Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- Seite 4 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227918--48287-3270799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 Amerika. * «/v» New-Aark, 24. September. John F. Dillon hat folgenden intereffanten Brief an das hiesige russische Unterstützungs- Komitee gerichtet: „Saratoga, 11. September. Geehrter Heicr! Heute mit dem Zug von New-Aork hier angekommen, ssth ich in der „Evening Post" eine Notiz, daß „hervorragende Jrr^n tu allen Theilen der Vereinigten Staaten von den Trustees As Baron Hirsch-Fonds eingeladen worden sind, am Mittwoch, den 23. September, in dem Gebäude der Hebrew Educational Alliance, East Broadway und Jefferson Street, zusarnmenzukommLn, zum Zwecke des Zusammenwirkens bei der Bildung eines amerikanislAn Hilfskomitees, um die bestmöglichste Verfügung über die ausgewiesenen russischen Juden, die in dieses Land kommen, zu treffen." Die Verfolgung Ihres Volkes mit mittelalterlicher Grausamkeit, unter welcher dieselben ohne jede Ursache plötzlich und in Masse — mit den zahlreichen und namenlosen Härten und Leiden, welche einen solchen Auszug nothwendiger Weise begleiten müssen — aus eitlem Lande ausgewiesen werden, in welchem dieselben durch Generationen hindurch gelebt haben und das Recht hatten, in Frieden zu verbleiben, haben bei allen rechtlich denkenden Menschen Sympathie für die Opfer und Unwillen gegen ihre Unterdrücker erweckt. Es ist dies keine Sache, die das Volk Ihrer Rasse allein angeht, dieselbe betrifft jeden Menschen, der ein Herz in seiner Brust trägt. Es giebt gegenwärtig keinen Raum mehr für Vornrtheile oderEigennutz. Es ist berichtet worden, daß einige jüdische Flüchtlinge schon wieder von hier zurückgesandt worden sind, well mail fürchtete, daß sie eine öffentliche Last werden möchten. Dies darf nicht feilt; wir können nicht ohne Scham lässige und kalte Zuschauer bleiben und sehen, wie dies unter unseren eigenen Augen geschieht. Immer seit der Gründung unseres Staates ist es dessen gerechter Stolz gewesen, daß er das Asyl der verfolgten und unterdrückten Völker aller allderen Länder war, welche unsere Küste vertrauensvoll aufsuchten mit der Absicht, beständige Bewohner und Bürger zu werden. Ich kritisire nicht nothwendige oder vorsorgliche, defensive Aenderungen der Politik, aber diese haben keine berechtigte Anwendung auf Ihr flüchtendes Volk, welches in seiner Noth vorzugsweise in dieses Land kommt, um hier eine Heimath zu finden und sich hier heimisch zu machen. Ich würde ebenso wenig mein Haus gegen einen von der Nacht überraschten Wanderer, der Zuflucht gegen den unbarmherzigen Blizzard sucht, schließen, wie ich unsere llationalen Häfen gegen diejenigen Ihres Volkes verschließen möchte, welche wie wilde Thiere verfolgt, durch die Gewalt des wüthenden Sturmes, der sie mit Vernichtung bedroht, hierher verschlagen worden sind. Wir wollen sie willkommen heißen und gastfreundlich aufnehmen. Lassen Sie uns der Welt zeigen, daß es wenigstens einen Fleck auf Gottes Erde giebt, wo diese unglücklichen Ansgewiesenen ihre müden Glieder ausruhen lassen können, wo sie wieder ihre heimischen Penaten aufrichten, ihre zerstörte Heimath neu gründen und den Gott ihrer Väter in Frieden verehren können. Ich sehe aus dem erwähnten Artikel, daß vorgeschlagen worden ist, „die Juden der Vereinigte!: Staaten aufzufordern, sich zu einem gemeinschaftlichen Plan zu vereinigen, um Heimstätten und Beschäftigung für die russisch-jüdischen Emigranten zu finden." Ich möchte doch bemerken, daß dies nicht Ihr Volk allein angeht, es geht ebenso nähe dem guten Namen des amerikanischen Volkes, dafür zu sorgen, daß kein FlMtling wegen Armuth oder wegen irgend einer anderen Ursache, Verbrechen ausgenommen, zurückgesandt wird, oder daß Jemand Nvth leidet, bis er Arbeit finden kann. Diese Gefühle beruhen nicht auf der ungeheuchelten Achtung, die ich für die unsterblichen Traditionen und ruhmreiche Geschichte Ihres Volkes hege, welches in Theologie, Ethik, Philosophie, Litteratur, Jurisprudenz und Gesetzgebung entweder die Gedanken der Welt geleitet oder völlig auf der Höhe derselben geblieben ist. Ich ziehe vielmehr vor, dieselben auf den breiteren, höheren und wahreren Grund zu stellen, daß diese Ausgewiesenen Menschen sind mit allen den unverjährbaren Rechten, die ihnen zustehen, weil sie eben Menschen sind, ohne Rücksicht auf Religion, Rasse oder Nationalität, mit den Rechten, welche, da sie nicht von Regierungen geschaffen oder gegeben sind, auch nicht in rechtmäßiger Weise verweigert ober abgeschafft werden können. Ich füge meinen Beitrag für den guten ZwHck bei (ich wünschte, es wäre mehr), und indem ich dies thue, kann ich nrIH nicht enthalten, ehe ich mein Haupt niederlege, die Gründe anzugebÄr, warum ich es thue. Hochachtnngsvollst verbleibe ich Ihr sehr ergebener John F. Dillon." Wir können nur wünschen, daß dieser Appell c|n den Gerechtigkeitssinn der Amerikaner vollständigen Erfolg haben rnö^e. •J Von Nah und Fern. ---Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund versendet soeben die Nr. 31 seiner „Mittheilungen", der als interessante Beilage eine hebräische Uebersetzung der bekannten 15 „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre" beigegeben ist. Die Uebersetzung ist nach Entwürfen des Lector Weiß in Wien und des Dr. Mandelkern in Leipzig vom Professor Lazarus redigirt. — Dem geheimen Sanitätsrath Dr. S. Guttmann in Berlin ist vom Kaiser von China die erste Stufe der 3. Kl. des doppelten Drachenordens verliehen worden. — Zwischen dem segensreich wirkenden JsraelitischenVorschußverein für die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Berlin und der Aachener und Münchener Feuerversicherungsgesellschaft besteht seit längeren Jahren ein Vertrag, nach welchem-die Gesellschaft im Verhältniß zu dem Umfange der von den Vereinsmitgliedern bei ihr abgeschlossenen Versicherungen dem Vereine Beiträge zuwendet. Die Summe dieser Beiträge beläuft sich bisher auf 18,0(0 Mark. — Wie Judenhaß und Aberglaube Hand in Hand gehen, dafür liefert das Stöcker'sche „Volk" einen Beweis, indem es allen Ernstes berichtet, der verstorbene Julius Jakob sei in Folge des „greulichen Fluchs eines polnischen Schnorrers" um das Leben gekommen. — In Insterburg gaben fünf ausgewiesene Mitglieder der Moskauer Stadtkapelle auf ihrer Durchreise nach Amerika iu voriger Woche ein Konzert, welches von fast 200 Personen besucht mar. Die aus 2 Geigen, Cello, Flöte und Zimbal bestehende Kapelle erregte durch ihr Spiel stürmischen Beifall. — Eine auf den 24. September in Weil Münster angesagte antisemitische Volksversannnlung unter freiem Himmel ist von dem Landrath zu Weilburg verboten worden. — Der Kieler Privatdozent Dr. R. v. Hippel läßt sich in seiner neuesten Schrift „Die Thierguälerei in der Strafgesetzgebung" über die jüdische Schlachtmethode aus und kommt zu der Auffassung, daß in derselben eine erhöhte Grausamkeit gegenüber der heute üblichen Schlachtarten nicht zu erblicken sei. — Der Gemeinderath in Ulm hat beschlossen, der „Ulmer Schnellpost" wegen antisemitischer Agitation den Titel eines städtischen Amtsblattes zu entziehen. — Die Revision des antisemitischen Agitators Theodor Fritsch gegen seine Verurtheilung zu 80 Mark Geldstrafe wegen Beleidigung des Rechtsanwalts Dr. Werthauer in Leipzig ist verworfen worden. — In Hamburg ist am 23. September eine neue Synagoge an der Ellernthorsbrücke in feierlicher Weise eingeweiht worden. — Der ehemalige Kaiser von Brasilien Dom Pedro hat der Kurstadt Cannes, wo er vorigen Winter weilte und wohin er sich wieder im Oktober d. I. begeben wird, für die Bibliothek ein werthvolles Buch (von Vichy aus) zugeschickt. Das Buch hat folgenden Titel: wPoesies Hebreico provengales du rituel israelite, traduites et transerites par Se. M. Dom Pedro ll." Das Buch enthält hebräische und provencalifche Dichtungen gemütvollsten Inhalts. — Zu einer vor ihm erschienenen Deputation der Prager Juden sagte der Kaiser vonO esterreich.' „Ich weiß, daß die Israeliten sehr patriotisch sind; insbesondere haben die Israeliten Prags diesen Patriotismus stets bewährt." — Welch sonderbare Blnthen die nationale Schwärmerei treibt, mag daraus erhellen, daßsich an derUniversitätCzernowitzeine„jüdisch-nationale" Studentenverbindung „Hasmona na" gebildet hat, die Farben trägt und dem Mensursport huldigt! — In würdiger Weile hat ein Herr Cerf Levy in Paris für eine bleibende Erinnerung an den 100 jährigen Gedenktag der Emanzipation eine Anregung gegeben. Derselbe schlägt die Begründung einer Hilfskasse vor, deren Mittel von der französischen Judenheit aufzubringen seien, an deren Benefizien aber Jeder, ohne Unterschied der Religion, des Alters und des Geschlechts, solle theilnehmen dürfen. Hoffentlich findet der edle Vorschlag Verwirklichung. — Unlängst wurde in Rußland beschlossen, die Polizei von jüdischen und polnischen Elementen zu säubern. Diese Maßregel ist tbeilweise durchgeführt worden, hat aber zu einer bedenklichen Desorganisation, ganz besonders der Detektivpolizei, geführt, in welcher gerade die tüchtigsten Beamten Israeliten und Polen waren. — Die „Now.Wr." erfährt, daß der Vertreter desBaron Hirsch, Mr. A. White, in der zweiten Hälfte dieses Monats im Aufträge der „Jewish Colonisation Association“ wieder in St. Petersburg eintreffen wird. Druck und Verlag von Rudolf Mo Ne in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauch Witz in Berlin.