Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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««WWWWNWMM^? 55. Jahrgang. Nr. 40. ]Sj^|yy Gerlin, 2. Oktober 1891 ^eifage zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Q Berlin, 29. September. Die neue russische Anleihe wird in Deutschland von den Bankhäusern Mendelsohn und Warschauer übernommen. Wir halten es für nützlich, zu bemerken, daß die Chefs dieser Firmen geborene Christen sind. Aber ohne uns in sentimentalen Klagen zu ergehen, möchten wir nur noch die Bemerkung uns verstatten, daß wohl kein deutscher Jude so ehrlos und unpatriotisch sein wird, sich au dieser Anleihe zu betheiligen. — Schon werden Lockvögel ausgeschickt, um für diese Betheiligung zu gewinnen. Ein Ballon d’essai wurde aus St. Petersburg in dieser Woche ausgeschickt: Der Zar werde dieser Tage Herrn Arnold White, den Vertreter des Baron Hirsch, in Angelegenheit der Auswanderung der Juden, empfangen. So lange die Nachricht von Mr. White nicht ausdrücklich bestätigt ist, gestatten wir uns, dieselbe zu bezweifeln. Möge sich aber Niemand von solchen falschen Meldungen, die in nächster Zeit zum Zwecke des Gimpelfangs häufiger auftreteu dürften, beeinflussen lassen! GD Berlin, 27. September. Soeben ist bei R. Voll, hier, eine Broschüre erschienen: Arba Kanfos, ein Sendschreiben an Bischof Dr. Korum über den heiligen Nock von Trier, von v. Paulus Cassel. Ueber die Polemik gegen Reliquien fällen wir kein Urtheil, da es Einrichtungen einer fremden Kirche betrifft. Der Verfasser hat sich aber daniit nicht begnügt. Durch gelehrte originale Forschung über die evangelische Stelle des Johannes — über die Sage von Orendel — über eine Parallele mit Buddha und seine Reliquien erhebt sich die Schrift zu einer nicht blos für den Augenblick, sondern überhaupt für die Wissenschaft bedeutungsvollen Arbeit. Cassel smbt nachzuweisen aus Bibel, Talmud und Midrasch, daß das einzige Gewand, das Christus getragen haben könne, ein Arba Kanfos gewesen sein müsse, und daß also der Rock von Trier nicht echt sein könne. * # Berlin, 27. September. In den antisemitischen Blättern herrscht großer Jubel über die Freisprechung des Ingenieurs Theodor Fritsch vor der Ferienstrafkammer des Leipziger Landgerichts wegen Verbreitung antisemitischer Flugblätter. Das Landgericht hat in diesen Flugblättern nicht das Kriterium „groben Unfugs" gefunden. Aber in diesem Jubel hatten die antisemitischen Blätter eine unerhörte, wahrhaft empörende Fälschung des richterlichen UrtHeils verbreitet, die aufzudecken unsere Pflicht ist. Uebereinstimmend berichteten sie, der Richter hätte Folgendes gesagt: „Auch kann es die Strafkammer dem Angeklagten glauben, daß jetzt der größte Theil des Volkes hinter ihm steht; es könnte also nicht das Publikum in seiner Allgemeinheit, sondern nur ein kleiner Theil desselben beunruhigt worden sein. Der Gerichtshof konnte aber auch nicht annehmen, daß der Angeklagte fahrlässig gehandelt habe. Denn wer so lebhaft für seine Sache in Wort und Schrift agitirt, wie er, der muß gewiß von ganzem Herzen von derselben überzeugt sein und in vollem Bewußtsein gehandelt haben." Nun hat die „Post" vor einigen Tagen aber die Entscheidungsgründe des sreisprecheuden Urtheils mitgetheilt, und da lautet dieser Passus doch ganz anders: „Es gehört nach der herrschenden Meinung zum subjektiven Thalbestand des groben Unfugs, daß sich der Angeklagte dessen, daß seine Ausführungen geeignet sein müssen, das Publikum als solches zu behelligen, bewußt gewesen sein muß. Nun ist aber der Angeklagte augenscheinlich — ob mit Recht oder Unrecht ist hier nicht zu erörtern — davon überzeugt, daß er im Grunde den größten Theil des deutschen Volkes auf seiner Seite hat; der Angeklagte meint, daß er das sage, was der größte Theil des Volkes denkt. 'Bei dieser Sachlage kann ihm nicht das Bewußtsein imputirt werden, daß der Inhalt der Flugblätter geeignet sei, das Publikum in seiner Allgemeinheit zu behelligen." Der Unterschied zwischen den beiden Lesarten springt sofort in die Augen. Aber die Art und Weise, wie die antisemitischen Blätter die öffentliche Meinung durch die plumpsten Fälschungen irrezuführen suchen, kann nicht oft und nicht eindringlich genug gegeißelt werden. 8 Berlin, 28. September. Die sämmtlichen Berliner Schulen waren im Jahre 1890 von 221,216 Schülern und Schülerinnen besucht, darunter von 12,176 jüdischen. Von letzteren befanden sich: a) Knaben: in Gymnasien 1884, in Realschulen und städtischen Bürgerschulen 1086, in der königlichen Seminarschule 3, in den Vorschulen der höheren Lehranstalten 797, in den Gemeindeschulen 1431, in Anstaltsschulen verschiedener Art 17, in jüdischen Schulen 600, in Privatschulen 572, zusammen 6390. — b) Mädchen: in öffentlichen höheren Mädchenschulen 1732, in Gemeindeschuleu 1706, in Anstaltsschulen verschiedener Art 9, in jüdischen Schulen 364, in Privatschulen 1975, zusammen 5786. Die jüdische Bevölkerung Berlins im Jahre 1890 betrug 79,236. An 35 Gemeindeschulen wurde von Seiten der Stadt Berlin jüdischer Religionsunterricht ertheilt. * Hamburg, 28. September. Zum Generaldirektor der neuerdings von Baron Hirsch ins Leben gerufenen Aktiengesellschaft für jüdische Kolonisation wurde der hiesige Kaufmann Korkus, langjähriger Disponent der Kaufmannsfirma Breymann u. Hübner, ernannt. Korkus ist Russe von Geburt und als gewandter Organisator bekann; er siedelt demnächst nach Paris über. Kp. Sarnter, 25. September. Der Antrag des hiesigen Rabbiners Dr. Wreschner, durch geeignete Centralisation der jüdischen Armenpflege in der Provinz Posen der Wanderbettelei provinzieller und auswärtiger Armen zu steuern, lag jüngst dem Vorstande der jüdischen Gemeinde zu Posen zur Berathung vor und wurde von dem Vorstande des israelitischen. Armen-Pflege-Vereins zu Posen eine Begutachtung dieses Vorschlages eingeholt. Letzterer entschied sich gegen eine Centralisation des jüdischen Armenwesens aus dem Grunde, weil dieselbe die Abstellung vorhandener und die Verhütung neuer Mißstände nicht genügend garantire. £££ Breslmt, 30. September. In aller Eile theile ich Ihnen mit. daß in der letzten Vorstandssitzung Herr Landrabbiner Dr. Guttmann in Hildesheim an Stelle des sel. Joel zum Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde gewählt worden ist. Guttmann ist Schlesier, aus Beuthen, ein Schüler des jüdisch-theologischen Seminars und eine Kapazität auf dem Gebiete der jüdischen Religionsphilosophie. In religiöser Beziehung huldigt er derselben versöhnlichen Richtung, die Joel hier mit so viel Glück und Geschick zeitlebens vertreten hat. Crefeld, 25. September. Sie bringen in der heutigen Nummer Ihres gesch. Blattes eine Notiz aus Wesel über die Xantener Angelegenheit, die nicht allein mehrere llngenauigkeiteu enthält, sondern auch in ihrer Fassung manches Bedenkliche hat. Nicht am nächsten Sonntag wird der bekannte antisemitische Abgeordnete Dr. König in Xanten erwartet, sondern er wollte am vergangenen Sonntag sprechen, was ihm aber untersagt wurde. Der Landrath Reichstagsabgeordneter Dr. Haniel aus Mörs war mit einem Gendarmen hingereist, um event. die Versammlung zu verhindern. Damit fällt alles Andere betreffs der Gendarmerie zusammen. Geradezu unbegreiflich ist es, wie man aus dem Xanten so nahen Wesel schreiben kann, man halte vielfach den Schlächter Buschhoff für den Thäter. Der ist ja eben derjenige, welcher von vornherein ohne Grund vom fanatischen Volk verdächtigt wurde, der aber nun vollständig außer allem Verdacht steht. 8. L. Düffeldorf, 27. September. Heute Morgen fand in der hiesigen Synagoge ein Trauergottesdienst für den verewigten Rabbiner Herrn Dr. A. Wedell statt. Eine zahlreiche Versammlung wohnte demselben bei und gab dadurch einen redenden Beweis von der aufrichtigen Liebe und Verehrung, deren der Heimgegangene sich in den weitesten Kreisen zu erfreuen gehabt. Die Feier wurde eingeleitet durch den Vortrag des 118. Psalms mit anschließendem Chorgesang. Alsdann betrat der Rabbinatsverweser Herr Dr. Dienstfertig die Kanzel und entwarf in lichtvoller Diebe ein treffendes Lebensbild des Heimgegangenen Seelsorgers und Leiters der Düsseldorfer Gemeinde. Redner führte aus, wie Dr. Wedell schon als Knabe herrliche Eigenschaften und Fähigkeiten gezeigt, wie er als Jüngling auf der Universität und dem Rabbinerseminar zu Breslau unter der Leitung ausgezeichneter Männer,