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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-02 · Heft 40 (2.10.1891) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 40 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 478 (sequence 10)
Language
German
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478 weltliche Entsagung verdorben, schielte er mit einem Auge von Anfang nach dem Erwerb und seinen Verheißungen. Nach einer abwechslungsreichen, durch die Freuden und Leiden der Hauslehrerei, zu der er sich aller Orten anwerben ließ, viel unterbrochenen Wanderschaft kam er am Freitag vor dem großen Sabbath des Jahres 1743 zurück nach Dessau, wo er von R. David Frankel mit aller Freundlichkeit empfangen wurde, ohne jedoch länger als über den Sabbath zu verbleiben. R. David erhielt noch in demselben Jahre seinen Ruf als Rabbiner von Berlin. Unter den Mitschülern unseres Abraham muß schon damals Einer sich befunden haben, der die Größe des fortziehenden Lehrers anders begriff als der unstete Schützling R. Hirsch Frankels. Das Sonnenauge Moses Mendelssohns hing in dankbarerBewunderung an dem gelehrten Meister, dem er nun voll Wehmuth nachblicken mußte. Aber die Trennung sollte nicht von Dauer sein. Es zog den Jünger dem Lehrer nach, dessen Berufung nach Berlin dadurch, daß sein Moses ihm dahin folgte, zu den erkennbar und fast durchsichtig providentiellen Thatsachen in der Entwickelungsgeschichte des deutschen Judenthums gehört. Unserem Abraham aber fehlte es, wie cs ihm an dem vollen Verständnisse seines Lehrers gebrach, auch am Blick für seinen großen Mitschüler, über den er sonst sicherlich, da er als Greis die Aufzeichnungen aus seiner Jugendgeschichte unternahm, etwas zu sagen nicht verfehlt haben würde. Allein es genügt eben nicht, das Große erlebt und gesehen zu haben, wenn das Organ fehlt, es aufzufaffen. Aber beleuchtet von dem Abglanz seines großen Zeitgenossen, verdient auch dieser stumme Zeuge aus Moses Mendelssohns Frühzeit unsere Aufmerksamkeit. Und so gebührt der Dank des Geschichtsfreundes auch dem Pfleger und Bewahrer dieser stammelnden Memoiren, Herrn Bernhard Pfahl in Königsberg, durch dessen Güte ich, Dank der freundlichen Vermittelung des Herrn Oberkantors Eduard Birnbaum, diese Mittheilungen auszuheben in der Lage war. U FEUILLETON Ner heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. E r st e s B u ch. Erstes Kapitel. König Stanislaus von Polen. Unsere Geschichte beginnt zu Warschau im Jahre 1777. — Eine glänzende Gesellschaft ist in dem Palast des Großkronmarschalls Grafen Lubomirski versammelt. Vielarmige Kronleuchter erhellen die ausgedehnten Säle, deren sieben an einander stoßen. Palmen und tropische Gewächse sind ringsum an den Wänden aufgestellt, dazwischen riesige chinesische Porzellanvasen, sogenannte Mandarinenvasen, so daß der bunte Außenschmuck die prachtvollen Gobelins und glänzenden Spiegel, welche die Wände zieren, nahezu verdeckte. Diener tragen auf silbernen Tellern Erfrischungen umher; Eis, Limonade, Burgunder, Champagner. Ein buntes Gewimmel glänzender, mit funkelnden Edelsteinen bedeckter Uniformen und reicher Damcntoiletten umgiebt uns. Tanzmusik rauscht durch die Säle; Alles wogt hin und her, so daß wir — der Leser und ich — die wir soeben eintreten, uns kaum zurecht zu finden wissen. Lernen wir erst die Gesellschaft kennen, die sich hier umherbewegt. Schließen wir uns zu diesem Zweck zwei Herren an, die offenbar dieselbe Absicht verfolgen. Der alte, bewegliche gewandte Herr, der hier leichten Fußes über das Parquet schreitet, ist der kurfürstlich sächsische Resident am königlichen Hofe zu Warschau. Geheimrath v. Essen; der andere, jüngere, welcher ihm in vornehmer, stolzer Haltung zur Seite geht, ist der sächsische Wirkliche Geheimrath und Kammerherr Graf Camillus Marcolini, der Lehrer und Vertraute des jungen Kurfürsten, der sich seit einigen Tagen in besonderer Mission in Warschau befindet. , . „Folgen Sie mir, Excellenz," bemerkte von Essen. „In diesen '■ j Sälen ist für uns nichts zu thun. Es sind junge Damen, die tanzen i wollen, und Offiziere, die Liebesaffairen anspinnen. Viele dieser Abenteuer werden sich wohl recht unterhaltend gestalten, aber mit ' der Politik und ihrer Mission hat das nichts zu thun." Beide traten in ein Kabinet ein, von welchem aus man einen großen, abseits der Räume, in welchen man tanzte, gelegenen Saal überblicken konnte. „Warten wir einen Augenblick," sprach von Essen, „bis die Gesellschaft dort vollständig beisammen ist, damit die Ceremonie des Vorstellens vereinfacht wird. Man erwartet den König, der gewöhnlich, nachdem der Ball bereits eröffnet ist, zu erscheinen pflegt." „So will ich den Augenblick benutzen," sprach Marcolini, „um mich von Ihnen orientiren zu lassen. Sie wissen, ich habe kaum den Reisestaub abgeschüttelt und noch keine Zeit gesunden, mich über meine Mission zu unterrichten." „Ich werde Ihrer Excellenz nach meinem besten Wissen und als pflichttreuer Diener meines Kurfürsten Auskunft ertheilen." „Das weiß man zu Dresden, und gerade Ihre, auch mir mitgetheilten Berichte haben bei mir ein so lebhaftes Interesse für die Dinge, welche hier geschehen, erregt, daß ich mir es nicht versagen konnte, die mir von dem kurfürstlichen Kabinetsministerium übertragene Reise zu unternehmen. Es ist Ihnen noch besser wie mir bekannt, daß die Tage des Königs Stanislaus August gezählt sind. Jedermann sieht ein, daß bei der Fortdauer des gegenwärtigen Regiments Polen dem Untergang entgegengeht. Unser Anhang macht daher große Anstrengungen, um die polnische Krone wieder au Sachsen zu bringen. Diese Aussicht hat nun namentlich bei Sr. Hoheit dem Prinzen Xaver viel Verlockendes, allein andererseits sind die ungeheuren finanziellen Opfer, welche die polnische Krone dem Erblande Sachsen gekostet, uns noch in zu frischem Andenken, um ims durch den Glanz der Königskrone blenden zu lassen. Auch habe ich Ursache, eine Reihe von Verwickelungen zu fürchten. Es ist bekannt, daß Preußen auf jeden Fehler der sächsischen Politik lauert, < um sich denselben zu Nutzen zu machen. Werden wir auf die Anerbietungen, welche uns in Polen gemacht werden, eingehen, so ist uns neben der Feindschaft Rußlands diejenige Preußens gewiß." „Excellenz," erwiederte von Essen, „Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie allen Illusionen, die man da und dort sich noch in Dresden macht, von Anfang an entsagen. Polen ist verloren, rettungslos verloren, denn zwei Hauptpfeiler der Existenz der Staaten, die öffentliche Moral und der Nationalwohlstand, sind zu Grunde gerichtet. Wenn Sie einige Zeit hier sein werden, und wenn Sie die Verhältnisse der Familien kennen lernen, unter welchen wir verkehren, werden Sie mir beipflichten, wenn ich sage, diese großen Familien sind entweder herunter gekommen, oder sie erhalten sich nur noch durch die Subsidien der auswärtigen Mächte. Die Potockis und die Radziwills haben sich durch Verschwendung zu i Grunde gerichtet. Der Fürst Adam Czartoryski wird seiner Zeit mit seiner Schwester ein Einkonmien von 200,000 Dukaten theilen, aber er steht hinsichtlich eines wichtigen Theils seines Vermögens unter Kuratel des Hauses Oesterreich. Wenn er einst in den Besitz seiner Güter kommt, wird er viele derselben zu Gunsten seiner Gläubiger

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