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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-02 · Heft 40 (2.10.1891) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 40 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 472 (sequence 4)
Language
German
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472 Zustimmung ertheilt haben, das; zur Zeit der Gottesdienst der neuen Synagoge mit unwesentlichen Abänderungen hier eingeführt werde, so ist dies des Friedens wegen geschehen. Aber wir getrösten uns, daß der Fortschritt ein unallshaltbarer ist und daß die Nothwendigkeit, eine Stätte der Andacht für die Jugend zu gründen, den Sieg davontragen wird über Gewohnheit und Vorurtheil. Ja, des Friedens halber haben wir zur Zeit von einem erneuten Kampf Abstand genommen. Wir dürfen die heutige Zeit als eine Zeit des Friedens in unserer Gemeinde bezeichnen. Haben sich auch einige Glieder losgelöst, um sich zu einem besonderen Ganzen zu vereinigen, wird uns dieses auch voll anderer Seite — und zwar der entgegengesetzten — angedroht, so lassen wir doch die Hoffnung nicht sinken, daß alle diejenigen, welche in unserer Gemeinde den Namen des Einzigen — Ewigen bekennen, sich wieder zusammenschaaren werden. Wir werden eifrig bestrebt sein, alle Strömungen in der Gemeinde friedlich zn Vereinen. Sie Alle, die Sie hierhergekommen sind, um an dieser Feier theilznnehmen, seien Sie gegrüßt in diesen Hallen des Friedens, welche wir nunmehr der Gemeinde übergeben. Möge Eintracht die ganze Gemeinde umschlingen! In dieser frohen Hoffnung, in dieser Zuversicht wollen wir nunmehr zn dem Werke schreiten, dos uns hierher geführt: Diesen Tempel zu weihen zur Ehre Gottes und zum Segen für unsere Gemeinde! Unter dem volltönenden Chorgesang: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!" wurden nun von den Rabbinern, Dr. Ungerleider, Dr. Maybaum, Dr. Rosenzweig, Dr. Stier, die vier mit reicher Goldstickerei und Kränzen geschmückten Thorarollen durch das Haus in die heilige Lade getragen und dann unter Gesang in letzterer aufbewahrt. Bei der Schließung der heiligen Lade sprach Herr Prediger Dr. Ungerleider das Gebet. Nachdem der hierauf angestimmte Gemeindegesang verhallt war, erstieg Herr Dr. Maybaum die Stufen zur Kanzel und hielt die folgende Weiherede: Dl?3 TTl Laß Deine Huld, Herr, unser Gott, über uns weilen, damit das Werk unserer Hände gelinge und uns zum Heile gedeihe.' Zn froher Festesfeier sind wir hier versammelt, harrend Deines Segens, ohne den dies Heiligthum seine Bestimmung an uns nicht erfüllen kann. O, so gieb uns ein Zeichen Deines Segens! Laß uns inne werden Deiner beglückenden Nähe, und laß uns empfinden die Wonne Deines Heils, auf daß wir erkennen, daß Dein Auge, einig-einziger Gott, diesem Hause zugewandt ist für und für! Amen! Andächtige Gemeinde! . Der Schönheit und Erhabenheit dieses Hauses, zu dessen Weihe wir uns heute hier eingefunden haben, ist nur der erste Blick des Beschauers gewidniet. Das Auge sättigt sich alsbald an den edlen Formen, und nachdem es mit Befriedigung umhergestreist und auch zur Kuppel sich erhoben, die wie das Himmelszelt über dem Beter sich wölbet, kehrt es den Blick nach innen, sich der geistigen Betrachtung zuwendend, die ihm nicht geringere Befriedigung gewähret. Denn dieses Haus, welches die drei Gemeindesynagogen um eine neue vermehrte, ist nicht blos ein Zeuge für das äußere Wachsthum unserer Gemeinde, sondern auch für das Wachthum des religiösen Sinnes, für das rege Bedürfniß nach frommer Erbauung in unserer Mitte. Und daß dieses Bedürfniß nicht außerhalb der Gemeinde, sondern innerhalb derselben seine Befriedigung gesucht und von Seiten unserer Verlvaltung ein so williges und thatkräftiges Entgegenkommen gefunden — das ist uns ein erfreulicher Beweis dafür, daß das Einheitsbewußtsein in unserer Mitte überaus mächtig ist, und daß es unter Gottes gnädigem Beistände alle die Gefahren überwinden wird, die ihm aus dem Wachsthum der Gemeinde und aus der inneren Verschiedenheit ihrer Glieder erstehen. Das köstliche Gut der Einheit, der äußeren, wie der inneren, wird unter llns auch fürder gewahrt bleiben, und weder die räumliche Ausdehnung des Gemeindebezirks, die zur Errichtung neuer Heiligthümer drängt, noch die Verschiedenheit des Kultus, die auf dem ewig gleichen Bekenntnißgrunde sich erhebt, wird das beglückende Bewußtsein unserer Einheit und Zusammengehörigkeit zu erschüttern vermögen. In diesem frohen Bewußtsein harren wir jetzt des religiösen Gedankens, der uns erhebt und auferbant und so die Kraft der Weihe Hinausströmen läßt in die Räume dieses Heiligthums Denn gestehen wir es nur: nicht von dem Herrn und nicht von dem Verkünder seines Wortes geht die Weihe des Heiligthums aus, so, daß wir darin eine übernatürliche und geheimnißvolle Handlung erblicken müßten. Es giebt vielmehr kaum etwas Einfacheres und Natürlicheres, denn ihr selbst weihet das Haus zu einem Heiligthum. Wohl sagt der Psalmdichter: „Wenn Gott das Haus nicht bauet, so mühen sich damit vergebens die Bauleute", aber die Weihe des Hauses kann gleichwohl nur von dem Menschen, nur von dem andächtigen Beter vollzogen werden. Erst wenn dieser sich darin zu Gott erhoben und durch innere Läuterung sich auferbaut hat, strömt ans seinem Herzen die Weihe aus, die ihm dann allerdings von dem Hause tausendfach vermehrt znrückgegeben wird. Wie viele Wanderer mochten wohl schon früher über jenes Feld gleichgiltig hinweggeschritten sein, wo einst der Patriarch den seligen Traum geträumt von jener Leiter, welche die Erde mit dem Himmel verbindet? Wo aber Andere nichts gemerkt und empfunden hatten, da rief er, weil er hier auferbaut wurde, begeistert ans: j-pD DK PD Ni pK trorcn Nil D'N^K „Fürwahr dies ist ein Gotteshaus, und hier ist die Pforte des Himmels." Und hierin, m. A., liegt auch die Erklärung für alle Religion überhaupt. Sie ist nicht blos für Menschen bestimmt, sondern auch von Menschen erzeugt, in denen der Gottesgeist offenbarend gewaltet hat. Diese Behauptung ist lange nicht so unerhört, wie sie uns ans den ersten Blick erscheinen mag, denn sie bildet den Ausspruch des Prophetenvaters Mose, den wir erst gestern tu der Thora gelesen, und der Israel das Wesen seiner Religion enthüllt. Wir meinen den Ausspruch: „Denn dies Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen und nicht ferne. Es ist nicht im Himmel, daß du sagest: wer steigt für uns in den Himmel und hott es uns und giebt es uns kund, daß wir es üben? Und es ist auch nicht jenseits des Meeres, daß du sagest: wer fährt für uns übers Meer und holt es uns und giebt es uns kund, daß wir es üben? "02^21 "s'22 'TKÖ “I2“H "pbs 2np '2 Sondern überaus nahe ist dir das Wort, in deinem Munde mu in deinem Herzen, daß du es übest." In deinem Munde und in deinem Herzen ist die Religion, daß du sie übest, — das ist der Gedanke, in welchem wir unsere Behauptung wiederfinden. Und darum wollen wir diesem Gedanken nachhängen in dieser bedeutsamen Stunde. Von ihm erhoffen wir die innere Erbauung und Erhebung, durch die das Haus seine Weihe empfängt; von ihm erwarten wir Aufschluß über die Fragen, die er selbst in uns anregt, die Fragen: Wo sollen wir Gott anbeten? und Wie sollen wir ihn anbeten? I. Diese Fragen, m. A., sind nicht neu. denn sie bilden den Grundgedanken in der prophetischen Litteratur Israels. Seitdem nämlich die Erkenntniß durchgedrungen, daß Gott ein Geist ist, ler von Raum und Zeit nicht beschränkt wird, hat die Frage nach Ort und Art der Gottesanbetung nicht mehr wie früher mit dem einfachen Hinweise auf den Tempel beantwortet werden können. Wohl war der Ort, auf dem die Vorfahren Jahrhunderte hindurch ihre Opfer dargebracht, dem Herzen der Nachkommen immer noch theuer, und das an dieser Stätte wiedererstaudene Heiligthum beherrschte noch lange Zeit die Gemüther der Menschen. Dennoch war der alte Bann bereits gebrochen durch die gewonnene Erkenntniß, daß das Wesen Gottes mit keinem Orte auf Erden als unauflöslich verknüpft gedacht werden könne. „Der Himmel ist mein Thron und die Erde meiner Füße Schemel. Wo ist das Hans, das ihr mir bauen wollet, und wo ist der Ort für meine Ruhestätte?" so hatte bereits der exilische Prophet im Namen des Ewigen gesprochen, der mit dem Hauche seines Mundes das All ins Dasein gerufen, und der es mit seinem Geiste überall durchwaltet. Und er selbst, der erleuchtete Prophet, beantwortete die Frage mit den Worten: „Ans den nur schaue ich, der demüthig und gebeugten Geistes ist und eifrig meinem Worte folgt." Denn das heißt doch offenbar nichts Anderes als: Die Seele des Menschen ist der Tempel Gottes. Suche Gott nicht außer dir, o Mensch, denn er ist dir nahe überall und zu jeder Zeit, nicht nur im Heiligthnme, von Menschenhänden erbaut, sondern auch im großen Dome der Natur, und nicht nur in den Hallen der Kunst und in den Sälen der Wissenschaft, sondern auch in deiner Familienstube und in deiner Werkstätte, und mitten im geräuschvollen Treiben des Verkehrs wie in der feierlichen Stille deiner Festzeiten. Denn deine Seele ist der Tempel Gottes, in ihr allein die Ruhestätte seines Geistes. Das ist es ja, was auch der Prophetenvater dir bestätigt mit bem Worte: „Denn überaus nahe ist dir das Wort, in

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