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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-02 · Heft 40 (2.10.1891) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 40 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 473 (sequence 5)
Language
German
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i|PI^ 473 i deinem Munde und in deinem Herzen." Lebt darum der Gottesgeist in deinem Innern, und bezeugt ihn deine Seele durch die Wahrheit deines Mundes und die Liebe deines Herzens, dann betest Tu ihn an in deinem Innern, wo du dich auch befinden magst; du weihest dir jede Stätte zu ehie:u Heiligthum. denn du trägst deinen Gott in dir selbst. Hast du aber diesen Tempel in dir nicht aufgerichtet, lebt das Wort Gottes nicht in deinem Munde und iu deinem Herzen, dann stehst du auch mitten im Gotteshause auf ungeweihtem Boden, und ob auch tte Predigt in deinem Ohre tönt, und der Gesang der Gemeinde dich umrauscht: du findest nicht den Ewigen, dein Gebet trägt dich nicht zu ihm empor. Wozu aber dann die Heiligthümer von Menschenhand erbaut? so fraget ihr. Wir antworten: damit sie eben diese Erkenntniß immer wieder von Neuem in euch erwecken. Denn nichts wird so leicht überhört wie die Stimme des Herzens, nichts so wenig beachtet wie das verborgene Heiligthum der Seele. Ja, so selbstvergessen und darum auch so gottvergessen ist gerade der Mensch. Zum Himmel erhebt er die Augen, wunderbarer Erscheinung gewärtig, und über das Weltmeer schweift seine Seele, nach neuen Ideale schmachtend — nur in as eigene Herz blicke er nicht, von dem doch die Ströme des Lebens ausgehen. Draußen und in der Ferne sucht er die Befriedigung, die ihm nur in seiner Nähe, in seinem Innern zu erblühen vermag Darum ist es die Aufgabe der Heiligthümer, den Menschen zu erinnern, daß in ihm selbst der Gottesgeist waltet, durch dessen Bezeugung er erst zum Ebenbilde des Höchsten wird; daß sein Herz allein die Stätte wahrer Goltesanbetung ist, wo er den Antrieb gewinnt zur Bethätigung alles Guten, Großen und Schönen auf Erden. Das ist die Bestimmung unserer Heiligthümer: sie wollen nicht Selbstzweck sein, nicht iu der Erbauung, die sie gewähren, ihre Aufgabe erschöpft sehen; sie weisen vielmehr über sich selbst hinaus ans den wahren Gottestempel im Menschen, darin erst der rechte Gottesdienst vollzogen wird. II. Hiermit aber ist bereits die Antwort auf unsere zweite Frage: Wie sollen wir Gott anbeten? klar angedeutet. Unser religiöses Ideal — das wisset ihr jetzt — beschränkt sich nicht auf das Heiligthum von Holz und Stein wie bei den sündigen Zeitgenossen Jeremias, die das Rügewort des Propheten mit dem blöden Einwand znrnckwiesen: „Tempel Gottes! Tempel Gottes! Tempel Gottes!" Wie wir aber in der Anzahl der Heiligthümer nicht den einzigen und nicht den besten Maßstab für die Frömmigkeit eines Gemeinwesens erblicken, so sind uns auch Predigt und Gebet noch nicht die Höhepunkte menschenwürdigen Gottesdienstes. Wahrlich nicht blos gegen den alten Opferkultus richtet sich das Prophetenwort: PQ! 8^1 ■’flJEBn NON *2 „Denn Liebe verlange ich und nicht Opfer"; auch Predigt und Gebet können ihres Zweckes verfehlen und zu rein äußerlichen Uebungen herabsinken. Was frommt denn die Predigt, und redete sie auch stets die Sprache unseres Lebens und Empfindens, und wäre sie dabei auch dnrchgli'lbt von prophetischer Begeisterung — so ihr euch von ihr nur erbauen lasset, dagegen ihre Einwirkung auf das Leben entschieden zuruckweiset? Und was hilft alles Beten — auch wenn es kein blasses Lippenwerk ist, auch wenn es in der Muttersprache aus unserem Herzen quillt — so es den Willen nicht befruchtet und den Entschluß nicht zur That reifen läßt? Predigt und Gebet freilich trifft kein Vorwurf, sie können auch in ihrer edelsten Gestalt über ihre natürlichen Grenzen nicht hinaus. Wir aber, — haben wir schon Gott gedient, wenn wir die Predigt angehört und das Gebet „verrichtet" haben? Nein, m. A! denn der wahre Gottesdienst gipfelt erst in der sittlichen That. Das ist es ja, was uns wiederum der Prophetenvater bezeugt in unserem Textworte: „Denn überaus nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, daß du es übest." Wie? Dem Gotte Israels, der da ist der Gott der Wahrheit und der Liebe, — ihm wollet ihr dienen, ohne daß euer Mund die Wahrheit kündet, und chne daß euer Herz euch zur Liebesthat antreibt? Wisset ihr nicht, daß ihr als Ebenbilder Gottes berufen seid, göttliches Wesen tu allen euren Werken auszuprägen? Daß ihr darum auf halbem Wege nicht stehen bleiben dürfet, sondern fortschreiten müsset von der Erkenntniß zur That, von der Empfindung zu ihrer lebendigen Ausgestaltung? O, so erkennet doch, m. A.! wie ihr dem Ewigen dienen sollet! Wozu ihr' hier, in diesem Heiligthume, erweckt und aufgerufen werdet, das ist nur der Anfang des Gottesdienstes, den ihr erst draußen im Leben vollenden müsset. Beachtet wohl das Gleich»iß des Propheten von dem Zwecke der Predigt: „Wahrlich," so spricht er, „wie der Regen und Schnee vom Himmel herabfällt und nicht wieder dorthin zurückkehrt, es sei denn, daß er die Erde getränkt und befruchtet und keimfähig gemacht und Samen dem Sämann und Brod dem Essenden gegeben, — so sei auch das Wort, das aus meinem Munde kommt, es kehre nicht leer zu mir zurück, sondern es vollbringe, was mir gefällt, und richte aus, wozu ich es gesendet." Und nun vernehmet noch den Zweck des echten Gebetes aus den Worten, die der Psalmdichter dem Prophetenvater in den Mund gelegt: „O lehre uns unsere Tage zählen, daß wir ein weises Herz erlangen!" Was Prophet und Psalmist euch lehren — o, daß es fortan in eurem Innern hafte und den Gottesdienst in diesem Hause fruchtbar mache für das Leben! Dann ist die rechte Wechselbeziehung hergestellt zwischen Heiligthunl und Weltverkehr, und dann erfüllt sich an euch die beglückende Wahrheit unseres Textwortes: „Denn überaus nahe ist dir das Wort in deinem Munde und in deinem Herzen, daß du es übest." M. A. Ich bin zu Ende. Nun ist es an euch, in Wirksamkeit zu treten. Fühlt ihr euch gleich mir erfrischt und gehoben durch die Lehre unseres Textwortes, habet ihr mit mir Erbauung gefunden an dieser Stätte: dann ist für uns die Weihe dieses Hauses bereits vollzogen. In dieser Hoffnung jubelt jetzt meine Seele, und wie der Patriarch den Ort, wo seine Seele sich himmelwärts getragen fühlte, ein Gotteshaus nannte, so rufe ich jetzt aus meinem und aus eurem Empfinden heraus: „Fürwahr, dies ist ein Gotteshaus, und hier ist die Pforte des Himmels!" Dieses Heiligthum ist fortan geweiht zu einer Stätte der Erhebung für die Beter zum Tempel der Verherrlichung für unseren Vater im Himmel! Amen! Der Predigt folgte das Weihegebet des Herrn Dr. Ungerleider von derselben Stelle aus. Er schloß mit der Erflehung von Gottes Segen für den Kaiser, die Kaiserin und das ganze Königshaus, für das deutsche Vaterland, die Stadt und ihre Bewohner, für die Gemeindevorsteher und Alle, die an dem Bau des Gotteshauses Antheil haben. Das Haus möge dastehen als ein Zeugniß friedlicher Gesinnung. Die Feier schloß mit dem Gemeindegesang Psalm 150: „Hallelujah, lobe Gott in seinem Heiligthume!" in der meisterhaften Komposition von Pros. Lewandowski. Möge das neue Gotteshaus, mit diesem Wunsche schließen wir den Bericht über die wahrhaft ergreifende Einweihung, ein Haus der Andacht und der Erhebung bleiben für alle kommenden Geschlechter! 9 Wiener Briefe. XI. T. Nicht nur Hilfsbedürftige und Hilfesuchende, sondern alle Welt richtet bewundernd ihre Augen auf Baron Hirsch; in allen Kreisen ist von ihm die Rede, alle Zungen beschäftigen sich mit ihm. In diesem großen Philanthropen tritt uns eine Erscheinung entgegen, wie sie in ihrer Art noch nie zur Wahrnehmung gelangte. In allen civilisirten Welttheilen, für jede Kategorie menschlichen Ungemachs, in Fällen individueller wie universeller, hart bedrückender Nothlage — immer und überall ist die segenspendende, rettungsbereite Hand des Baron v. Hirsch z» verspüren- Was aber besonderes Erstaunen erregt, das ist, daß er den an ihn herantretenden Fragen menschenfreundlichen Wiriens das ernsteste Studium widmet. Wie der alte Rabbi vom Tagesgrauen bis in die späte Nacht hinein über seine Folianten brütete, so denkt Baron Hirsch emsig und unausgesetzt über die Art nach, wie er seine philanthropischen Ideen bestens verwirklichen könne. Elaborate, statistische Daten, Projekte liegen vor seinem sinnenden Auge ausgebreitet, als handelte es sich um die Lösung welterlösender Probleme. Er zählt überhaupt nicht zu jenen Naturen, welche aus Denkbequemlichkeit oder Gedankenimpotenz Ideen Anderer adoptiren oder auch — usurpiren. Diesem Umstande ist es auch zuznschreibe», daß

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