Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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er hätte scholl so viel Schdnes von ihrer prächtigen Exposition gehört. Er besichtigte anch eingehend rhrell Pavillon und äußerte sich über die Erzeugnisse ihrer Fabrikeil sehr lobend. Noch viele andere jüdische Fabrikanterl wurdeil auf ähnliche Weise vorn Kaiser ausgezeichnet und mit längeren huldvollen Ansprachen beehrt. So hat beim unser Kaiser neuerdings dargethan, daß ihm alle seine Unterthanen ohne Unterschied des Glaubens gleich lieb und theuer sind. An den stolzen Kaiserworten vom Patriotismus seiner jüdischen Unterthanen wird unb muß schließlich der freventliche Uebermuth der Antisemiteil scheitern, und das mag der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs als Beruhigung für die Zukunft und als Genugthuung für dienhnen seitens der Antisemiten angethanen Unbilden dienen. Frankreich. ) Paris, 27. September. Die „Archives israelites“ veröffentlichen eine Reihe voll Briefen hervorragender Franzosen anläßlich des Centennariums der Judenemanzipation. Neben beit Schreiben von Barthelemy, St. Hilaire, Alfred Mezieres, Jules Claretie uitb des Pater Hyaciuthe Loison, des Oberhauptes der gallikanischen Katholiken, ist besonders Jules Simons Brief von Interesse. Derselbe lautet: „Villers sur Mer, den 9. September. Mit Recht feiern Sie das Centennarium der Emalizipation der Judeli durch die koustituirende Versammlung. Dieser Gedenktag kommt sehr gelegen, da wir eine Antisemitenbewegung in Rußland, auf der Balknnhalbinsel, in Frankreich, ja fast überall haben. In Rußland greift mail sie mit roher Gewalt all, in Frankreich mit Verläumdungen, über welche mein Freund GermalN See in der Academie de Medeeine in edelster Weife fein Nrtheil gefällt hat. Ich selbst hatte vor einem oder zwei Monaten Gelegenheit, die Vertheidigung der Judell zu führen, und das hat mir eine Unzahl von Schmähbriefen eingetragen. Einer der Hauptführer der antisemitischen Verschwörung behauptete kürzlich, es sei kein religiöser Kampf. Aber es ist ein religiöser Kampf, zu allen Zeiten und in allen Ländern haben die religiöseil Kämpfe hinter verläumderischell Anklagen ihren Versteck gesucht. Was die konstituirende Versammlung am 27. September gethall hat, das ist weniger die Emanzipation einer Klasse von Bürgern, als eine neue Proklamation, eine neue Anerkellnung des Prinzips der Gewissensfreiheit. Wir Katholiken müssen für jene große That aber so dankbar fein wie die Juden; denll den Juden hat sie die Eigellschaft der Verfolgten genommell, uns aber die viel schimpflichere Eigenschaft der Verfolger. Die Alltisemitenvereine thun hauptsächlich den Christen Uebles, beim sie entehren sie, und den Philosophen, denn sie zeigen, wie gering der Eillfluß ist. den sie heut ansüben. Mit Erröthen sehe ich die Ausbreitung dieser Vereine iu einem Lande, welches dem heiligeil Vinzenz von Paul das Leben geschellkt hat und welches andrerseits die Encyclopädie veröffentlicht hat. Gellehmigen Sie... . Jules Simon." * Paris, 27. September. Heute vor hundert Jahren beschloß die Nationalversammlung die Gleichstellung der Juden in Frankreich. Von Philipp August (1182) ab hatten mehrere Könige scharfe Maßnahmen gegen die Juden getroffen, sie ausplündern, ihre Guthaben vernichten, sie überdies mit Ausnahmestellern bedrücken lassen. Karl VIII. (1482—98) verjagte alle Juden, die nacl) Deutschland und dem päpstlichell Avignon flüchteten. Seitdem wurden einzelne unter drückenden Bedingungen zugelassen; doch hob Ludwig XVI. 1784 den von ihnen gezahlten Leibschoß auf. Sie besaßen jedoch kein Bürgerrecht, mußten bei jeder Ortsveränderung sich bei der Polizei anmelden, durften weder Handwerk treiben noch Boden besitzell, selbstverständlich auch kein öffentliches Amt bekleiden. Trotzdem erlangten einzelne Juden Eillfluß, indem sie den Königen wie beit Großen und selbst Gemeinden unb Körperschaften Geld vorstreckten. Sie warell dann persönlich wohlgelitten. So begreift es sich, daß, im Augenblick ihrer Gleichstellung, nur etwa tausend Juden in Paris wohnten und kaum einige Tausende im ganzen Königreich. Nur im Elsaß waren sie zahlreich von der deutscher! Zeit her. Nach der diesjährigen Zählung giebt es 67,000 Juden in ganz Frankreich, wovon 43,800 in Paris. Im Heer dienen 265 jüdische Offiziere und Gleichgestellte, worunter die Generale Levy, Lambert. See, Hinstin, sowie mehrere Obersten. In den öffentlichen Stellen sind sie ebenfalls stark vertreten, wie die Präfekten Cohn, Vel-Dwand u. s. w. beweisen. Hier sind die Inden trotz ihrer kleinen Zahl sehr zahlreich in allen bürgerlichen Berufen vertreten. Es giebt hier Judeil unter den Arbeitern und Handwerkern wie unter den Gelehrten, Betriebsinhabern und Geschäftsleuten aller Art, ja auch unter den Dienstboten. Noch meinen Wahrnehmungen ist nur ein kleiner Theil der hiesigen Juden mit Handel beschäftigt, trotz der großen Zähl mächtiger jüdischer Bankhäuser. Neun Zehntel der französischen Inden stammen aus dem Ausland, größtentheils ans deutschen Ländern. Die hiesige jüdische Gemeinde beabsichtigt, angeblich zllr Feier der 1791 verfügten Befreiung der Inden ein Krankenhaus für Kranke aller Bekenntnisse zll stiften. Die Kosteil sollen drei Millionen betragen. Rußland. L2 St. Petersburg, 27. September. Ihre Mittheilung in der letzten Nummer von dem ansgewiesenen Soldaten, den man verpflichtete, bei einer etwaigen Einberufung der Reservisten sich zu stellen, ist allerdillgs eine Thatsache. Ich kenne einen solchen Mann; er hat den Grad eines Unteroffiziers — das Höchste, was in Rußland der Militärdienst einem Juden bieten kann— ist sehr gescheitst und brav, Familienvater unb war als Expeditor in einer Redaktion bedieustet. Der Fall dürfte aber nicht vereinzelt sein, da ein solches Verfahren nicht in Beamtenwillkür, sondern im Gesetze selbst wurzelt. Freizügigkeit genießen in Rußland nur diejenigen jüdischen Soldaten, die vor dem Jahre 1874 ihren Dienst absolvirt haben; auf die Soldaten aber neuerer Formation, d. h. die seit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in den Dienst traten, ist jenes Recht nicht übertragen worden, wohl verstanden, denn sonst dürften ja mit der Zeit sämmtliche Juden eben durch den Soldatenkittel zu den bürgerlichen Rechten gelangen. Hingegen ist die in einer früheren Nummer gebrachte Nachricht von einer angeblichen Verordnung des Justizministers, daß selbst getaufte jüdische Juristen erst nach Verlauf von drei Jahren in den vollen Genuß ihrer Rechte treten — bei Weitem noch kein ins Leben getretener Fakt. Es solle, der Nov. Wremja nach, ein derartiges Projekt existiren. Eine solche die Bekehrung der Juden hemmende Maßregel dürfte scholl von Pobedonoszow, dem das Seelenheil der russischen Judell so sehr am Herzen liegt, nicht zugelassen i werdeu. Ein ähnlicher Vorfall war schon. Eill ausgewiesener Jude ' meldete gleich darauf zum Petersburger Stadthauptmann Gresser, daß! er sich tausen lasse- Gresser aber verlangte, daß er erst nach dem jüdischen! Wohnungsrayon übersiedele, sich dort taufen lasse und alsdann nach! Petersburg znrückkehre. Pobedonoszow soll sich des bedrängten Mannes angenommen unb ihm den Uebertritt erleichtert haben, j * St. Petersburg, 21. September. In dem Londoner „D arte st i Russin" findet sich der folgende Brief, welchen der Herzog von! Argyll an ein Mitglied des russisch-jüdischen Komitees gerichtet hat:! „3. September 1891, Jnverary, Argyllshire. Geehrter Herr! Ich hatte! mich der Hoffnung bingegeben, daß die russischen Behörden die wider! sie erhobenen furchtbaren Anklagen hinsichtlich der Verfolgung der Juden! in Abrede stellen und uns dadurch in die Lage versetzen würden, mit i unserem Urtheil zum Mindesten ein wenig zurückzuhaltell. Kein solcher Widerspruch ist jedoch bis jetzt erschienen, und ich fürchte, wir müssen es als Thalsache annehmen, daß eines der größten Kaiserreiche der Welt, welches sich nicht allein christlich, sondern nachdrücklich „orthodox" nennt, gegen die jüdische Bevölkerung in einem Geiste handelt, welcher der dunkelsten Epochen der dunkelsten Jahrhullderte würdig ist. Ich kenne kein anderes Hilfsmittel, als die öffentliche Meinung der christlichen Welt. Schließe sich Niemand davon aus, „Schande!" über solches Verhalten auszurufen. Es ist einfach barbarisch. Argyll." In der That sind auch die Zustände hoffnungslos. An eine Milderung ist nicht zu denken. Im Gegentheil, wie verlautet, arbeitet der Minister des Innern ein Gesetz aus, nach welchem Angehörige fremder Nationen, denen ein Ausweisungsbefehl zugegaugen ist, ohne weitere Untersuchung nach Tobolsk zu bringen sind, wenn ihr Heimathsland sich weigern sollte, sie aufzunehmeu. Das Gesetz ist in erster Reihe gegen Juden und Polen gerichtet. Serbien. * Belgrad, 23. September. Anläßlich einiger Allgriffe, welche in hiesigen Revolverblättern nach dem Muster der Wiener antisemitischen Hetzblätter gegen die serbischen Juden erfolgten, hat der erste Regent Ristics dieser Tage Gelegenheit genommen, gegenüber einer angesehenen jüdischen Persönlichkeit zu erklären, daß er als Staatsmann wie als Mann des Fortschritts und der Humanität derartige Ausschreitungen kleinlichen Neides und roher Gehässigkeit auf die entschiedenste Weise verdamme, die patriotische und in jeder Beziehung tadellose Haltung der serbischen Juden anerkenne und jeden Versllch, sie in öffentlicher Achtung herabzusetzen, aufrichtig bedauere.