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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-25 · Heft 39 (25.9.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 39 (25.9.1891)
Date
1891-09-25
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Sorge tragen, sich mit dem geeigneten Material zur Widerlegung der vielverbreiteten Jrrthümer ausznrüsten. Haften ja so manche dieser Jrrthümer selbst in den Köpfeil solcher Leute, die über Alles, was Juden und Judellthum angeht, mitreden zu dürfen glauben, nur weil sie selbst als Juden geboren sind. Auch für diese „jüdischen Antisemiten" sind Bücher, wie der Antisemitenspiegel geschrieben, und mögen unsere Leser, so oft sie solchen Leutchen begegnen, ihnen dieses Buch in die Hand geben und ihnen zeigen, das; man, um das Judenthum zu kennen, es zunächst kennen lernen muß. * Berlin, 21. September. Die „Kreuzzeitung", die, wie alle antisemitischen Blätter, an der Manie leidet, hinter jedem Ding, das ihr nicht gefällt, den schuldigen „Juden" Zu suchen, hatte auch den abfälligen Beschluß des Juristentages über das Trunksuchtsgesetz zum Theil auf den Einfluß jüdischer Redner znrückgeführt. Im Allschluß au dieses Manöver der „Kreuzzeitung" empfängt die „National-Zeitung" aus Mainz folgende Zuschrift: „Bon sämmtlicheil Rednern, bie gegen die Bestrafung spracheil, gehören nur zwei der israelitischen Konfession an: hingegen ist der Unterzeichnete, welcher sowohl das Gutachten zu Gunsten der Strafbestimmullg erstattet, als auch in der Versammlung wiederholt das Wort ergriffen hat, israelitischer Konfession. Daß es unter den der Geburt nach dem Judenthum ungehörigen Personen gerade die entschiedensten Befürworter einer strafrechtlichen Verfolgllng der Trunkenheit giebt, zeigt vor Allem die Thatsache, daß der Geheime Sanitätsrath Bär in Berlln, dessen Buch über beit Alkoholismus den Anlaß zu der gallzen Bewegung gegeben hat, meines Wissens ebenfalls Jude ist. Dr. Fuld, Rechtsanwalt". Es wäre nicht übel gewesen, bemerkt hierzu die „Volks-Ztg.", wenn Herr Dr. Fuld die „Kreuzzeitung" noch daran erinnert hätte, daß einst der Antisemitenhäuptliilg Dr. Henrici den Juden vorgeworfen hat, daß sie — zu wenig tränken. * Berlin, 20. September. Auf die in voriger Nummer bereits erwähnte Denunciation einiger Antisemiten gegen den Geheimrath von Bleichröder ist dell Angebern von der hiesigen Staatsanwaltschaft der Bescheid zu Theil geworden, daß zu einer Erörterung der Sache kein Anlaß vorliege. Nunmehr wird der Saale-Ztg. von hier geschrieben: „Die Antisemiten, welche diesmal den Beifall des „Vorwärts" und der Centrumspresse finden, planen eine neue motivirte Strafanzeige wider den Bankier S. v. Bleichroder wegen Meineids. Es wird ilämlich von ihneil allgenommen, daß der von Leipzig aus eillgereichte Strafantrag wegen seiner unzulänglichen Begründung ablehnend beschieden worden sei. Man hatte „neue Momente", welche für die Verfolgung ausschlaggebend sind, darill nichtbesonders erwähnt, sondern sich damit begnügt, einfach das Ahlwardt'sche Buch: „Der Eid Bleichröders", beizulegen. Nun aber ist die königliche Staatsanwaltschaft durchaus nicht verpflichtet, solche neue Momente sich erst auf dem Wege der Buchlektnre zu verschaffen." 521 Berlin, 22. September. Die jüngst mitgetheilte Petition einiger jüdischer Herren an das Provinzialschulkollegium. des Jom kippllr wegen den Schulanfang um einen Tag hinauszuschieben, hat in zahlreichen jüdischen Kreisen gerechte Mißbilligung gefunden. Denil abgesehen davon, daß zu einer solchen Petition angesichts des Vorhandenseins geeigneter Korperschaftell uub Vereine einzelne Privatleute überhaupt nicht berufen sind, erscheint es als eine übertriebene Forderung, daß bei Maßnahmell, welche zum größten Theil für nichtjüdische Kinder berechnet sind, auf die religiosell Bedenken der Israeliten Rücksicht genommell werde. Hierzu kommt noch, daß gerade der erste Schultag, um welchen es sich bei der besagten Petition handelt, seit jeher nicht zum Unterricht, sondern zur Aufnahme des Nationale und ähnlicher registratorischer Maßnahmen benutzt wird. * Berlin, 23. September. Am Schluffe des Jahres 1890 beftanben in Berlin 352 Lehranstalten gegen 349 Ende 1889, und zwar 270 öffentliche und 82 Privatschulen inkl. 2 jüdische Schulen. In Bezug aus die konfessionellen Verhältnisse sind in Berlin Ende 1890 eingeschult gewesen 195,790 evangelische, 13,01! kotholische, 12,176 jüdische, 739 dissidentische Kinder. Der Zuwachs in dem fünfjährigen Zeitraum von 1885 bis 1890, in welchen die beiden Volkszählungen stattfanden, betrug 25,894 Evangelische, 3732Katholische, 1756 Jüdische, 160 Dissidenten. Die evangelische Bevölkerung ist um 18 Proz. ihres früheren Bestalldes gewachsen, die katholische um 36, die jüdische um 23; voll der evangelischen Bevölkerung waren 14 Proz. in den Schulen, von der katholischen 10 und von der jüdischen 15. j* Königsberg i. Pr., 21. September. Der Verband der Syllagogen-Gemeinden Ostpreußens versendet soeben seinen Geschäftsbericht über die Zeit vom 1. April 1890 bis dahin 1891. Nach demselben zählt der Verband 46 ordentliche (Gemeinden) und 214 außerordentliche Mitglieder (Personen). Die Einnahmen beliefen sich auf 1669 Mk., die Ausgaben auf 1357 Mk.; der Vermögensbestand ist 6351 Mk. Den größten Theil des Berichts nehmen die Mittheilungen über die am 29. Juni d. I. stattgehabte Generalversammlung in Allenstein ein, auf welcher 15 Gemeinden vertreten waren. Von wichtigeren Beschlüssen der Versammlung ist ein Antrag des Rechtsanwalts Schey- Allensteill 311 verzeichnen, daß eine zu wählende Kommission sich mit Vorschlägen zur Verbe sserung de r Armenpfl ege der Gemeinden und mit Maßregeln gegen dieWanderbettelei beschäftige und eine bezügliche Vorlage für die nächste Generalversammlung vorbereite. Der Antrag wurde angenommen. £. Liffa, 21. September. Auf der letzten Hauptversammlung des Ve re ins jüdischer Lehr er zu Posen wurde beschlossen, daß die ordentliche Hauptversammlung des Vereins für das Jahr 1891 im Anschlüsse an die Berathuugen des Posener Provinzial-Lehrervereins am 6. und 7. Oktober cr. in Lissa stattfinden solle. Leider stellen sich der Ausführung dieser Absicht unüberwindliche Hindernisse entgegen. Dem Vorsitzenden wurde von verschiedenen Seiten die Befürchtung ausgedrückt, daß die meisten Mitglieder, da sie 31t dieser Zeit keine Ferien haben und an eine Urlaubgewährnug nicht zu denken ist, nicht in der Lage sein würden, den Berathungen beizuwohnen. Der Vorstand wurde hierdurch vor die Alternative gestellt, entweder mit vielleicht höchstens 10 Mitgliedern zu tagen, oder die Versammlung auf eine spätere Zeit zu verschieben. Im Bewußtsein, das Gute und Rechte zu wollen, hat sich der Vorstand entschieden, beu geäußerten Wünschen nm Verschiebung Rechnung zu tragen und die Versammlnng in den Weihnachtsferien abzuhalten. M. Gießen, 20. September. Genera lmusikdirektor Hermann Levy in München, der Sohn unseres ehrwürdigen Oberrabbiners, ist bei Gelegenheit der Anwesenheit des Kaisers daselbst mit dem Rothen Adlerorden 3. Klasse dekorirt und von Sr. Majestät außerordentlich ausgezeichnet worden. Die „Frankfurter Ztg." schreibt darüber: „Nach der Aufführung der „Cavalleria rusticana“, welche von ganz besonderem Schwünge getragen war, fragte der Kaiser: „Kann ich Levy sprechen? ich möchte ihm persönlich für die mir bereiteten Genüsse danken." Er unterhielt sich dann längere Zeit mit dem in die Königsloge befohlenen Generalmusikdirektor und beglückwünschte ihn zu den Leistungen seines unvergleichlichen Orchesters, der Solisten und Chöre. Ziemlich gleichlautend mit dieser Mittheilung ist ein an den Vater gerichteter Brief des Künstlers, in dell ich einen Einblick zu thun Gelegenheit hatte. Er schreibt darin ungefähr folgendermaßen: „Gestern war die Oper Cavalleria, dann ein Ballet. Nach d.r Oper ließ mich der Kaiser in die Hofloge entbieten, in der noch u. A. der Prinz-Regent, Prinz Ludwig und Prinzessin Therese waren. Der Kaiser ging mir entgegen, war entzückend liebenswürdig und unterhielt sich volle 15 Minuten mit mir im Hintergründe der Loge, sprach von den beiden Opern, von der Aufführung, dann fragte er nach Bayreuth. Ich erzählte ihm viel, dann bedankte ich mich für den Orden. Die 15 Minuten verflossen, ohne daß ich es merkte. Als der Kaiser mich endlich verabschiedete, trab auch der Prinz-Regent zu mir,, drückte mir die Hand und gratulirte mir zu dem Orden." Bei dieser Gelegenheit will ich nicht unerwähnt lassen, daß Herr Oberrabiner Dr. Levy bereits 62 Jahre hier amtirt und noch in voller Rüstigkeit seines Amtes waltet. Er ist der Nachfolger des Oberrabbiners Wolfs in Kopenhagen, der die gleiche Zeit daselbst fungirt. Hannover, 21. September. Dem soeben ausgegebenen Protokoll über die am 17. und 18. Mai d. I. hierfelbst stattgehabten Versammlungen des „Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover" entnehmen wir, daß 30 Mitglieder und 3 Ehrenmitglieder anwesend waren. Nach den üblichen Begrüßungen und der Wahl des Vorstandes entspann sich zunächst eine rege Debatte über die von Herrn Seminardirektor Dr. Kroner verfaßten und der Versammlung vorgelegten Uebersetzungsbücher des Gebetbuches. Der zweite Tag brachte Vorträge des Herrn E. Speyer aus Hannover über das Thema: „Wie gestaltet sich der jüdische Geschichtsunterricht in der Praxis in der Volksschule?", sowie des Herrn Bachenheimer aus Dransfeld: „Unter welchen Bedingungen ist der Unterricht bildend?" Für die nächste Jahresversammlung wurde wiederum Hannover in Aussicht genommen. * Wesel, 21. September. Am nächsten Sonntag wird der bekannte antisemitische Agitator Dr. König (Arzt in Witten) in kanten erwartet, um dort, wo sich die Aufregung wegen des am 29. Juni angeblich von Juden veübten Kindesmordes, keineswegs vermindert hat, die Gründung

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