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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-25 · Heft 39 (25.9.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 39 (25.9.1891)
Date
1891-09-25
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 einer antisemitischen Ortsgruppe anzuregen. Auf Veranlassung des Regierungspräsidenten Freiherrn v. d. Recke, der Unruhen zu befürchten scheint, soll am Sonntag die gesummte Kreisgendarmerie in Lauten zusammengezogen werde. Mittlerweile hat die. Untersuchung gegen den verhafteten Vagabunden Salomon Völlmaun aus Leuwarden irgend welche greifbare Resultate nicht ergeben, und vielfach hält man einen Schlächter Namens Buschhoff für den Thäter oder Mitwisser, obwohl gewichtige Umstände eine dritte — nicht jüdische — Person erheblich belasten. Die Entsendung Berliner Kriminalbeamten zur Lösung des blutigen Räthsels scheint nunmehr beschlossene Sache zu sein. -SJfGr München, 19. September. Es wird Sie freuen, 31t erfahren, daß zum ersten Mal vor dem Kaiser deutsche aktive Offiziere jüdischer Konfession den Parademarsch ausgeführt haben — bei den bayerischen Manövern nämlich, welche bekanntlich zur größten Zufriedenheit des obersten Kriegsherrn verliefen. Ein jüdischer Hauptmann, der seine Kompagnie dem Kaiser vorführt, wie es diesmal im 12. Infanterie-Regiment der Fall war — ist das nicht eilt Schauspiel, zu dem man Herrn Stöcker hätte eigens einladen foüeu? 6. Ulm, 11. September. Nachdem die „Ulmer Schnellpost" immer ungenirter ihren foufefftoueUeu Charakter zur Schau gestellt hat und durch ihre Maßlosigkeit und Unwahrhaftigkeit Bedenken in Bezug auf die öffentliche Ordnung Hervorrufen mußte, begab sich letzten Dienstag Herr Rabbiner Dr. Fried zu dem stellvertretenden Stadtvorstand Herrn Prokurator Schall und 311 dem Obmann des Bürgerausschusses, Herrn Rechtsanwalt Dr. Sckieffold, um dieselben im Interesse der Erhaltung des konfessionellen Friedens in hiesiger Stadt um ihren Beistand zu bitten. Abends versammelte sich der Bürgerausschuß (Stadtverordneten) und faßte einstimmig den Beschluß: Die antisemitische Agitation der „Schnellpost" als eine Störung des öffentlichen Friedens der Konfessionen zu mißbilligen und dies dem Gemeinderath zur Kenntnißnahme mitzutheileu. Dieser Beschluß, fand in der hiesigen Bürgerschaft allseitige Billigung und Zustimmung. Nun hat auch der Gemeinderath (Magistrat) eine gleiche Resolution gefaßt. Trotzdem fährt das ehrenwerthe Organ in seiner Jndenhetze, der allein die „Ulmer Zeitung" kräftig entgegentritt, fort und bringt in jeder Nummer mehrere Artikel gegen Judenthnm und Juden. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 17. September. In dem Tempel II, Schiffgasse, kam es Freitag den 11. d. Mts. Abends beim Gottesdienst zu einem aufregenden Zwischenfall. In einer der vorderen Bänke machte sich plötzlich eine lebhafte Bewegung bemerkbar, und Rufe: „Wasser! Wasser!" wurden laut. Unter dem Publikum entstand eine Panik, da die meisten Leute anfangs glaubten, es handle sich um einen Brand, der im Gotteshaufe ausgebrochen sei. Zum Glück klärte sich der Sachverhalt in kürzester Zeit auf, und das Publikum beruhigte sich. Ein kleiner Knabe, der mit seinem Bruder dem Gottesdienst angewohnt hatte, war unwohl geworden. Der Knabe verlor das Bewußtsein, und mußte für ihn Wasser geholt werden. Nachdem sich der Sachverhalt aufgeklärt hatte und der Knabe entfernt worden war, ging der Gottesdienst ohne weitere Störung von Statten. * Wien, 22. September. Die Antisemiten beantragten im Gemeind er athe, die Regierung zu ersuchen, die mittellosen russischen Juden an der Grenze zurückzuweisen. Der Antrag wurde dem Stadtrath überwiesen, der ihn hoffentlich all acta legen wird. Aber man muß doch sagen, daß die Thätigkeit der Antisemiten im Gemeinderath eine für die Stadt Wien wahrhaft segensreiche und ergiebige ist. * Budapest, 19. September. Gelegentlich der Reise Sr. M a j e st üt des Königs in Ungarn hat Allerhöchstderselbe wiederholt Gelegenheit genommen, Deputationen jüdischer Gemeinden.zu empfangen und. ihre Ansprachen huldreich entgegenzunehmen. So erwiederte Se. Majestät auf die Ansprache des Oberrabbrners Rosenfeld in Salgoez: „Ihre von guten Wünschen begleitete Huldigung empfange Ich gern und, auf Ihre treuen und patriotischen Gefühle vertrauend, versichere Ich Sie Meines ferneren Schutzes utib Meiner Gnade." In Temesvar erschien die Deputation der Israeliten unter, Führung des Kommerzienrathes Jg. S. Eisenstädter de Buzias. Der Sprecher der Deputation, der Temesvarer Oberrabbiner Dr. Moriz Löwy hielt, nachdem er bedeckten £>oiipte§ einen Segensspruch in hebräischer Sprache gesprochen hatte, folgende Rede: „Kais, und ap. kön. Majestät! Allergnädigster Herr! In Vertretung der Temesvarer israelitischen Religionsgemeinden werden wir heute des Glückes theilhaftig, Ew. Majestät von Angesicht zu Angesicht begrüßen und den bescheidenen Tribut unterer treuen Unterthanen- Huldigung zu beit Füßen Ew. Majestät niederlegeu zu dürfen. „Bete für das Wohl des Königs, denn Kämpfe und Kriege wüthen alldort, wo man den König nicht fürchtet und nicht ehrt!" — so spricht zu uns Juden seit uralten Zeiten die heilige Lehre, das Gebot unserer Religion. Und doch hat es nie eine Zeit, nie ein Land, weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart gegeben, wo die jüdischen Bewohner ihrem Herrschereine so grenzenlose Achtung, eine so anbetungsvoll-innige und wahre Liebe entgegengebracht hätten, wie wir sie für die geheiligte Person Ew. Majestät hegen. Denn während der ruhmreichen Regierung Ew. Majestät sind wir aus jüdischen Einwohnern dieses Landes zu Söhnen dieses Landes, dieses unseres heißgeliebten theueren ungarischen Vaterlandes, zu dessen gleichberechtigten Bürgern jüdischer Religion geworden, und im Schatten des milden Szepters, unter dem väterlichen und königlichen Schutze Ew. Majestät tünnen wir unsere heiligen Pflichten gegen Thron und Vaterland friedlich und glücklich erfüllen. Genehmigen.Ew. Majestät allergnüdigst den tiefergebensten Ausdruck unseres unübertrefflichen Dankes, unserer Treue, Hingebung und Unterthanen- Huldigung und lassen Ew. Majestät auch ferner, wir flehen darum, die belebenden Strahlen der allerhöchsten Gnade uns zutheit werden. Unser ehrfurchtsvoll geliebter König, er möge tauge und glücklich leben!" Der König antwortete Folgendes: „Mit Dank nehme Ich Ihre guten Wünsche und den Ansdruck Ihrer unverbrüchlichen Treue entgegen und Ich versichere Sie auch aus diesem Anlasse Meiner Gnade und Meines Schutzes." Auf die Anrede der Deputation der israelitischen Gemeinden des Komitats Beßtercze-Naßod, in deren Namen die Rabbiner Löw und Horowitz, sowie Vorsteher Blumenfeld sprachen, erwiederte der König: „Die Huldigung der israelitischen Religionsgemeinden des! Beßtereze-Naßoder Komitats empfange Ich mit Dank. Ich kenne Ihre! traditionelle treue Anhänglichkeit und erwiedere dieselbe mit! der Versicherung meiner königlichen Gnade." Großkritaurncri. j * Lorrdorr, 20. September. Ueber den Stand der jüdischen Aus-! Wanderung aus läßt sich die „Jewish World" in folgenden j Worten aus: „Die Aussichten der russischen Juden werden von Tag zu j Tag düsterer und trüber. Während einerseits ihre Verfolgung in Rußland - nicht nachläßt, schwindet andererseits allmälig die Hoffnung dahin, ihnen! durch die Auswanderung nach fremden Ländern helfen zu können. Die! Nachrichten, dieser Woche sind ganz besonders beunruhigend. Es heißt, i daß die Agitation in Viktoria gegen die Ansiedlung von Juden im! Wachsen begriffen sei und in der Argentinischen Republik ihr Echo | gefunden habe, wo Baron Hirsch seine erste Kolonie ins Leben zu rufen j gedenkt. Zudem hat auch die Regierung der Vereinigten Staaten sich unnöthige Besorgnisse einflößen lassen, und es darf schon heute als sicher angesehen werden, daß die nach Europa zu entsendende Kommission zur Untersuchung der Ursachen der Auswanderung dem Zulaß der Opfer russischer Verfolgung noch weitere Schwierigkeiten in den Weg legen wird. Angesichts dieser Thatsachen sieht man, wie recht jener Franzose hatte, welcher ausrief: „Die Welt ist so klein." So klein sie jedoch auch sein mag, so ist sie jedoch immerhin nicht so zahlreich bewohnt, wie die Feinde der jüdischen Einwanderung uns gern glauben machen möchten. Man hat berechnet, daß die Bevölkerung der Erde 1,467,000,000 beträgt, während sie Platz für 5,994,000,000 hat. Und es soll unmöglich sein, vier Millionen armen Juden eine Zuflucht zu verschaffen?" Bulgarien. .Hb. Sofia, 14. September. Heber die Exzesse in Wratza geht uns aus der bulgarischen Hauptstadt uoch der folgende Bericht zu: Wratza. zählt zu den etwas größeren Städten in Bulgarien. Es hat etwa 14—15,000 Einwohner zumeist bulgarischer Nationalität, außerdem ein kleines Häuflein (25 Familien) Juden, sogenannte Spaniolen, und Türken. Die Juden leben fast durchgehends vom Handel. In politischer Beziehung halten sie zur Stambulow'schen Regierung. Ganz anders aber denken die Wratzaer Bulgaren, die in ständiger Opposition gegen die gegenwärtigen Gewalthaber stehen. Es ist daher nicht unmöglich, daß der politische Antagonismus zum Haß der Regierungsfeinde gegen die regierungsfreundlichen Juden geführt. Aber noch ein anderes Motiv wird geltend gemacht, welches die Veranlassung zu jener aggressiven Haltung der Bulgaren geben mochte: die Konkurrenz. Der Vorfall nun, den man auszunutzen suchte, war folgender: In Wratza lebte ein unglückliches halbidiotifches Mädchen im Alter von 8—9 Jahren, das herumzuschweifen pflegte, und der man aus Mitleid Gaben zu reichen

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