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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-25 · Heft 39 (25.9.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 39 (25.9.1891)
Date
1891-09-25
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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pflegte. Vor dem Schebioth verschwand dieses Mädchen spurlos. Was lag null näher als die Beschuldigung, die Juden hätten dieses unglückliche Kind als Blutopfer benutzt? Da entstand eine dumpfe Gährnng, welche in Feindseligkeiten ausartete. Die Juden suchten ihrerseits alles Mögliche zu thun, um nicht die Stimmung zu erbittern, jedoch woM die Aufregung sich nicht legen, weswegen die Wratzer jüdische Gemeinde sich au die unsrige wandte. Diese brachte diese Angelegenheit vor fcefi Minister, welcher auch Beistand versprach. Allein es will den Anschein gewinnen, daß der Uprawitel von Wratza keine Neigung empfunden, sich dieser unheilvollen Bewegung entgegenzuwerfen, so daß seine Haltung den Juden Angst, den Rädelsführern aber Math ein flößte. Hatten die Unruhen nun bis vor wenigen Wochen noch keinen so ernsten Charakter angenommen, so machte die Auffilldung der verstümmelten, von Wild angefressenen Leiche des verschwundenen Mädchens die Lage der Juden 511 einer sehr bedenklichen. Zusammenrottungen des bulgarischen Pöbels, Steinwürfe und Verwünschungen gegen die Juden ließen das Schlimmste erwarten. Die jüdischen Läden mußten gesperrt werden. Gleichzeitig wurden Telegramme nach Rustschick und Sofia abgesandt. Von beiden Gemeinden wurden nun Vertretungen an den Ministerpräsidenten Stambulow und an beffeu Staatssekretär entsendet. Der Ministerpräsident beruhigte die Deputation mit der Versicherung, für die Ruhe nnö Ordnung zu sorgen. Der Staatssekretär entsetzte den pflichtsäumigen Kreishauptmann wie seine Polizeiorgane und sandte eine tüchtige Persönlichkeit mit weitgehenden Vollmachten nach Wratza; auch die Gendarmerie wurde verstärkt. Der neu angelangte Kreisvorsteher verfügte die sofortige Eröffnung der geschlossen gehaltenen Läden und sorgte für ausreichenden Schutz. In gerichtlicher Beziehung verfügte der Untersuchungsrichter die Jnhaftirung der sechs Juden und einer Frau, die angeblich am Mord sich betheiligt hätten — aber auch bulgarische Kreise werden in umfassender Weise zur Verantwortung gezogen. Die Ruhe ist wieder hergestellt, und das Resultat der Untersuchung wird den Schuldigen an das Tageslicht fördern. Wir Juden können ganz zuversichtlich und ohne mindestes Zagen in den Gang der Angelegenheit schallen. Inzwischen fischen die Antisemiten in der Blutlache der Ermordeten. Ein antisemitischer Photograph nahm eine große Anzahl Bilder photographisch ab, um biefclbeu in Europa zu verbreiten. Ebensp haben die Wiener Antisemiten den kostbaren Moment nicht verabsäumen wollen und sandten drei edle Teutonen nach Sofia ab. Was dieselben hier p thun hatten, darüber wird hoffentlich die Gerichtsverhalldlung Aufschluß geben. Nußland. * Moskau, 18. September. Der Senat hat die prinzipiell wichtige Entscheidung getroffen, daß die Kinder und Frauen von jüdischen Kaufleuteu erster Gilde, wenn letztere zehn Jahre an einem Ort die Gildensteuer entrichtet haben, auch wenn derselbe außerhalb des Rayons des jüdischen Ansiedelungsrechts liegt, desgleichen das Wohnsitzrecht, sowie das Recht auf Jmmobilienbesitz in diesen Städten erwerben. Ferner richteten christliche Fabrikanten der Provinz Moskau an die Negierung eine Bittschrift, welche die Nothwendigkeit betont, daß Juden in industriellen und Handelsplätzen bleiben dürfen, da sie als Mittelspersonen unentbehrlich für den Handel seien. Amerika. * New-Uork, 14. September. Die Verwalter des Hirsch'schen Fonds haben eine erste jüdische Kolonie in der Grafschaft Kap Mah im Staate New-Jersey gegründet. Die Kolonie heißt Woodbine 1111b besteht aus 5100 Acres Landes. Gemüsegärtnerei und Obstzucht werden einstweilen die Hauptbeschäftigung der Kolonisten bilden^ Später will man Schuh-, Glas- und Tuchfabriken errichten. Die Kolonie wird 250 Familien zählen. Jeder Ansiedler muß 2000 Doll/ baar besitzen. Er bekommt zum Kostenpreise eine Farm von 15 Acres und außerdem eine kleine Fläche für späteren Gebrauch, sobald er sich als Landwirth bewährt und es sich gezeigt hat, daß er nicht nur spekuliren will. Ein Haus von 4—6 Zimmern soll für jede Familie gebaut werden und den Ansiedlern soll Geld für den Anbau des Landes vorgeschossen werden. Dafür lverden die Grundstücke mit Hypotheken belastet zu einem 5prozentigen Zinsfuß. In Woodbine werden zur Zeit Straßen gebaut und Brunnen gegraben. Zwei Häuser sind schons fertig und bewohnt. Die Schule für die Kinder der Kolonisten ist in; Dennisville, drei englische Meilen entfernt. \ * U Von Nah und Fern. — Ueber „Börsen- und Wuchergeschäfte" hielt in vergangener Woche der antisemitische Abgeordnete Pickenbach einen Vortrag. Mit Recht bemerkt hierzu ein hiesiges Blatt, daß die Antisemiten selten einen so fachgemäßen Vortrag gehört haben. — Eine neue Broschüre von Ahlwardt ist durch den Verfaffer soeben in einer Versammlung angekündigt worden. In etwa 14 Tagen soll die Schrift zum Druck fertig sein. Sie ist betitelt „Jüdische Taktik" und enthält natürlich wieder „furchtbare Enthüllungen"!! — Herr Kantor Davidsohn, bisher in Ostrowo, ist zum ersten Kantor des Brüdervereins in Posen gewählt worden. — Gegen den antisemitischen Amtsrichter Wiedemann-Breslau, der beschuldigt wird, pseudonyme' Briefe rc. antisemitischen Inhalts an Redaktionell xmb Privatleute geschrieben zu haben, ist das Disziplinarverfahren nnnmehr eingeleitet worden; die ersten Zeugenvernehmungen haben bereits am 12. d. Mts. stattgefundeil. Wie mitgetheilt wird, wollte Amtsrichter Wiedemanll aus dem Staatsdienst scheiden und sich als Rechtsanwalt in Sorau, und zwar am 15. d. M. niederlassen. Da aber das Disziplinar- Verfahren wider ihn im Gange ist, scheint er seine Entlassung vorerst nicht erhalten zil haben. — Die Herren Kaufmann Moritz Seligmann in Köln und Bankier David Rosenberg in Dortmund sind zu Handelsrichtern ernannt worden. — In der fast ausschließlich von Katholiken bewohnten Ortschaft Großdüngen bei Hildesheim ist der einzige dort ansässige jüdische Kaufmann Herr A. Rhee einstimmig zum Schiedsmann gewählt worden — Bei den nach der neuen Städteordnung des Regiernngs bezirks Wiesbaden vorgenommenen Wahlen sind in H 0 mbu rg v. d. H. unter 24 Stadtverordneten auch die beiden Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde, Herr W. Ackermann und Ed. Emmerich, gewählt worden. — Auf Grund jener reichsgerichtlichen Entscheidung, in Folge deren das Uriheil in dem betannten Görlitzer Antisemiten-Prozeß aufgehoben wurde, ist neuerdings ebenso wie in Görlitz auch vom Leipziger Landgericht in einem ähnlichen Prozeß gegen beu Antisemitenführer Th. Fritsch ein freisprechendes Urtheil gefällt worden. — Eine aus Rußland ausgewiesene, aus sieben Köpfen bestehende jüdische Familie, welche seit nahezu einer Woche schon bittersten Hunger gelitten hatte, kam dieser Tage in Nürnberg an. Ein mitleidiger Glaubensgenosse ließ die Familie in einem Gasthause speisen. Die Familienmutter, die wohl am meisten erduldet und gefastet haben mochte, war so geschwächt, daß sie, kurz nachdem sie Einiges genossen hatte, starb. — Die in Hamburg erscheinende antisemitische Zeitung „Die Abwehr" theilt mit, daß den Antisemiten in Hamburg für die Zukunft alle öffentlichen Versammlungen verboten seien. In dieser Form wird die Nachricht schwerlich richtig sein. — Frau Baronin Bettina v. Rothschild, Gemahlin des Freiherrn Albert v. Rothschild in Wien, mußte sich, wie uns ans Wien gemeldet wird, in Folge einer schweren Erkrankung einer Operation unterziehen, die Professor Peyant in Paris ausgeführt hat. Die Operation scheint nicht glücklich verlaufen zu sein, da Baronin Bettinas derzeitiger Zustand als ein sehr gefährlicher bezeichnet wird. — Am 16. d. M. kamen in Wien etwa 60 ausgewiesene russischeJudeu an und mußten, aller Mittel entblößt, größtentheils im Polizei-Arrest untergebracht werden. — Unter außerordentlicher Betheiligung aller Kreise der Hauptstadt wurde am 14. d. M. in Wien Herr Hermann E. Taußig, der Vater des Bankdirektors und Präsidenten der Staatseisenbahngesellschaft, Herrn Theodor Ritter von Taußig, zu Grabe getragen. — Nach der neuen Verordnung betreffs Feststellung und Abgrenzung der israelitischen Kultusgemeinden werden in Mähren vom 1. Januar 1892 an im Ganzen 50 Kultusgemeinden bestehen. — Herr Dr. Taubeles, bisher Rabbiner in Bisenz, ist zum Direktor der Stadtschule in Tarnopol und zum israelitischen Religionslehrer an der bortigeu Realschule erwählt worden. — Das Bezirksgericht der Vereinigten Staaten hat in der Angelegenheit des deutschen Auswanderers Feinknopf, der von den Einwanderungsbehörden am Landen verhindert wurde, entschieden, daß er auf illegale Weise zurückgewiesen sei da er 20 Dollars bei sich hatte. Der Fall wird an einen höheren Gerichtshof verwiesen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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