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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-02 · Heft 40 (2.10.1891) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 40 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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m MWNWWBMWM?^MMMWWW 475 Es gehört auch dazu mehr als die Weichheit des Gemüthes, welche in der augenblicklichen Hilfeleistung ihre Befriedigung findet; vielmehr sind dazu die Besonnenheit eines ruhig denkenden Kopfes, der tief und in die weite Ferne gehende Blick unabweislich erforderlich. Man kann es daher begreiflich finden, wenn Baron Hirsch einerseits die Mithilfe der russischen Regierung zu erhalten bestrebt ist uitb andererseits durch Kreirung von Vertrauens-Komitees in den jüdischen Hauptgemeinden sich der Verläßlichkeit bezüglich der Wahl des der Auswanderung zuzuführenden Menschenmaterials versichern will. , Ob ihm von der russischen Regierung die erbetene und erwünschte Unterstützung wird gewährt werden, läßt sich nicht vorher bestimmen. Die Unterdrückung der Juden in Rußland wird auf zwei Ursachen zurückgeführt. Nach der einen soll ihre Zahl numerisch zu hoch gegenüber der gesammten Bevölkerungssumme befunden und insofern eine Gefahr darin erblickt werden, als ihre ungleich höher stehende Intelligenz ihnen über das Gros der übrigen Population eine gewisse Präponderanz verleiht; nach der andern soll pure et simple ihr Uebertritt zur griechischen Kirche auf dem Wege der sie als Juden treffenden Verfolgungen erzielt werden. Je nachdem nun das eine oder das andere Motiv seine Vertretung in den maßgebenden Kreisen findet, wird der Exodus gefördert oder gehindert. Es kommt also darauf an, von welchem Motive die entscheidendste Seite sich leiten läßt. Inzwischen bereitet Baron Hirsch Alles vor, um sein Rettungs- und Knlturwerk, wenn es einmal in Gang kommt, nach einem bestimmten System entwickeln zu lassen. f Welche Intentionen ihn dabei beseelen, geht unzweideutig aus dem Programmpunkte hervor, welcher lautet, daß bei der Kolonisation für die religiösen Bedürfnisse gesorgt werden müsse. Will man die Sittlichkeit des Volkes, so muß auch für die Pflege der religiösen Erziehung gesorgt werden. Was die Gerechtigkeit den Regenten, das ist die Religion dem Volke: das Fundament. Die Religion als solche ist „die Feuerjäule", welche das Volk, wie die Israeliten in der Wüste, auf die richtige Fährte leitet; sie ist der Ring, welcher die ganze Menschheit als trauten Friedensbund umschließt. Das Synagogenjahr geht zu Ende, ein neues ist im Anzuge; mögen alle Sorgen und Kümmernisse mit dem alten in den „Strom der Vergesienheit, “D3 "|H3, sinken und das neue unter dein Zeichen des Friedens beginnen! Friede unter den Völkern, Friede unter den Stämmen, Friede unter den Konfessionen! Dem BaronHirsch wünschen wir jenen beseligenden inneren Frieden, welchen das Gelingen edlen Wollens und Strebens gewährt. Möge ihm die ihm von der Vorsehung verliehene Kraft des Körpers und Geistes ungeschwächt bleiben! I d I Me Juden in den Bnikanftaaten. I Von Dr. Rüben Vierer in Sofia. I II. 1 Es sei mir gestattet, auch in den folgenden Zeilen mich noch I mit der Retrospektive über das Thema unserer frühern Besprechung » zu befaßen. Liegt ja die Geburt das pseudonationalen spagno- |S lischen Judenthums etwa 400 Jahre hinter uns, und fällt es ja •m mehr oder weniger mit dem Ueberschreiten des spanischen Gebietes ■ auf türkisches Territorium seitens unserer unglücklichen Brüder zn- M sammen. Verlockend muß man diese kleine historische Exkursion gerade W in dem gegenwärtigen Moment nennen, wo der nordische Koloß, abermals der Vertreter einer heiligen — allein selig machenden christlichen Kirche, daran geht, die Heldenthaten seines südwestlichen Vorläufers, des heiligen Ferdinands des Katholischen und der noch heiligeren Jsabclla, nachzuahmen. Wir verweilen bei diesem Abschnitte etwas länger, weil derselbe die psychologischen Momente aufdeckt, welche dazu beigetragen, aus dem einigen Israel einen unnützen, ja unheilvollen Dualismus zu gestalten, welcher von allen patriotisch denkenden und fühlenden Juden aufs Lebhafteste beklagt wird. Hoffentlich werden unsere russischen Brüder, welche unter einem gleichen Mißgeschick leiden, wie einst die spanischen, nicht auch in den Fehler der sogenannten Sephardim verfallen — eine pseudojüdische Nationalität im neuen Heim zu inauguriren, was wohl schlimmer und verhängnißvoller wäre, als selbst die schrecklichste Marter und Pein, der sie im heiligen Rußland ausgesetzt sind. * -i- -i- Aus dem blühenden und reichentwickelteu Spanien und aus Portugal vertrieben, durften die Juden wohl keine Habseligkeiten mitnehmen; was ihnen gelassen werden mußte, das waren Pretiosen geistiger Natur, über die sie in reichlichem Maße verfügten. Es waren dieses die Schätze jüdischen Wissens, die hohe moralische Kraft, einer erhabenen Idee Blut und Gut zu opfern, mit einem Worte, bewunderungswürdige Charakterstärke imb die sonstigen großen Eigenschaften des jüdischen Stammes. — Neben denselben trugen sie in den Falten ihres Herzens unauslöschliche Liebe zum Heimathlande; den Nationalstolz der Spanier brachten sic in der Sprache des h. Ferdinand und des feuerzüngigen Torquemada zum Ausdruck. Das Gewand, in welches jede Nation ihre Seele kleidet, mit dem sie ihren innern geistigen Kern schmückt, ist die Sprache, und diese fehlt unfern Brüdern leider schon lange Jahrhunderte, wodurch die jüdische Volksseele wie das Licht durch ein mehrkantiges Prisma gebrochen und unnatürlich resp. uneigenthümlich erscheint. Die spanischen Emigranten litten an demselben Mangel, und die Landessprache ersetzte ihnen die ureigene, die hebräische. Geradezu zauberhaft fesselte sie dieses weiche, wohlklingende, von wenigen grammatischen Formen gequälte lateinische Idiom — das sogenannte „Ladino“. Mit diesem verließen sie die Gestade ihres Heimathlandes, um es an die Enden der damals bekannten, wie der neuentdeckten Welt zu tragen. Was (sie) die Sephardim in geistiger Beziehung zusammenführte, Religion, Stammesgleichheit und Tradition, war nur ein schwacher Kitt gegenüber der gemeinschaftlichen Sprache und den erlittenen gemeinschaftlichen Verfolgungen während der unseligen Regierung jener entmenschten Wütheriche. Also begann schon im Heimathlande am Tajo und am Guadalquivir ein gewisser Nimbus sich um sic zu spinnen. Und was im fernen Südwesten noch Nimbus, noch duftiger Flor war, verwebte sich an den Gestaden des atlantischen Ozeans, wie auf den Balkanhöhen zu einem festen Gewebe, welches alle Mitglieder der Emigration umspann. Der Separatismus war besiegelt! In den Balkaifländcrn stießen die Einwanderer auf ein Völkergemenge der buntscheckigsten Zusammensetzung, was Rasse und Sprache anbelangt; nicht minder verschieden auch an Sitten und Charakter. Wir wollen nur einige der bekannteren nennen. Vom slavischen Stamm die Serben, aus Wolgern die heutigen Bulgaren, Griechen, Arnauten, Tartaren, Armenier (die bekannten Abkömmlinge Hamans, des judenfreundlichsten aller Menschen), schließlich das fiihrende und herrschende Volk, die Türken, und zur Komplctirung des ethnographischen Bildes dürfen wir auch nicht die ans aller Herren Länder flüchtigen Stammesbrüder der Aschkenasim vergessen. Wie schwer war es

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