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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-25 · Heft 39 (25.9.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 39 (25.9.1891)
Date
1891-09-25
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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55. Jahrgang. Ar. 39. Berlin, 25. September 1891. Weil^ctge zur „Attgemeinen Zeitung öes ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Drntschtrmd. 1. Berlin, 20. September. In der gestriger: Predigt, die Herr Rabbiner Dr. Stier der jüdischen Wissenschaft gewidmet hat, entrollte der Redner ein farbenreiches Bild von dem Heimgegangenen großen Historiker Grätz und dessen Bedeutung für die jüdische Geschichtskunde. Die Wissenschaft mit einem in die Lüfte ragenden stolzen Bau, zu dem jede Generation das ihrige beitrage, vergleichend, schilderte er Grätz als den großen Mitarbeiter ai: dem altersgrauen Gebäude, der nicht müde wurde, dasselbe immer mehr zu. schmücket: und zu zieren, er, der selbst der größte Schmuck und größte Zier des Innern dieses Bauwerks war. Er wies sodann die Vorwürfe, die man Grätz Wege:: seines angeblich mangelnden objektiver: Sinnes machte, in. energischer Weise zurück. Denn wenn es jeder andern Konfession gestattet sei, ihre Geschichte mit den Farben der Liebe zu schreiben, so sei es vollends nicht zu begreifen, warum mar: diesem Geschichtsschreiber des Judenthums, dessen historisches Material eine so unwiderstehliche Begeisterung zu üben vermöge, es verargen darf, die Feder mit warmem Herzen uub hinreißender Gluth geführt zu haben. Wir möchten die allgemeine Bemerkung an diese Predigt knüpfen, daß die jüdische Wissenschaft öfter als bisher in den Kreis religiöser Betrachtungen gezogen werden möge. Ist doch die Predigt noch das einzige Gebiet, wo wir dem modernen Inden noch beikommen und :hm einiges Interesse für feine Wissenschaft einflößen können. Vielleicht läßt sich ans diesem Wege die indirekte Mitarbeiterschaft des jüdischen Publikums an -unfeten literarischen Erzeugnissen, die in der materiellen Förderung bestände, leichter gewinnen. Mar: vergäbe der Würde der Kanzel wohl nichts, wen:: man in geeigneter Weise die Gemeinde anfforderte, der begonnenen jüdischen Encyklopädie durch zahlreiche Subskriptionen ihreTheilnahme zuzuwenden. 2S Berlin, 18. September. Am 16. d. M. ist Herr Julius Jacob, ein eifriger Förderer aller humanitären Bestrebungen innerhalb unserer Gemeinde, gestorben. Derselbe gehörte seit dem Jahre 1877 der Armenkommission der jüdische:: Gemeinde als eines der eifrigsten Mitglieder an und war in: Vorstand des Brüder-Vereins sowie des Vereins „Nalbuset: ammim” mit regem Eifer thütig. Auch zahlreiche andere Wohlthätigkeitsvereine betrauern mit seinem Hinscheiden den Verlust eines hingebende::, allzeit hilfsbereiten Mitgliedes. Berlin, 20. September. In den nächsten Tagen wird in: Westen ein Prachttempel, eine Zierde jenes Stadttheils, seiner Bestimmung übergeben werden, heute wurde im Norden ein Gotteshaus festlich eingeweiht. Dasselbe ist in bescheidenen aber würdig ausgestatteten Räumen in der Lothringerstraße untergebracht. Das Innere des kleinen Betsaales, der 170 Männer- und Franensitze enthält, ist aus dem Atelier des bekannten Malers Bodenstein mit geschmackvollen Wand- und Deckemalereien unentgeltlich geschmückt worden. Den feierlichen Weiheakt, dem eine angemessene Predigt folgte, vollzog der Rabbiner Dr. Grünfeld. - Berlin, 21. September. An der neu errichteten Synagoge in der Lindenstraße ist als Organist Herr H. Deckert angestellt worden. Bei der Einweihung der Synagoge wird der neue Chor unter seinem Dirigenten eine Anzahl Gesänge in der Komposition Professor Lewandowskis ausführen und Herr Deckert auf der von Sauer erbauten, wie es heißt, vorzüglichen Orgel ein Fest-Präludium, ebenfalls von Lewandowski, zu Gehör bringen. Das Programm für die Feier der Einweihung, die am 27. September Vormittags 11 Uhr stattfindet, lautet folgendermaßen: Ansprache des Vorsitzenden des Gemeinde- Vorstandes. Einzug der Thorarolle::. Gesang: „Wie schön sind deine Zelte, Jacob!" Gesang: „Höre Israel." „Einzig ist unser Gott." Oeffnen der heiligen Lade. Gesang: Psalm 24. 7—10, „Erhebet, ihre Thore, eure Häupter." Schließung der heiligen Lade. Gesang: „Führe uns zurück, Ewiger." Predigt. Weihegebet. Gesang (Psalm 150): „Lobet Gott in.seinem Heiligthum." Die Predigt hält Herr Dr. Maybaum, die Weihegebete Herr Dr. Ungerleider. Berlin, 20. September. „Du bist schön, meine Traute, du bist schön!" Diese Worte des „Hohen Liedes" wenden unsere Weisen aus Israel selbst an und sagen: „Du bist schön, Israel, durch das Geschenk der Thora, du bist schön durch deinen edlen Sinn für wohlthätige Werke." An diese Worte mußte ich unwillkürlich denken, als ich vor Kurzem in Myslowitz Gelegenheit hatte, die trefflichen Einrichtungen des dortigen Lokal-Komitees, das mit dem Berliner Central-Hilfskomitee für die russischen Juden Hand in Hand geht, kennen zu lernen. Es waren an dem Tage circa 600 Emigranten angekommen, fast lauter Jammergestalten, die nicht mehr weinen konnten, aber umsomehr seufzten, und die Seufzer, die sie ausstießen, gingen durch Mark und Bein, drangen ins Herz und vermochten selbst die Seele eines Gefühllosen auf Augenblicke zu erschüttern. Unter diesen 600 Emigranten befanden sich auch mittellose christliche Auswanderer. Die Geistlichkeit der Stadt wurde vom Vorstand des Komitees in höflicher Weise ersucht, ihre unglücklichen Glaubensgenossen nach Kräften zu unterstützen; der Bescheid aber war ein ablehnender, mit der Motivirung: man hätte keine Fonds für solche Zwecke! Die Bedauernswerthen wurden indeß auch ohne Hilfe ihrer Seelsorger gleich ihren jüdischen Leidensgenoffen vom Komitee verpflegt und weiter befördert. Der Eifer, mit dem Männer und Frauen das Liebeswerk betreiben, läßt sich kann: schildern; auch ist nicht der Zweck dieser Zeilen, auf irgend Jemanden ein Loblied anzustimmen — aber so lange wir noch solche Männer und Frauen in unserer Mitte haben, die nicht allein glücklich und zufrieden sein wollen, so lange nicht das Kain-Brandmal von der Stirn ihrer verfolgten Glaubensgenossen vertilgt ist, dürfen wir stolz die zeitgemäße Frage: „Sind wir noch Juden?" mit einem kräftigen Ja beantworten. — Bei dieser Gelegenheit will ich auch die werkthätige Hilfe zweier nichtjüdischer Bürger dieser Stadt rühmend hervorheben, der Herren Fabian und Przybilla in Myslowitz, die dem Komitee namhafte Beiträge für seine Zwecke spendeten. Herr Lazarus Plonsker ist Vorsitzender des Lokal-Komitees und entwickelt eine sehr eifrige Thätigkeit. Auf Antrag des Herrn Amtsgerichtsrath Levy in Be::then ist für die Strecke Myslowitz-Hamburg eine Reise-Apotheke angeschafft worden, welche die zwei Begleiter, die allwöchentlich mit den Emigranten nach Hamburg fahren, mitsühren. Das Eisenbahn-Betriebsamt hat dem Vorstand des Komitees einen Platz von 10 Meter Länge und 10 Meter Tiefe zur Erbauung einer Baracke für die Emigranten angewiesen, ein edles Angebot, das gewiß mit vielem Dank acceptirt wurde. Tauchen aber die Jammergestalten der Ansgewiesenen vor meine Seele, muß ich an das Wort eines alten jüdischen Gelehrten denken: „Das Menschenleben, was ist es anders als ein Schauspiel! Bald traurig ernst, bald heiter neckisch! Einer trägt mit stolzem Haupt das Diadem des Reichthums, ein Anderer mit gekrümmtem Rücken den Bettelstab." Den russischen Juden ist letztere Rolle zuertheilt worden! Albert Katz. (D Berlin, 20. September. Von dem „Antisemitenspiegel" ist das dritte Heft erschienen und legt auf's.Neue Zeugniß von der Rührigkeit und Geschicklichkeit ab, mit welcher der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" seine Aufgaben zu erfüllen bestrebt ist. Neben einigen kurzen Betrachtungen über den zeitigen Stand und die jüngste Geschichte der Antifemiteubewegung bietet das treffliche Büchlein folgende, in sachlicher und überzeugender Weise geschriebenen Aufsätze: „Der Wucher und das Judenthnm", „Die Antisemiten über die Reichsbank", „Der Talmud und die Sittenlehre des Jndenthums", „Eine antisemitische Güterschlächterliste", „Die Juden und das Handwerk". Besonderes Interesse für die jüdischen Leser gemährt der unparteiische und streng wissenschaftliche Ton des Aufsatzes über Talmud und Sittenlehre. Namentlich die dritte Abtheilung dieses Artikels, betitelt „Fälschungen und Mißverständnisse", wird dazu dienen können, manche auch unter den Israeliten noch häufig vorkommende falsche Anschauungen zu berichtigen. Ueberhaupt möchten wir bei dieser Gelegenheit der Meinung entgegentreten, als ob die Juden selbst es nicht nöthig hätten, die in der heutigen Bewegung erscheinenden Vertheidigungsschriften zu lesen. Vielmehr soll Jeder, der in diesen: Kämpft mitzustreiten berufen ist — und dies ist vor Allem der gebildete Theil der Judenheil —

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