 300,000 Dunam schtveben gegenwärtig Verhandlungen zwischen dem Abgesandten Elach Scheid und einigen Beduinenschechs. Ein Dunam, ein türkisches Joch 1600 türkischen Quadratellen. Da dieses (die Draa --- 67:|A cm) 730 qm mißt, so ist leicht zu berechnen, daß dieses bereits in den Händen der neu eingewanderten Koloiristen befindliche Gebiet, abgesehen von den in Aussicht stehenden Ankäufen 475,000 Dunam 346,45 Quadratkilometer beträgt, also größer ist als das Fürstenthum Schaumburg- Lippe. In diesem Gebiet können voraussichtlich ca. 40 jüdische Dörfer angelegt werden. Wie rasch aber das brach liegende Land in Palästina der Kultur wiedergegeben werden kann, beweisen folgende Daten, lvelche ich einem Aufsatze Joseph Zubers in der Selbstemanzipation entnehme. Die Kolonisten von Sichron-Jakob in der Stärke von 70 Familien bebauten int ersten Jahre ihrer Ansiedelttng im Jahre 1882 8, 1883 30, 1884 75. 1885 224, 1890 574 Hektar. Auch der dritte von unserem Gegner berührte Punkt birgt einen Jrrthum in sich. Wir brauchen gar nicht zu erörtern, ob die Türken. Armenier und Griechen etwa fanatischer sind als die sehr gemischte Bevölkerung Argentiniens, da wir die russischeit Juden ja gar nicht zerstreut unter dieser ansiedeln wollen, sondern unsere Bestrebungen eben darauf abzielen, rein jüdische Kolonien zu gründen, in welchen unsere Glanbensgenossen unter sich in Frieden leben könneit. Sollte ein Angriff auf diese jüdischen Dörfer erfolgen, was kaum unerwartet steht, so wird die türkische Regierung unter dem Druck der europäischen Mächte sicher in energischer Weise einschreiten. In jedem Falle dürfte es bekannt sein, daß die jüdischen Bauern in Palästina schon jetzt dem arabischen Gesindel gegenüber allenthalben Selbsthilfe üben. Uebrigens

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