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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-02 · Heft 40 (2.10.1891) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 40 (2.10.1891)
Date
1891-10-02
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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4-0- Wahrheit uiib Dennlth unb LiedeSthaten wenden das böse Verhängniß ab. Also kehre zurück, Verirrter! Gern will der himmlische Vater seine reuigen Kinder wieder aufnehmen. Bete zu Ihm in deiner Seelenbedrüngniß, und er wird sich dir nahen. Thue Gutes, streue Saaten der Liebe aus, und Heil und Segen wird dir ersprießen, Frieden und Befriedigung dich erfüllen. Doch nicht nur zum Menschen, dem Staubgeborenen, dem irrenden und sündige» Sterblichen, spricht der Geist des Neujahrsfestes aus unfern Gebeten, sondern auch zu dem Söhne Israels, der das Erbe und Vermächtnis; der Väter bewahrt und in Ehren gehalten. Er spricht mit ihm von der Zukunft Israels und der Menschheit, und gar kräftige Trostesworte sind es, die uns da entgegentönen, die uns ermuthigen zum Ausharren, zum Kämpfen und Leiden für die gerechte Sache, für Wahrheit, Duldung, Menschlichkeit. Und wahrlich! des Trostes und der Erinuthigung bedarf der Sohn Israels auch heute noch, ja heute vielleicht mehr, als in den Jahrhunderten der schwärzesten Finsterniß. Mit dem Bekenntniß des einzigen Gottes hat das Judenthnm die Lehre von der Einheit der Menschenfamilie auf seine Fahne geschrieben. Ein Gott, ein Gesetz und Recht für Alle, ist Israels Losung. Dafür ist es selbst ansgestoßen, verhöhnt und beschimpft worden. Seine Religion ist — bald aus Unkenntniß, bald aus Uebelwolleu - als das grade Gegcntheil von dem geschildert, was sie ist und sein soll; ist dargestellt als eine Lehre dünkelhafter Anmaßung, lächerlichen Stolzes, engherziger Ausschließung; sein Gott als ein Gott des Zornes, der Rache, des strafenden Eifers, und die, welche im Namen Israels sich nennen, als eine vom göttlichen Fluche getroffene, mit Recht gehöhnte und unterdrückte Gemeinschaft. Solche Anschauungen über Israel, seine Religion, seinen Gott und seine Bestimmung wurden leider auch in unserer Zeit von hervorragender Stelle, von Kanzel, und Lehrstuhl verbreitet und weiten Schichten des Volkes eingeimpft. Aber was noch viel schlimmer ist, derartige Anschuldigungen finden nicht selten in unsrer Mitte und insbesondere bei der in ihrem Urteil schivankenden und leicht zu bestechenden Jugend Glauben, und hier droht dem Judenthum eine wirkliche und ernste Gefahr. Untergraben und erschüttert wird die felsenfeste Zuversicht, mit welcher Israel im erhebenden Bewußtsein, daß es für eine gute, heilige Sache, für die Sache der Gerechtigkeit und Menschlichkeit litt und stritt, in weit schlimmeren Zeiten der Zukunft entgegengesehen, und die Waffen, die uns zur Abwehr und Vertheidigung dienen, werden stumpf und rostig. Die Unkenntniß der Religion und des Schriftthums des Judenthums gerade in den sogenannten gebildeten Kreisen haben es bewirkt, daß die abgeschmacktesten Verdächtigungen des Judenthums wenn auch tausendmal widerlegt, so doch auch tausendmal wiederholt und nachgebetet, in jüdischen Kreisen Gläubige gefunden und die wunderliche Spezies der „jüdischen Antisemiten" erzeugt haben. So ist es gekommen, daß die Zahl der Schwachen und Müden sich mehrt, die ihre Zugehörigkeit zum Judenthnm wie eine Kette nachschleppen. Möchten doch diese Müden und Schwachen, sowie diejenigen unserer Feinde, die mit ehrlichen Waffen kämpfen, einen Einblick gewinnen in den Geist unsres Neujahrsfestes, in den Geist unsrer Gebete, unsrer Religion, und sie würden eine bessere Vorstellung von derselben erhalten! Da würden sie sehen, daß unser Gott weder ein National-, noch ein Rachegott ist, sondern der barmherzige Vater aller Menschen, und daß das höchste Ziel unsrer Sehnsucht die Zeit ist, da alle Geschlechter der Erde sich vereinigen zur Verehrung ihres gemeinschaftlichen Vaters; die Zeit, in welcher Aberglaube und Vorurtheil geschwunden und selbst die Frevler und Gottlosen sich Gott wieder zuwenden und ihm dienen werden. — Da würden sie Muth und Kraft schöpfen aus den trostvollen Verheißungen unsrer Propheten, die wie Goldfäden sich durch das Gewebe unsrer Liturgie ziehen, und nimmer würden sie verzweifeln an dem endlichen Sieg der Wahrheit und Gerechtigkeit. Nicht das soll uns entmuthigen, daß die Zahl unsrer Feinde so groß und so gering die Zahl unsrer Freunde und Vertheidiger ist. Nicht zählen, sondern wägen müssen wir die Stimmen. Die Besten und Edelsten aller Völker aber, die in unbestechlicher Treue gegen Lüge und Finsterniß zu Felde gezogen sind, die für Licht und Recht gekämpft und geduldet haben, die gehören zu uns, die konnten und können »immer unsre Feinde sein. Alle, die ein gesundes Urtheil sich bewahrt, müssen einsehen und erkennen, daß Israel nicht aus inateriellen Interessen, sondern mit Hintansetzung und Aufopferung derselben, nicht um politische Macht und Größe zu gewinnen, sondern lediglich im Dienste Gottes und der Menschlichkeit feine Existenz sich gewahrt hat unter tausend Martern, und trotz aller Anfeindungen sich wahren muß bis zu jenem Tage, da die Erde lvird voll sein der Gotteserkenntniß, wie das Meer des Wassers voll ist. — Bleiben wir treu unserm Gotte, so wird sich stets bewahrheiten das alte Wort: njwn ‘na VVir nsoan »Israel wird geholfen durch den Herrn mit ewiger Hilfe!" U Nie Einweihung -er neuen Synagoge in Berlin. Berlin, 28. September. Ein Ehrentag für die jüdische Gemeinde Berlins war der gestrige Sonntag, an dem die vierte Gemeindesynagoge in der Lindenstraße in feierlicher Weise eingeweiht wurde. Sprechen wir zunächst von dem äußern Eindruck. Es ist ein schönes und würdiges Gotteshaus, welches der jüdischen Gemeinde übergeben wird. Von der Lindenstraße aus ist von der Synagoge eigentlich wenig zu sehen, denn dieselbe verbirgt sich hinter einem zur Religionsschule eingerichteten Vorderhause. Erst nach Durchschreiten einer stattlichen Durchgangshalle wird jenseits des Vorhofes die in rothen Verblend- und Formsteinen aufgeführte schöne Vorderfront des Tempels mit seinen Haupt- und Nebeneingängen sichtbar. Der ursprünglich preisgekrönte Entwurf der Architekten Cremer und Wolfenstein hat eine erhebliche Umgestaltung erfahren: aus einem dreischiffigen Langhause ist ein Centralraum romanischen Stilcharakters entstanden. An den Ecken des aus vier 12,50 Meter langen und vier kurzen Seiten bestehenden Achtkants erheben sich mächtige, durch Rundbogen verbundene Säulen von rothem Sandstein mit glatten Schäften, auf deren romanischen Kapitälen sich die sternartig gegliederte Wölbung stützt. Ein rundes, mit farbigen Scheiben geschloffenes Oberlicht durchbricht diese Wölbung im Scheitel. Sowohl unterhalb, wie oberhalb der Emporen laffen noch je drei breite, dreigetheilte Fenster mit prächtiger, farbiger Teppich Verglasung, im Verein mit einigen Rundfenstern das Licht von rechts hineinfluthen, während die von links kommende Lichtfülle in Folge des angrenzenden Nachbargrundstückes beschränkter ist. Ueber der Vorhalle erheben sich doppelte Emporen. Gegenüber öffnet sich hinter dem Triumphbogen die Nische mit der in Cottaer Sandstein kunstvoll ausgeführten Kanzel und dem in gleichem Material ausgeführten Allerheiligsten. Unmittelbar

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