Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Ar. 40. Allgemeine Berlin, 2. Oktober 1891. eilung des Audenlhmns. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expeditionen Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner D* * Ludwig Philippfon-Äonn. verlags-Grpe-ition: Lerlm, Jerusalemerflr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ttt|i)lt* Leitartikelr Neujahrs-Stimmen und Stimmungen. Von Abrabam Plaut. — Die Einweihung der neuen Synagoge in Berlin. — Wiener Briefe. XI. XII. Von T. — Die Juden in den Balkanstaaten. Von Dr. Rüben Vierer. — Wissenschaft und Litteratur: Aus Moses Mendelssohns Frühzeit. Von Prof. Dr. David Kaufmann. — AeuMetonr Der heilige Herr. Roman von Ferdinand Dieffenbach. — Zum neuen Jahr. Von G. Jacobfohn. Der Kemeindedote. Korrespondenzen und Nachrichten; Berlin, amburg. Samter. Breslau, Crefeld. Düsseldorf. Frankfurt a. Nt.. Nordstetten, rag. Paris, St. Petersburg, Belgrad. New-Nork. — Von Nad und sfern. — Sprechsaal. — Miscellen» — Briefkasten. Neujahrs-Stimmen und Stimmungen. Von Abraham Plaut. In den religiösen Dichtungen und Betrachtungen, in den Gebeten und erbaulichen Abhandlungen unseres alten Festgebetbuches liegt eine solche Fülle erhabener Ideen, und ein Geist so reiner Frömmigkeit und tief sittlichen Ernstes, daß, wenn ein Jeder im Stande wäre, die in der Liturgie dargebotenen Anregungen unvermittelt aus ihr zu schöpfen, eine Predigt am Neujahrsfeste ganz überflüssig sein dürfte. — Da aber ein derartiges Verständniß der synagogalen Poesie selbst in dm sogenannten orthodoxen Gemeinden nicht als allgemein vorausgesetzt werden darf, so wird mehr und mehr der Predigt die Aufgabe zufallen, sich zum Dolmetsch der Dichter und Denker zu machen, die ihre gottbegeisterten Ideen und frommen Empfindungen in »nsern Festgebeten niedergelegt haben. Möchte auch die folgende lückenhafte Darstellung dazu beitragen, den Sinn für die Schönheit und Erhabenheit unserer altehrwürdigen Liturgie zu wecken, damit diese — von manchen werthlosen, mystischen und unverständlichen Beigaben befreit — auch an uns ihre alte Kraft bewähre, und auf den Flügeln des Gebets unsere Seele sich aufschwinge zu den Höhen des Göttlichen und Ewigen. * * * '131 122*3 12101 1222 1112' virr „Des Menschen Ursprung ist von Erde, sein Ende - zur Erde; mit Gefahr seines Lebens gewinnt er sein Brod; er gleicht dem Gras, das verdorret, der Blume, die verwelket, der Wolke, die enteilt, dem Schatten, der entschwindet, dem Traum, der verfliegt. Du aber, allmächtiger König, lebst und bestehst immerdar." Das ist eine der Grundmelodien des Neujahrsfestes. Gedenke, o Mensch, so wird uns zugerufm, deines Ursprungs und deines Endes. Erkenne dich selbst! Erkenne, wie eitel oft dein Thun, wie nichtig dein Streben ist, wie schnell deine Jahre enteilen! So thue von dir allen Stotz und alle Hoffart und beuge dich in Demuth vor deinem Schöpfer, dem , KönW aller Könige, dem Heiligen, gelobt sei Er. Doch wie der „Tag des Gedenkens" jede Regung des Stolzes, der Eitelkeit und Prahlerei unterdrücken will, so will er andererseits auch aufrichten die, welche gebeugten Gemüthes, betrübten Herzens sind; will mit neuem Muth die Verzagenden beseelen, mit verjüngter Kraft die Müden und Schwachen erfüllen: indem er uns lehrt, in Gott nicht nur den allmächtigen, hoch und erhaben thronenden König, sondern auch den erbarmungsvollen Vater zu erkennen (1)2^2 1308) der aller seiner Geschöpfe in Liebe gedenkt. Er, der des Noah in Liebe gedachte, als auf öder Wafferwüste sein Schiff dahinfuhr, und den Sturmwind herbeirief, die Erde zu trocknen; er, der das Wehklagen der unterdrückten, aller Hilfe fern sich wähnenden Kinder Israels in Aegypten hörte und sich ihrer erbarmte und sie erlöste, er kennt auch deines Herzens Qualen, sieht deine Noth, hört dein Seufzen. Nimmer bist du verlassen, so du Gott nicht verlässest, so du Ihm vertrauest und Ihm anhängest mit ganzem Herzen und ganzer Seele. * * * s'11 DT 131 „Siehe, der Tag des Gerichts!" Das ist ein anderer Grundton in der Harmonie des Neujahrsfestes. Wie die Stimme des Schofar, mahnend, erweckend, erschütternd und doch versöhnend und beruhigend halle dieser Ton in unserer Seele wieder. Erdensohn, so tönt es dir entgegen, der du freventlich von deinem Gotte, von der Tugend und der Ehre Pfad dich entfernt, der du Unrechtes Gut erworben, den Schwachen und Wehrlosen unterdrückt, den Arglosen überlistet hast, der du mit falschen Lippen Gebete gesandt hast zum Weltenherrn, mit gleißnerischer Zunge deinen Nebenmenschen bethört, mit untreuem Herzen ihn vcrrathcn hast: zittere vor dem Tag des Gerichts! Der himmlische Richter, vor dem du Rechenschaft ablegen mußt, kennt alle deine Thaten, kennt deines Herzens verborgenste Regungen. Bor ihm ist kein Ansehen der Person, kein Vergessen, keine Bestechung. Und wenn du noch so geschickt dem irdischen Strafgericht dich zu entziehen gewußt, dem obersten Richter, der auch die Könige der Erde vor seinen Richterstuhl zieht, wirst du nicht entgehen, und je höher du gestiegen bist durch Schuld und Frevelthat, desto gewaltiger und niederschmetternder wird dein Sturz sein. 22ET Ipl! 1221 *31,11 2,11' *11*13 121201 Wie aber die Posaune des Gerichts mit grellem Ton den harten Sinn, den frechen Muth des Frevlers erschüttert, so naht mit leisem Säuseln die Gottesflimme dem reuig Klagenden, dem bußfertig sich Bekehrenden, dem mit sich selbst Ringenden und ruft ihm beschwichtigend, ermunternd, tröstend zu: .-11131 211 DR pOäO 1,1121 1*3211 1211211 Rückkehr von deinem schlechten Wandel, Gebet aus aufrichtigem Herzen in