Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- Seite 2 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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2 wie Joel. JyvaiiU, des jüngst verstorbenen Graeh u. A. m., mit regstem Eifer den jüdischen Wissenschaften obgelegeti, wie er vor Allem, auf den hiesigen Rabbinatssitz berufen, es sich zur Aufgabe gemacht habe, eine friedliche und gedeihliche Entwicklung der hiesigen Gemeinde anzubahnen und wohlthätige unb gemeinnützige Bestrebungen in derselben zn heben und zu fördern. Insbesondere betonte Redner die unsterblichen Verdienste, welche Wedelt sich durch Gründung des „Vereins zur Verbreitung und Förderung der Handwerke unter den Inden" erworben, und erinnerte daran, mit welch unermüdlicher Liebe und Sorge er sich bemüht, die der Obhut des Vereins anvertrauten Lehrlinge Zu pflichttreuer, gewissenhafter Arbeit mtb gleichzeitig zu sittlich-religiösem Lebenswandel zu erziehen. Nicht unerwähnt blieb auch Wedells umfassende und erfolgreiche Thätigkeit auf wissenschaftlichem Gebiete, speziell sein Wirken im hiesige,t Gescbichtsvereiu, welchem die Stadt Düsseldorf die gelegentlich ihres 600jührigeu Jubiläums verfaßte „Geschichte der jüdischen Gemeinde" als schätzbaren Beitrag zur städtischen Chronik verdankt. Nachdem Redner an die anwesenden Angehörigen des Verblichenen einige innige, warme Trostesworte gerichtet, schloß er mit einem Gebet für den Verstorbenen. Darauf wandte Herr Rabbiner Dr. Auerbach aus Elberfeld sich an die Trauerversammlung, um nochmals dem Andenken des jäh ans seiner Thätigkeit gerissenen Amtsgenossen und intimen Freundes einige herzliche Worte zn widmen. Nicht mit anerkennenden Lobeserhebungen, meinte der Redner, ehrt mau einen Mann wie Wedell, sondern dadurch, daß man in seinem Geiste weiter wirkt, daß man in seinem Sinne jenen drei Grundpfeilern des Jndenthnms Beachtung und Pflege widmet, der Gotteslehre, dem Gottesdienst, vor Allem der werkthätigen Menschenliebe. Wie er Wohlthätigkeit und Barmherzigkeit übte, darin war Wedell ein leuchtendes Vorbild; sein menschenfreundlicher Sinn kannte, wofern es galt, dem Armen und Nothleidenden zu helfen, keinen Unterschied des Ranges und Standes, keinen Unterschied des Glaubens und Bekenntnisses, er handelte nach dem Grundsatz jenes Propheten, der alle Menschen als Brüder, als Kinder eines Gottes betrachtet, er setzte — das durfte Redner mit vollstem Recht rühmen — das schöne Bibelwort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" in Tbaten, in unvergängliche und unvergeßliche Liebeswerke um. — Abermaliger Gebetvortrag und Chorgesang beschlossen die würdige und eindrucksvolle Gedenkfeier. U) Frankfurt am Main, 28. September. Gestern starb hier erst 51 Jahre alt, vr. med. et pliil. Siegmund Theodor Stein, der älteste Sohn des sel. Rabbiners Dr. Leopold Stein, der sich durch medizinische und naturwissenschaftliche Forschungen einen Namen gemacht, und auch, namentlich im „Jüdischen Vollslehrer", einige interessante Essays aus der Geschichte der Inden im Mittelalter veröffentlicht hatte. 1840 zu Burgkundsbach in Bayern geboren, kam Stein als Kind nach Frankfurt. Dort für die Universität vorgebildet, studirte er erst in Heidelberg und Erlangen Physik und Chemie und später noch dort und in Würzburg, Berlin, Prag und Paris Medizin, 1862 promovirte er zum Doktor der Philosophie, zwei Jahre später zum Doktor der Medizin. Die ärztliche Praxis betrieb er ausschließlich in Frankfurt a. M.; zu Anfang beschäftigte er sich mit allen Hauptzweigen der praktischen Medizin; später, in den Letzten Jahren, beschränkte er sich auf die Behandlung von Nervenleiden. Seiner Vorbildung gemäß bevorzugte Stein bei seinen wissenschaftlichen Forschungen diejenigen Gebiete der Medizin, bei denen Physik und Chemie in ihrer praktischen Anwendung vornehmlich Bedeutung haben. So studirte er mit besonderem Fleiße die optische Technik in ihrer Anwendung in der Medizin; sein besonderes Augenmerk richtete er dabei auf die Photographie. Er hat mit Gerlach, Gustav Fritsch und Robert Koch am meisten dafür gethan, die Photographie für medizinisch-wissenschaftliche und praktische Zwecke nutzbar zu machen; im Einzelnen zeigte er. wie Blutphotogramme in Kriminal- Fällen verwerthet werden können. Als Steins Hauptwerk auf diesem Gebiete ist sein zweibändiges Werk „Das Licht im Dienste der wissenschaftlichen Forschung" anzusehen, das aber nicht ausschließlich die Heilkunde berücksichtigt. Von den rein medizinischen Veröffentlichungen Steins sind eine anatomische über die „Harn- und Blutwege der Säugethiere" und zwei medizinisch-zoologische über die Trichinen und über menschliche Parasiten im Allgemeinen hervorzuheben. Zur Therapie der Nierenleiden steuerte Stein Untersuchungen über die allgemeine Elektrisation des menschlichen Körpers bei. Außer den medizinischen Forschungen betrieb Stein aber auch physikalische, besonders elektrotechnische. Die wichtigsten Ergebnisse der Arbeiten dieser Gattung veröffentlichte er zumeist in Poggendorffs Annalen und in elektrotechnischen Zeitschriften. Sehr ausgiebig bethätigte sich Stellt auch als populärer Schriftsteller. S. 1\. Nordstetten, 28. September. Ein Besuch auf dem jüdischen Friedhofe tit Nordstetten, auf der Grabstätte Berthold Auerbachs — getreu der alten, tiefernsten Sitte im Monat Elul abgestattet dürfte wohl die Leser dieses Blattes interessiren, unter denen gewiß zahlreiche Verehrer des um fein Vaterland wie um sein Judenthnm so hochverdienten Dichters der „Schwarzwälder Dorfgeschichten" sich befinden werden. — Der Gottesacker der früher größer gewesenen, heute nur noch winzigen jüdischen Ortsgemeinde Nordstetten liegt etwa eine Viertelstunde voll dem stillen Dorfe entfernt und ist von einem lebendigen dichten Zaun umgeben. Außerhalb des Zaunes, rechts von der Eingangsseite erblicken wir einen Hügel; auf einem darauf stehenden Gedenkstein ist zu lesen, daß unter diesem Hügel die Ueberreste einer ganzen Familie ruhen, welche ans sieben Personen bestand, und die vor Jahren bei einem Brande gemeinsam den Tod im Feuer erlitten. Nicht ganz in der Mitte des Friedhofes fanden wir das Grabmal Auerbachs. Es ist, ganz nach des großen Todten Wunsche, überaus eillfach, aber doch sehr würdig gehalten. Oben an der Ruhestätte befinbeit sich zwei sprossende Tannen. Sie stehen da, gleichsam als Trauernde des dunklen Tannenwaldes um den geliebten, gefeierten Sänger, der einst dem Rauschen der schlanken Bäume so gern mtb so oft gelauscht und jetzt in der kühlen, heimathlichen Erde, hier unten, „stumm schläft." — Die Gruft bedeckt zum großen Theile das Denkmal; dieses stellt einen mächtigen, auf rothem Sandstein schief ruhenden Granitblock dar, welcher von Ephen umrankt, in lateinischer Goldschrift die Worte trügt: „Berthold Auerbach, geb. 28. Febrttar 1812, gest. 8. Februar 1882." Wie viel besagt doch dieser Name, dessen Träger „der alte Freund und Landsmann", der große Aestethiker Fr. Th. Bischer, den „Schöpfer" der „lebenswahren deutschen Idylle" genannt? Idyllisch ist auch der Fleck Erde, den sich Berthold Auerbach zu seinem letzten Heint erwählte. In Waldesnähe, in Mitten saftiger Wiesen, fern vom Dorfe, in heiliger Einsamkeit liegt er da, der „gute Ort", wie sie den Rttheplatz der Todten so sinnig hier bezeichnen. Dort ruht er nun der biedere Schwabe und kernige Deutsche, der wahre Jude und Mensch, an dessen Grab uns Bischer die erhebenden Worte, mit denen wir diesen Bericht schließen, u. A. zurief: „Ja, bu durftest mit dem alten Dichter sagen: Nicht ganz werde ich sterben In fernen Tagen, in weiten fernen Tagen und in allerlei Volk hier und dort, in Deutschland und in anderen Marken wird noch dein Geist auktopfen, dem in seine Blätter vertieften Leser leise die Hände aus die Schultern legend, ihn grüßend und begrüßt werdend. Dll bist gestorben und bist nicht gestorben. Lebe wohl, Todter — sei gegrüßt. Lebendiger!" Oesterreich - Ungarn. M. Prag. 27. September. Mit großem Gepränge unter ungeheurem Jubel der gesammten Bevölkerung ist der Kaiser von Oesterreich am 26. d. M. in die festlich geschmückte Hauptstadt Prag zu fünftägigem Besuche eingezogen. Die Bewohner Prags und ganz Böhmens sind voll der freudigsten Gefühle über die Anwesenheit des Kaisers, aber speziell der jüdischen Bevölkerung hat sich infolge der hohen Auszeichnungen, mit denen der Kaiser ihre Vertreter und viele ihrer Mitglieder beehrte, eine stolze Freude bemächtigt. Bei beit feierlichen Empfängen der Notabilitäten und Autoritäten Böhmens machten auch der Prager Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld, der Feldprediger und Rabbiner Dr. Kisch unb der Präses der israet. Knltusgemeinde-Repräsentanz, Dr. Arnold Rosenbacher dem Kaiser ihre Aufwartmtg. Als der Herr Ober? rabbiner Dr. Ehrenfeld dem hohen Wunsche des Monarchen gemäß diesen mit bedecktem Haupte erst in hebräischer und dattn in deutscher Sprache gesegnet hatte, nahm dieser die ehrfnrchsvoUsten Ergebenheitsbezeugungen, die sie im eigenen und im Namen der israelitischert Bevölkerung ihm zu Füßen legten, ans das Huldvollste entgegen und sagte, er kettne die Loyalität und den Patriotismus der jüdischen Uttterthanen und wisse auch, daß in allen Synagogen Gebete für.das Heil und den Segen des österreichischen Kaiserhauses verrichtet werden. Znm Schluffe der Audienz dankte der Kaiser in gerührter Weise dem Herrn Oberrabbiner für den ihm ertheilten Segen. Auch in der Landesausstellung, die der Monarch am Tage seiner Ankunft mit seinem Besuche beehrte, waren viele jüdische Fabrikanten Gegenstand seiner besonderen Auszeichnung. So trat er auf die Brüder Emil und Wilhelm R. v. Kubinzky, als er ihrer ansichtig wurde, erfreut zu, streckte ihnen die Hände entgegen und sagte,