Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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471 dahinter hat die ^)rgel Platz gefunden. Ans eure schöne farbige Ausgestaltung haben die Architekten besonderen Werth gelegt, Ungemein reizvoll nimmt sich die Verbindung des tiefen Roth des für die Architekturglieder verwendeten Sandsteins mit dem leuchtenden Gold aus, welches als schmückendes Element für gewisse Theile der Emporen-Ballustrade, der Gewölberippen und anderer Gliederungen Verwendung gefunden hat. Der Gesammteindruck des Raumes ist weihevoll und schön. Nichts Störendes bietet sich dem Auge — Alles, Formen und Farben, geht harmonisch zusammen. Das Gotteshaus bietet 900 Sitzplätze für Frauen und ebenso viele für Männer. Dem äußern Eindruck entsprach auch der religiöse Charakter der wahrhaft erhebenden Einweihungsfeier, die durch die folgende Rede des Vorsitzenden des Gemeindevorstandes, des Herrn Justizraths S. Meyer, eingeleitet wurde: Geehrte Gemeinde! Als der Salomonische Tempel eingeweiht wurde, trugen die Priester die Lade und die heiligen Geräthe; aber der Erbauer des Tempels Salomo segnete die ganze Gemeinde Israels und flehte, daß alle Gebete, welche aufsteigen würden an dieser neuen Stätte der Heiligung, Erbörung fänden. So sei es mir gestattet, Namens derjenigen, welche durch das Vertrauen der Gemeinde an deren Spitze gestellt sind, Ihnen zuzurufen: Seien Sie gegrüßt in diesen Hallen, welche dem Dienste des Ewigen und der Andacht geweiht werden sollen, auf daß diejenigen, welche dankbaren und frohbewegten Herzens diese Stätte betreten werden, sich erbaut, erqnickt und erhoben fühlen, daß die Bedrückten und Beladenen, die Gramerfüllten und vom Schicksal Verfolgten Trost und Kräftigung finden, daß die Worte, welche hier verkündet werden, eindringen in die Herzen und Geister der Hörer. Verehrte Gemeinde! Fünfundzwanzig Jahre sind verflossen, seit wir die neue Synagoge eingeweiht haben. Die großen weltgeschichtlichen Ereignisse, welche sich in dieser Periode vollzogen haben, die Umwandlung der Hauptstadt eines mächtigen Bundesstaates in den Mittelpunkt des Reiches mußten auf die innere und hauptsächlich auf die äußere Entwicklung unserer Gemeinde von bestimmendem Einfluß sein; die Zahl der Gemeindemitglieder wuchs in kaum vorhergesehener Weise, und schon seit vielen Jahren mußten die Gemeindebehörden die Ueberzeugung gewinnen, daß die drei ständigen Andachtsstätten der Gemeinde dem Bedürfnisse nicht genügten; aber obgleich die Gemeindebehörden dauernd ihr Augenmerk auf Erbauung einer neuen Synagoge gerichtet hatten, waren die Schwierigkeiten, namentlich bezüglich der Erwerbung eines geeigneten Platzes, doch so große, daß es erst heute möglich wird, den neuen Tempel seiner Bestimmung zu übergeben. Man hört oft die Klage, daß unsere Zeit an Jndkfferentismus und Irreligiosität kranke. Wer aber beobachtet, wie Männer und Frauen wetteifern, sich die Theilnahme an einem geordneten und feierlichen Gottesdienste während der hohen Feiertage zu sichern, wird diesen Vorwurf nicht für berechtigt halten. Die Ueberfullung unserer Synagogen, wenn auch nur an den hohen Festen und an den Tagen, welche der Erinnerung an die Todten geweiht sind, ist das beredteste Zeugniß, daß der Besuch des Tempels dem Herzensbednrfniß entspringt, und daß in unserer Gemeinde der Sinn für Religion und Religionsübung nicht erloschen ist. Vollendet ist die neue Stätte, der .Andacht — nicht prunkend und nicht überladen, aber doch würdig des hohen Zweckes und der Stellung unserer Gemeinde. Wir durften an Opferwilligkeit für die Herstellung eines neuen Gotteshauses nicht zurückstehen gegen unsere Vorfahren, welche selbst in Zeiten des höchsten Druckes kein Opfer scheuten, wenn es galt, einen Tempel würdig herzustellen und anszustatten. Den ersten Entwurf zum Bau der Synagoge verdanken wir unserm Baumeister Herrn Hönigcr, welcher denselben nach eingehender Berathung mit unserer Baukommission gefertigt hat. Der Entwurf wurde baupolizeilich genehmigt und erlangte die volle Anerkennung der Gemeindebehörden; allein man war der Ansicht, daß es bei einem Bauwerke von dieser Bedeutung, welches noch nach vielen, vielen Jahrzehnten Zeugniß ablegen soll von der Gesinnung unserer Zeit, angezeigt erscheine, ein Ausschreiben zu erlassen. Dies geschah. Der Architektenverein, als Preisrichter, erkannte unter den eingegangenen Konkurrenzentwürfen den Herren Eremer u. Wolffenstern den ersten Preis zu, urrd wesentlich nach diesem preisgekrönten Entwurf ist von diesen Meisterll der Bau ausgeführt. Es ist nicht unsere Sache, das Werk zu rühmen und zu preisen, das Werk selbst lobt den Meister; aber es ist uns Bedürfniß, hier an dieser Stelle den Meistern den wärmsten Dank der Gemeinde ausznsprechen für das herrliche Werk, welches sie errichteten, für die Gewissenhaftigkeit, die Treue und Pünktlichkeit, mit welcher sie die übernommene Aufgabe gelöst haben — ihnen, sowie ihren Mitarbeitern, ihren Beamteil und den Werkmeistern, Allen, welche mit Liebe, Eifer und Sachkenntnis das Werk gefördert haben. Wir zollen unfern Dank unserm Baumeister Herrn Höniger, welcher nicht nur den Entwurf, von dem ich soeben gesprochen, mit höchster Sorgfalt gearbeitet, sondern auch während des Baues die Interessen der Gemeinde aufs Wärmste wahrgenommen hat, wir sprechen unfern Dank ans den Mitgliedern unserer Baukoinmission, welche sich während vieler Jahre mit dem Bau dieses Tempels beschäftigt, unermüdlich die zahlreichen Pläne, Entwürfe und Anschläge gesichtet und geprüft und der Ausführung ihre volle Aufmerksamkeit geschenkt haben. Wir sagen endlich unfern innigen Dank denjenigen, welche, alter Sitte treu, durch werthvolle Geschenke zum Schmuck dieses Tempels beigetragen haben. ' Vollendet ist der Bau; aber wohl wissen wir, daß hiermit noch nicht dem Bedürfniß genügt ist, daß es vielmehr unsere Pflicht und die unserer Nachfolger ist, auf dem betretenen Wege fortzuschreiten. Freilich auf einmal und in einer kurzen Spanne Zeit ist solche Aufgabe nicht zu lösen, ohne die Gesammtinteressen der Gemeinde zu gefährden; in der Zwischenzeit werden wir uns aber bemühen wie bisher und möglichst noch in erhöhtem Maße, dem Bedürfniß durch gottesdienstliche Veranstaltungen gerecht zu werden. In bemfelben Gebäude haben wir Räume für unsere zweite Religionsschule eingerichtet. Dieselbe ist vor fünf Jahren unter der rühmlichen Leitung des Herrn Dr. Apolant eröffnet und erfreut sich des Vertrauens der Gemeinde. Schmerzlich haben wir bedauert, daß es trotz des Entgegenkommens der städtischen Behörden bisher nicht möglich war, eine dauernde und geeignete Stätte für diese Schule zu finden, und daß die Ertheitung des Unterrichts in diesem wichtigsten Zweige des Wissens von dem Belieben einzelner Personen abhängig war. Wir sind erfreut, daß nunmehr dieser Schule ein dauerndes Heim gesichert ist. V. G. Vor 25 Jahren war die Erregung iu unserer Gemeinde eine große; sie galt der Einrichtung des Gottesdienstes iu der neuen Synagoge; die Frage der Einführung der Orgel und deutscher Gebete, sowie die Kürzung der hebräischen Gebete erregte die Gemüther. Hoch gingen die Wogen, aber als die damaligen Neuerungen eingeführt waren, haben sich die Wogen bald geglättet, und unsere gottesdienstlichen Einrichtungen sind zum Muster und Vorbild geworden für viele deutsche Gemeinden. Selbstverständlich mußten wir uns vor Eröffnung dieses Tempels mit der Frage beschäftigen, in welcher Weise der Gottesdienst hier zu gestalten sei? ob es nicht an der Zeit sei, einen deutschen Gottesdienst einzuführen, nicht etwa durch Einfügung einiger neuen deutschen Gebete, sondern in der Weise, daß unsere Muttersprache Gebetsprache werde? ob es nicht ein Gebot der Billigkeit und Gerechtigkeit sei, nunmehr für die Jugend zu sorgen, nachdem sowohl für die orthodoxe Partei, als für die Mittelpartei nach Möglichkeit Fürsorge getroffen war. Als im Anfang dieses Jahrhunderts die Frage erörtert wurde, ob der Beersche Tempel aufznheben sei, machten diejenigen, welche für den Fortbestand desselben kämpften, geltend: unsere Jugend verstehe nicht mehr die hebräischen Gebete und finde deshalb keine Erbauung und Andacht in der Gemeinde-Synagoge. Wenn diese Klage schon vor mehr als einem halben Jahrhundert laut wurde, wie viel berechtigter ist sie heute! Wenn ich von der Jugend spreche, so meine ich nicht die Schuljugend. Für diese ist durch Einrichtung des Jngendgottesdienstes gesorgt, welcher sich der Gunst der Eltern und der Theilnahme der Kinder erfreut. Ich meine vielmehr die ganze jüngere Generation, alle diejenigen, welche nicht genügende Kenntniß des Hebräischen besitzen, um die Gebete zu verstehen und in deren Geist einzudringen — alle diejenigen, bei welchen die Pietät für die alten Gebete und für die Laute der heiligen Sprache nicht Wurzel geschlagen hat. Der Vorstand der Gemeinde ist durchdrungen von der Ueberzeugung, daß unsere Jugend Anspruch habe auf einen Gottesdienst, an welchem sie verständnißvoll mit Herz und Gemüth theilnehmen kann, daß es im eigensten Interesse der Gemeinde liegt, die Jugend nicht dem Gotteshause zu entfremden. Wenn wir gleichwohl die