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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-02 · Heft 40 (2.10.1891) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 40 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 474 (sequence 6)
Language
German
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m 474 Baron Hirsch nur schwer zugänglich ist den an ihn herantretenbcii Projektanten. Dagegen begrüßt er mit Bergungen jede Gelegenheit, sich über die ihn gerade beschäftigende Angelegenheit informiren zu lassen. Da zeigt sich aber jene Seite in dem bewunderungswürdigen Bilde Hirsch'scher Thätigkeit, die vielfach eine abfällige Kritik erfährt. Man will nicht alle dem Baron Hirsch bei seinen Hilfs- und Humanitätsaktionen zukommenden Informationen als stichhaltig und zutreffend gelten lassen, vielmehr werden denselben Tendenzen zugeschrieben, welche die Probe unanfechtbarer Objektivität nicht auszuhalten vermögen. Es wäre tief zu beklagen, wenn dem so wäre; cs läge darin eine arge Versündigung an dem unvergleichlichen Menschenfreunde, eine arge Versündigung an der Sache, die zu schaffen oder zu fördern dessen edle Intention ist. Konstatirt muß werden, daß von den Ergebnissen der galizischen Hirsch'schen Stiftung bis jetzt nicht viel bekannt ist. Liegt das Motiv in persönlichen oder sonstigen Gründen? Gegenwärtig nimmt die Frage unserer unglücklichen russischen Glaubensgenossen das öffentliche Interesse lebhaft in Anspruch. Mehr als das rein menschliche tritt hierbei das staatliche Moment in den Vordergrund. Ob die Ziffer 600,000 die Probe auf ihre Richtigkeit aushült oder nicht — gewiß ist es, daß für Millionen von Seelen, welche in Rußland ansässig sind, deren Bleiben aber in Folge des Barbarismus ukasischer Bestimmungen dort nicht möglich ist, neue Niederlassungen kreirt werden müssen. Wie die politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse in den europäischen Staaten liegen, entspricht es keinem derselben, den Zuwachs einer neuen Bevölkerungsklasse zu erhalten. Und sagen wir es geradeheraus, bei der gegenwärtigen Stimmung ain allerwenigsten, wenn dieselbe der jüdischen Konfession angehört. Außerdem hat man mit schwerem Unrecht den russischen Juden das Stigma der Unverwendbarkeit aufgedrückt. Um so driirgender tritt die Forderung heran, für die Opfer nordischer Drangsalirung Unterkunft zu schaffen. Nicht nur der Wahn, auch die Lieblosigkeit kann den Menschen zum schrecklichsten aller Schrecken machen. Außerdem geht es am Ende des 19. Jahrhunderts denn doch nicht gut an, im Ebenbilde Gottes geschaffene Kreaturen schutzlos dem Ungefähr preiszugeben. Insofern hat Baron Hirsch durch seine Kolonisationsunternehmungen nicht blos um die verfolgten Glaubensgenossen, sondern in gleichem Maße um die europäischen Staaten sich unvergängliche Verdienste erworben. Denn wie sonst drückt sich in erster Linie der civilisatorische Charakter eines Staates aus, als wenn dieser den unschuldig Verfolgten und Bedrängten seinen Beistand gewährt! Die Ausführung ist aber nicht leicht. Soll das Werk gelingen, so muß dessen Vollendung systematisch erfolgen; der Auszug muß geregelt werden. Diese Regelung hat zwei in Betracht kommende hochwichtige Momente zu umfassen: die Auswahl der zu Befördernden; die serienweise Beförderung. Nichts würde die ganze Rettungsaktion so sehr gefährden, als wenn — es giebt keinen bezeichnenderen Ausdruck — der Erew Raw, der leichtfüßig die Grenze erreicht, das zuerst zu befördernde Menschenmaterial bilden würde; ehe noch der bessere Nachzug an Ort und Stelle käme, wäre der durch den Vorschub angerichtete Schaden schon ein nicht mehr gut zu inachender. Nach Außen hin kompromittirend, im Innern korrumpirend wäre unausbleiblich das Loos einer solchen Expedition. Von dem Uebelstande nicht zu sprechen, daß der in Folge seiner problematischen Existenz freiwillig die Heimath Verlassende nicht selten demjenigen den Weg vertritt, welcher zur Auswanderung gezwungen ist. Daß die serienweise Expedition, und zwar im Ausmaße des in der neuen Heimath geschaffenen Raumes, unabweislich nothwendig ist, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Eine haufenweise Einwanderung würde die Gefahr wahrhaft anarchischer Zustände herbeiführen. Baron Hirsch hat offenbar in dieser Erkenntniß den Entschluß gefaßt, in den Hauptcentren der russischen jüdischen Gemeinden Komitees, aus angesehenen Männern bestehend, zu bilden, welche die Auswanderung zu leiten die Aufgabe erhalten sollen. Inzwischen treffen täglich Zuzüge russischer Juden ein. Leider fehlt diesbezüglich hier eine entsprechende zielbewußte Organisation. Nicht Alle, welche sich an die Spitze der nothwendig gewordenen Hilfsaktion 'stellen, haben eben das hierzu erforderliche Verständniß. Auch hat die ganze in dieser Richtung bestehende sogenannte Hilfsaktion inehr die Beseitigung der eigenen Unannehmlichkeiten zum Ziele, als den Armen zu helfen; man fürchtet, durch das Zuströmen russischer Juden dem Antisemitismus neuerliche Nahrung zu geben. So berechtigt diese Erwägung ist, so muß doch zugestanden werden, daß den Unglücklichen damit nicht gedient ist, daß man sich ihrer so rasch als möglich zu entledigen sucht. Die einzig mögliche Remedur wird erst geschaffen sein, wenn es Baron Hirsch gelingt, das von ihm angestrebte Ziel, in« Einverständniß mit der russischen Regierung die Auswanderung in ein System zu bringen, zu erreichen. Der von Ihnen reproduzirte Aufruf des Baron Hirsch an unsere russischen Glaubensgenossen dokumentirt deutlich, wie zutreffend meine auf deren Emigration bezughabenden Bemerkungen in meinem früheren Briefe waren. In diesem Aufrufe tritt die ganze Individualität des Baron Hirsch untrüglich hervor: neben der eminentesten Menschenliebe die ruhige nicht aus dem Geleise zu bringende Ueberlegung; neben der Gluth des Herzens die Reflexion des Verstandes; neben der weitest gehenden Bereitwilligkeit die strikteste Planmäßigkeit; neben der Maß- und Zahllosigkeit im Wohlthun die strengste Genauigkeit im — Rechnen. Dem Hilfswerke, welches Baron Hirsch zu Gunsten der unterdrückten rllssischen Glaubensgenossen inszenirt, liegt ein wohldurchdachter Plan zu Grunde. So gewiß es ist, daß die barbarische Behandlung, welche die Juden in Rußland erfahren, jedes menschlich fühlende Herz ergreifen und zur aufrichtigen Theilnahme bewegen muß, so zweifellos ist es, daß hierdurch allein Baron Hirsch sich nicht hätte zu einer Aktion bestimmen lassen sollen, welche das Erstaunen und die Bewunderung der Welt erregt. Dem bloßen Mitgefühl hätte er sicher ausreichend Rechnung getragen, wenn er in gewohnter Munifizenz Herz und Hand aufgethan hätte, so oft die infolge der Unverträglichkeit der gegen sie sich richtenden heimatlichen Ukase auswandernden Inden an ihn sich gewendet hätten. Was ihn leitet, das ist der große Gedanke, einen der Herrschaft der Knute lind der drakonischen Ukase entledigten Volksstamm durch eigene Arbeit und Zusammenfassen all' seiner Kraft der Selbständigkeit zuzuführen. Indem dieser Volksstamm ungehindert und ungehemmt zu einer autonomen Existenz sich emporarbeitet, soll er in die Lage kommen, all' die Vorurtheile, welche gegen ihn bestehen, gründlich zu widerlegen und seine Ebenbürtigkeit mit allen übrigen Völkerfamilien darzuthun. Eine solche, sozusagen volksbildende Aktion bedarf einer stufenweisen, succesive sich vollziehenden Behandlung. Nichts wäre ihr so abträglich, als Hastigkeit und rasches Abthun.

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