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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-02 · Heft 40 (2.10.1891) · p. Seite 480

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 40 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 480 (sequence 12)
Language
German
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480 Sie war von einer wahrhaft erhabenen Schönheit. Ihr Kopf glich jenen herrlichen Büsten der Kaisermutter Agrippina, welche man aus der Zeit der römischen Kunst besitzt. Ein üppiges, leicht gepudertes blondes Lockenhaar wallte aus den Nacken herab. Ihre Züge, obwohl weich, drückten dennoch Energie aus. Für wen sie eine Neigung empfand, oder wem sie zugethan schien, den umgarnte ihr tiefblaues, durchdringendes Auge mit unwiderstehlicher, einschmeichelnder Gewalt. Ihr Kleid war nach damaliger Sitte tief dekolletirt. Um den Hals sah man eine vietgliedrige Kette aus getriebenem Golde, deren einzelne Glieder mit rothem, weißem und blauem Email und dunkelrotheu Rubinen verziert waren. An der Kette hing ein Medaillon mit dem Bildniß des Königs. Um den vollen, runden Arm schlangen sich prächtige, nach einem antiken Muster gefertigte, reich mit Diamanten besetzte Armbänder. „Ich schätze mich glücklich, Majestät," bemerkte die Gräfin, „mich Ihrer Gunst zu erfreuen, nachdem Sie kaum in Paris zu Madame Geossrin und ihrer „Küche des schönen Geistes" gepilgert waren." „O liebe Gräfin," erwiederte der König, „was bedeutet die alte siebzigjährige Madame Geoffrin, die man nur noch zum Spott die Fee von Urgel nennt, gegen Sie, schöne Lubomirska? Ich war in Paris, um mich zu zerstreuen, um mich einmal Mensch zu fühlen und um zu vergessen, daß ich König von Polen bin," setzte Stanislaus August leise hinzu. „Majestät achten Ihr Vaterland zu gering gegen Frankreich," bemerkte die Gräfin wiederum leise. „O, ich schütze Polen und liebe es von ganzer Seele," erwiederte mit ebenso leiser Stimme der König, „aber zu spät niußte ich erfahren, das; hier der König der unglücklichste Mann des Reiches ist. O, wäre ich Maler oder Bildhauer geworden, um meiner Freude an der Schönheit zu leben und um Sie, liebe Gräfin, in meinen Gebilden verherrlichen zu können. Ich fühle heute nur, was ich hätte sein können, wenn diese Krone nicht wie ein vernichtender Fluch auf mir lastete. Nirgends bin ich frei, nicht einmal in Gesellschaft. Man zählt mir die Worte an dem Munde ab. und jetzt, wo ich mit Ihnen plaudern möchte, mahnen mich die Blicke der Späher daran, daß ich nicht mir gehöre. — Sie verzeihen, Gräfin, auf Wiedersehen," bemerkte der König laut und empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung. Der König ging leichten Schrittes weiter und hielt bei einem Greise an, welchen das violette Mützchen auf den; Haupte, der violettseidene Talar und das goldene Kreuz an schwerer goldener Kette als einen Großwürdentrüger der Kirche bezeichneten. Es war der General-Offizial der Inquisition, Bischof Turski, Pater von der Gesellschaft Jesu, Thron-Assistent Seiner Heiligkeit des Papstes. Der Prälat befand sich mit einem jungen schlankgewachsenen Ulanen- Rittmeister der königlichen Leibgarde in lebhaftem Gespräche. Es war der Sohn der Gräfin Lubomirska, ein Jüngling von kaum achtzehn Jahren. Beide Erscheinungen, der junge, schöne Offizier, auf dessen reinen, schuldlosen Zügen noch kein Sturm des Lebens auch nur eine leise Furche zurückgelassen hatte, und der ehrwürdige Prälat mit dein klaren, durchdringenden Blick, dem fein inodellirten Kopf und dem ernsten Antlitz, bildeten einen wirksamen Gegensatz. „Hier habe ich die Gelegenheit, einen würdigen Diener der Kirche und den Sohn des Hauses zugleich zu begrüßen." „Heil Eurer Majestät!" erwiederten Beide. „Es muß ein interessanter Gegenstand der Unterhaltung sein, der den Generaloffiziant der Inquisition und den Rittmeister meiner Leibgarde zusammenführt und fesselt. Darf ich indiskret sein und fragen, um was cs sich handelt?" „Ihre Majestät darf nicht nur, sondern soll sogar darum wißen," erwiederte Bischof Turski. „Das ist schlinnn, so wird cs wahrscheinlich eine Angelegenheit sein, um welche ich mich in meiner Eigenschaft als König bekümmern muß." „So ist es, Majestät," antwortete der Bischof. „Dann gestatten Sie mir. daß ich erst den Grafen Marcolini und den Geheimrath v. Essen begrüße, und Sie werden mich vollständig bereit finden, Ihren Mittheilungen meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken." (Fortsetzung folgt.) U Zum neuen Jahr. Von Gustav Jacobsohn.' Der Tag entflieht, die Sonne will sich neigen, Und süßer Dämm erschein erfüllt die Welt, Die Sonne sinkt, und feierliches Schweigen Verbreitet sacht sich über Wald und Feld; Nun wird es Nacht, und gold'ne Funken zeigen Sich hie und da am dunkeln Himmelszelt; Und bald entflammt sind Myriaden Sterne Und blinken nah' und glänzen in der Ferne. Und zu den Sternen auf der Andacht Schwingen Erhebt sich ernst das fromme Israel, Den Festesgruß dem neuen Jahr zu bringen Mit altehrwürd'gen Klängen, rein und hell; Und heiße Wünsche, brünst'ge Bitten dringen Zu seinem Gotte, aller Gute Quell, Um Geisteskraft, um Glück und Seelenfrieden — O sei Erhörung Jeglichem beschieden! Denn reiften auch des alten Jahres Sonnen . So manche heißbegehrte Frucht heran, Und ob so manches Gute sich entsponnen Und manche Freude sich das Herz gewann: Vollendung ward nicht Allem, was begonnen, Und mancher holde Traum von Glück zerrann, Und manches Herz, das warm für uns geschlagen, Ward, ach, zur ew'gen Ruh' dahingetragen. Und Israel? darf es vertrauen, hoffen, Daß seinen Wünschen in dem neuen Jahr Erfüllungspforten stehen flügeloffen, Daß überall sein Himmel hell und klar? Ach, viele seiner Kinder, leidgetroffen, Von Noth bedrängt, umgeben von Gefahr, Seh'n trüben Blicks, mit bangen Herzensschlägen Der ungewissen Zukunft heut' entgegen. Und doch! Nicht zaghaft sei der Blick gesenket An diesem hehren Rosch-haschonoh-Fest; Zu ihm, der aller Wesen Schicksal lenket, Der, die ihn fürchten, nimmermehr verläßt. Zn Gott, der aller Menschen heut' gedenket. Laßt uns das Herz erheben, treu und fest: Er, der in aller Noth uns hat erhalten, Er wird auch weiter über Juda walten. Ja, unser Gott wird weiter für uns sorgen! Doch Israel darf nimmer müßig sein, Muß unablässig jeden neuen Morgen Dem Wohl der Menschheit seine Kräfte weih'n, Das Gute fördern stille und verborgen. Rein in Gesinnung und in Thaten rein. Und unbeirrt von Gunst und Drang der Zeiten Den Pfad des Rechtes und der Wahrheit schreiten. Druck und Verlag von Rudolf Mo sie in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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