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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-02 · Heft 40 (2.10.1891) · p. Seite 479

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 40 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 479 (sequence 11)
Language
German
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ÜÜPPR 479 l < veräußern müssen. Die großen polnischen Familien sind in Folge ihres finanziellen Ruins alle von der Macht der Höfe, die sich ihrer bedienen, abhängig. Der übrige Theil des Adels ist stets bereit, dem Hofe zu dienen, der am besten bezahlt. Während in der Hauptstadt, wie Sie sich hier mit eigenen Augen überzeugen können, ein grenzenloser Luxus herrscht, sind die Provinzen dem Elend bloßgegeben. Unbestraft bleiben falsche Bankerotte der Kaufleute und Beraubungen aller Art, welche sich die Großen zu Schulden kommen lassen. Von Personen der höchsten Stände werden die gemeinsten Verbrechen begangen, ohne daß sich auch nur ein Richter darum kümmert. Nach wie vor leben diese Menschen hier am Hofe in Gesellschaft des Königs. Wollen Sie einen Palatin kennen lernen, der Siegelringe gestohlen hat, oder einen Grafen, Maltheserritter, Sohn eines Palatins, zu dem die Frau eines Palatins von Rußland vor einigen Monaten sagte: „Sie haben mir meine Uhr gestohlen, der Gewinn ist nicht groß, sie hat mir nicht mehr als 800 Dukaten gekostet?" Wollen Sie glauben, daß es Ritter vom blauen Bande giebt die, um ihre Obligationen nicht zu bezahlen, sie bei dem Advokaten stehen lasten, bei welchem sie ihre Gläubiger deponirt hatten? Dieser Fall hat sich erst vor vierzehn Tagen ereignet. Würden Sie wohl glauben, daß es Minister der Republik giebt, die, nachdem sie durch ihre Kammerdiener Silberzeug verpfändet, diese auf ihren Gütern sich verstecken lasten und darauf gegen diejenigen, welche das Geld geliehen, einen Prozeß anhängig machen, das Silberzeug wiederfordern und zurücknehmen, ohne das geliehene Kapital zu erstatten, unter dem Vorwand, daß der Kammerdiener das Silberzeug gestohlen und die Flucht ergriffen habe? Sechs Monate darauf kommt der angebliche Dieb zum Vorschein und tritt wieder in den Dienst seines Herrn. Dieser Fall hat sich im vorigen Jahre ereignet. Ein Palatin wird überführt, falsche Wechsel ausgestellt zu haben; ein Anderer läugnet die Unterschrift der seinigen ab. — Ein Dritter führt in seinem Hause falsche Karten und plündert die jungen Leute aus. Ein Vierter verkauft Güter, die ihm nicht gehören. — Ein Fünfter läßt, um falschen Bankerott zu machen, auf seine Güter erdichtete Hypotheken eintragen. — Ein Sechster zerreißt seine Wechsel in dem Augenblick, wo sein Gläubiger sie ihm präsentirt und läßt diesen von seinen Bedienten tüchtig durchprügeln. Sehen Sie, Excellenz, das nennt sich polnische Aristokratie! — Hatte der verstorbene Marschall von Sachsen Unrecht, wenn er sagte, daß ein halber Schuft in Deutschland ein vollkommen ehrenwerther Mann in Polen sei?" „Was Sie mir sagen, ist entsetzlich, und ich bin froh, daß ich mich nach keiner Seite hin verpflichtet habe," erwiederte Marcolini. „Ich werde daher auch dieser polnischen Gesellschaft gegenüber mich zurückhaltend verhalten und nirgends irgend welche Hoffnungen aufkommen lassen." „Ich erschrecke schon vor dem Gedanken, daß ein Fall eintreten könnte, wo Ihre Excellenz mich beauftragen würden, Ihnen drei Männer von Ansehen und zugleich von rechtschaffener Gesinnung zu nennen, für die ich verantwortlich sein sollte. Dort der Groß-Offizial der Inquisition, Bischof Turski, welchen Sie bei dem Kamin sitzen sehen, ist vielleicht der einzige unbestechliche Mann des Königreichs! Alle übrigen sind mehr oder weniger bedenklich. Wenn dieses Reich, das sich Polen nennt, untergeht, so hat es sein Loos nicht nur reichlich verdient, sondern es liegt sogar im Interesse der europäischen Civilisation, daß dieser Staat von der Karte Europas verschwinde." „Und der König, tvas thnt er angesichts dieser Zustände?" fragte Marcolini. „Der König täuscht sich nicht über das Ende, das ihm und seinem Reiche bevorsteht, aber die Verfassung legt ihm überall Fesseln. In einem geordneten Staat würde er ein trefflicher, vielleicht sogar ein ruhmvoller König sein, hier in diesem Polenreiche ist er eine Drahtpuppe der Parteien. Er schwärmt für Schauspielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen. Vor Kurzem war Mademoiselle Clairon, die er in Paris kennen lernte, seine Passion, demnächst wird es eine Andere sein. In Staatsangelegenheiten streiten sich die Gräfin Lubomirska, die Herrin des Hauses, der Ihre Excellenz vorhin vorgestellt wurden, mit der Gräfin Oginska um die Herrschaft über Seine Majestät." „Die Gräfin Lubomirska hat auf mich einen Eindruck gemacht, der mich sofort erkennen ließ, daß ich es hier mit einer Persönlichkeit von großer Bedeutung zu thun habe. Ihre Antworten sind treffend, auch finde ich, daß sie über Alles, was sie spricht, wohl unterrichte! ist." „Sie werden großes Gefallen an ihr finden. Sie durchkreuzt in wichtigen Fällen mit Glück den Einfluß der Oginska und man kann sie des Königs guten Genius nennen. Einen vorzüglichen Eindruck aber wird der Sohn der Gräfin auf Ihre Excellenz machen, ein Jüngling, der von all dem unsauberen Treiben am Hof hier unberührt blieb und auf welchen nur die guten Eigenschaften der Mutter übergegangen zu sein scheinen." Der Geheimrath war im besten Zuge zu plaudern, als im Salon nebenan eine große Bewegung entstand, die Flügelthüren wurden weit geöffnet und der Ober-Ceremonienmeister rief laut: „Seine Majestät der König!" ,, König Stanislaus August erschien. Der König, in der Vollkraft der Mannesjahre stehend, war eine stattliche Erscheinung. Sein leuchtendes, die Versammlung mit einem einzigen kurzen Ueberblick musterndes Auge verrieth die lebendige, heiter angelegte Seele, während über den ursprünglich jovialen Zügen ein dem feineren Beobachter erkennbarer Hauch von Schwermuth lagerte. Seine Gestalt war hoch und stattlich. Der König trug, wie die übrigen Polen, das polnische Nationalkostüm, welches das Ritterliche seiner Erscheinung noch mehr erhöhte. Im Knopf des Federstutzes, mit welchem die Konfederatka verziert war, befand sich ein ostindischer Diamant von der Größe einer Haselnuß, dessen grünliches Licht magisch phosphoreszirend emporleuchtete. Es war einer jener Diamanten, die der gewaltige Sobieski einst im Lager des türkischen Großveziers vor Wien erbeutet hatte. Die Knöpfe des vielfach verschnürten polnischen Rockes waren aus Rubinen, kleinen Diamanten und Smaragden zusammengesetzt. Ein reich mit Edelsteinen geschmücktes Wehrgehänge trug den krumnien, stark geschwungenen Säbel. In seinem goldenen Griffe saßen große Rubinen und Smaragden. Die Säbelscheide war in ihrem oberen und unteren Theil golden, der mittlere Theil mit rothem Sammet umhüllt. Stanislaus August erschien im vollen Prunke eines polnischen Königs. Zur Linken des Königs ging der Herr des Hauses, der Groß-Kronmarschall Graf Lubomirska, ein großer starker Mann in den Sechzigen, der aber trotz seines Alters mit jugendlicher Rüstigkeit in fester, sicherer Haltung neben dem Könige einherging. Die Versammelten grüßten den König durch eine tiefe Verbeugung. Stanislaus August dankte nach allen Seiten verbindlich und trat zunächst an die Herrin des Hauses heran, um ihr die Hand zu küssen. Der König unterhielt sich eine Weile mit der Gräfin Lubomirska. Die Gräfin war in jenem Alter, wo eine Dame noch für eine junge Frau gelten kann, wo sich aber bereits die Hilfsmittel der Toilette von wohlthätigec Wirkung erweisen, und wo der Jinvclenschmuck der äußeren Erscheinung einen besonderen Zauber verleiht.

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