Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1891)
- Date
- 1891-10-09
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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W 482 mm m Unsere Jtolitik. Bon Dr. Adolf Jellinck. II. In dem ersten Artikel über „unsere Politik", der in Nr. 39 dieses geschützten Blattes erschienen ist, wurde ein Programm »ütgetheilt, das die Prinzipiell oder die Zielpunkte enthält, deren Verwirklichnng und Erreichung unsere Politik erstrebt und deren Sieg die thenersten Hoffnungen der Inden bildet. Ist diese Politik eine blos ideale, die dem bewegten und pulsirenden Leben im^ Staate fern steht? Kann sie nicht unseren Entschlüssen und Handlungen, unserer Betheiligung an den politischen und sozialen Kämpfen als Richtschnur dienen? Giebt es eine reale jüdische Politik, welche auf die zahlreichen Fragen der staatlichen Entwickelung und Organisation klar und entschieden antwortet? Auch dies müssen wir bejahen! Unsere Politik behandelt sowohl auswärtige als innere staatliche Angelegenheiten. Denn es giebt kein einziges großes und wichtiges politisches Problem, mag es die Beziehungen der Staaten zu einander oder die Um- und Fortbildung der inneren Berhältniffe betreffen, das nicht uns Juden, unsere politische und soziale Stellring berührte oder richtiger in einschneidender Weise ergriffe. Die große französische Revolution ain Ende des vorigen Jahrhunderts, die Niederlage Napo'eons I., die heilige Allianz und die mit ihr verbundene europäische Reaktion, die Juli- Revolution, die Konstitutionen der kleinen deutschen Staate», die Februar-Revolution im Jahre 1848 und die darauf folgende reaktionäre Strömung, der dcntsch-französischc Krieg und der großartige Sieg des deutschen Volkes, die Scheelsucht Rußlands gegen den mächtigsten europäischen Staat, alle diese politischen Thatsachen, welche die Weltgeschichte verzeichnet, haben auf das Schicksal der Juden in rechtlicher rnrd sozialer Beziehung mächtig eingcwirkt. Auch' die technischen Fortschritte und die ungeheueren Veränderungen, welche durch dieselben im Weltverkehr sich heransgcbildet haben, blieben nicht ohne Einfluß auf das Wohl und Wehe der Inden. Eisenbahnen und Telegraphen z. B. sind gewaltige geseüschaftliche Reformatoren. Die Dampskraft hat viele Beschränkungen zermalmt, und die elektrischen Drähte haben die Annäherung der Menschen an einander gefördert. Man kann daher mit Recht behaupten, daß die Juden zu den wichtigsten politischeir Fragen in Europa Stellung nehmen müssen. Tics zugegeben, können wir an die Gegenwart hcrantreten und die großen politischen Tagesbegcbenheiten von unserem Standpunkte ans bcnrtheilen und einer Prüfung unterziehen. Tie politische Hauptfrage, welche den Tag dominirt, ist der Dreibund zwischen Deutschland, Oesterreich und Italien, welchen Rußland und Frankreich gegenübcrstehcn. Wem gehören unsere Sympathien? Die Antwort kann nach kein Programme „unsere Politik" nicht zweifelhaft sein. Wir müssen als Juden diejenigen Mächte unterstützen, welche die Träger der Civilisation, die Hüter der Gerechtigkeit sind und im Geiste des Fortschrittes arbeiten, nimmermehr aber eine Autokratie, für deren Willkür cs keine Schranke giebt und die sich nicht scheuet, die elementaren Gebote der Menschlichkeit zu verhöhnen. Jeder Jude, dein das Programm der jüdischen Politik heilig ist, weil es dem inirersten Wesen seiner Religion entquillt, wird, wo er kann, in der Presse, im Parlament und auf der Börse den Dreibund stärker und die Vorherrschaft sibirischer Staatsweisheit bekämpfen. Es ist daher eine der ärgsten Sünden, die ein Jude begehen kann, wenn er die Barbarei, welche Europa bedroht, finanziell unterstiitzt und dazu beiträgt, daß ihre Kassen mit jüdischem Gelde sich füllen. Das ist ein Beispiel ans der anslvärtigen jüdischen Politik. Sie hat aber auch ihre Gesichtspunkte, wenn es sich um innere Angelegenheiten oder soziale Fragen handelt. Unsere Politik verlangt, daß wir den berechtigten Ansprüchen der Arbeiterbevölkerung nicht entgegcntreten, die Verbesserung der Lage derselben so viel als möglich unterstützen. Es ist dies nicht blos ein Gebot des Judenthums, das mehr als das klastische Altcrthnm die Arbeit schätzte und das Loos der Arbeiter menschlich gestaltete, sondern auch eine Folge unserer sozialen Politik. Die Arbeiter, wir meinen die anständigen, fleißigen und strebsamen, sind dem konfessionellen und Rasscn-Vorurtheilc unzugänglich, aus ihren Reihen rekrutiren sich die Antisemiten z. B. höchst selten, und wenn auch eines ihrer Stichwörter Kapitalismus lautet, so bekämpfen sie ihn in ihrer Weise nicht, weil er, wie unsere Gegner vorgcben, speziell jüdisch ist, sondern weil sie ihn als ihren feindseligsten Gegner betrachten. Wir haben blos zwei Beispiele angeführt, welche den Beweis liefern sollen, daß es sich in unserer jüdischen Politik nicht blos nm Prinzipien oder Ideale, sondern nm greifbare reale Dinge handelt. Wer das Programin unserer Politik anerkennt,' wird sich in auswärtigen Fragen von der Kräftigung des modernen Tartarenthums lind Moiigolenthums fern halten und in der Lösung sozialer Probleme nicht den Egoismus, sondern die Stimme der Gerechtigkeit zu Rathe ziehen. Es giebt eine jüdische Politik, deren Sieg allen Völken zum Wähle gereichen und das Glück der Menschen fördern würde. Wciin wir sie stets vor Augen haben, so werden wir nie irre gehen und gewiß das Richtige, wir meinen das Gute und Gerechte, treffen. Ich selbst habe einmal speziell jüdische Politik getrieben. Es war im Jahre 1881, als die Wagen des Antisemitismus sehr hoch gingen, und da ich mein ganzes Leben der Sache meiner Glaubensgciiosscn widme, so haben mich die wilden Ausbrüche des Antisemitismus aufs Tiefste ergriffen niid bekümiiiert. Ich war in Marienbad meiner Angen wegen und mußte, um ste zu schonen, mich des Schreibens enthalten. Ich fand einen jungen Ingenieur aus Paris, dem ich eine Zuschrift an den Staatsseketär des Papstes, Monsignore Jaeobini, der früher Nuntius in Wien war, diktirte. In derselben machte ich die römische Kurie, die selbst durch den deutschen Kulturkampf bedrängt war, darauf aufmerksam, welche Sympathien Seine Heiligkeit unter allen wahrhaft edlen und guten Menschen, ohne Unterschied der Konfession, gewinnen würde, wenn von Rom aus ein Wort gesprochen oder ein Schritt gethan würde gegen die Verwüstungen des Antisemitismus, der das Christcnthum schändet und die Anhänger der Kirche in wütheude Barbaren verwandelt. Ich Unterzeichnete nicht meinen Namen, weil ich ein öffentliches Amt an der Spitze einer der größten Gemeinden bekleide und Mißdeutungen nicht ansgesetzt sein wollte, sondern unterschrieb den Spruch des Propheten: „Wir Alle haben einen Vater, ein Gott hat uns geschaffen." Nach einigen Wochen transpirirte etwas davon in einigen Zeitungen und man verbreitete, daß Dr. Ignaz Kuranda gegen den Antisemitismus sich nach Rom gewandt Hütte. Ich schwieg zu dieser falschen Version und veröffentliche diese kleine Episode meines Lebens hier zum ersten Male. Ob meine Zuschrift an den päpstlichen Staatssekretär Jaeobini eine große Wirkung hervorgebracht habe, kann ich nicht mit Bestimmtheit angebe», habe aber gegründete Vermnthung, daß sie nicht ganz vergebens lvar. Seit jener Zeit bildete „unsere Politik" den Gegenstand meines Nachdenkens, und ich wurde immer mehr überzeugt, daß wir unsere Politik haben, deren Programm wir befolgen und rcalisiren inüsscn. Vielleicht findet sich bald wieder Gelegenheit, die Leser dieses geschützten Blattes mit „unserer Politik" zu beschäftigen. U