Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1891)
- Date
- 1891-09-25
- Page
- Seite 468 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 468 -— Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! Gewiß habeil Alle den offenen Brief des Herrn Professor SteinthcZ all Herrn I. Derenbourg in Nr. 34 d. Z. mit dem größten Interesse gelesen. Herr Professor Steinthäl versteht es, nicht nur den Geist det Leser zn fesseln; er weiß sich auch in das Herz der Leser hineinzureden, uitb man verliert nicht gern ein Wort von dem, was er sagt. Es ist daher ein Wagestück, wenn ich mir erlaube, eine andere Ansicht auszusprechen, und doch will ich dies thun. Ich glaube diesen Schritt um so mehr machen zu dürfen, da schon unsere alten Weisen sagen, daß die Thora auf verschiedene Weise („auf 49 Arten") gedeutet und ausgelegt werden kann, und was von der Thora gilt, gilt nicht weniger oder richtiger noch mehr von den andern Büchern der heiligen Schrift. Bevor ich jedoch zur Sache selbst übergehe, will ich hervorheben, daß ich, und mit mir gewiß alle Leser, den Wünschen, die Herr Professor Steiuthal dem hochverdienten Derenbourg darbringt, ans vollem Herzell beistinune. und wir Alle sagerl: Amen! Was die Sache selbst betrifft, so stimme ich vollkommen dem bei, was Herr Professor Steinthal über die sogenanntell „historischen" Psalmen sagtaber ich glaube, daß der Psalm für^ den Sabbathtag geschrieben ist, für den Tag, an welchem der Israelit frei von Sorgen ist, die ihn im Laufe der Woche quälen, und er daher in der Lage ist, über höhere Probleme nachzusinnen. Der Psalmist sucht nämlich eine Frage zu beantwortell, die wohl so alt wie die Welt ist. Es ist die Frage, die der Prophet Jeremia aufstellt: Wie kommt es, daß der Weg der Frevler glücklich ist? Hiob weist barauf hin, daß der Frevler Milch im Ueberfluß habe und das Mark in feinen Knochen immer mehr erstarke. Wie bekannt, stellt auch der Talmud die Frage: Wie kommt es, daß es dem Frevler gut und dem Tugendhaften schlecht geht? Der Psalmist mm glaubt, daß nur der unvernünftige Mensch sich darüber wundern kann, wenn die Frevler emporschießeu wie das Gras u. s. w., da sie nur momerltane Erfolge erzielen. Denll Gott in seiner Erhabenheit ist ewig, und der Frevler kann ihm nicht entrinnen. Andersjedoch, erklärt der Psalmist, ist das Los der Gerechten. Sie erzielen nicht momentane Erfolge, sie sind wie die Palme und wie die Ceder) und er schließt daher mit dem Satze, der das Resultat seines Nachsinnens ist: „Zu verkünden, daß Gott gerecht" u. s. w. Ich habe hier nur die Hauptmomente hervorgehoben und halte es für überflüssig, in das Detail einzugehen. Dr. G. Wolf. Sehr geehrter Herr Redakteur! Die Komödie der Irrungen mit der Professur in Cincinnati wird, immer verwickelter. Am 13. September erhielt ich einen vom 28. August aus Cincinnati auf dem offiziellen Papier des llebrew Union College geschriebenen Brief des Herrn Bettmaun, Präsidenten des Board of Governors of the Hebrew Union College, aus welchem ich folgende Stellen wörtlich zitire: „Es gereicht dem Unterzeichneten zu großer Ehre, Ihnen hiemit anzeigen zu können, daß Sie in der am 25. d. M. stattgefiutbeiten Versammlung des Board of Governors auf Vorschlag des Präsidenten der Fakultät Herrn Dr.Jsaac M. Wise, einstimmig zum Docenten erwählt wurden. Die an Sie abgesandte Kabeldepesche „Elected, prepare to coine soon. Have written. Wise“ wurde im Auftrag des Herrn Dr. Wise und des Board von mir abgeschickt und hat Sie hoffentlich veranlaßt, Vorkehrungen zu Ihrer baldigen Abreise zu treffen." In Folge der nach dem Obigen für mich unerklärlichen Mittheilungen des Herrn Dr. Braun habe ich meine bereits abgegebene Zusage bis auf Weiteres sistirt. Ergebenst Dr. G. Deutsch in Brüx. (Die Sache ist dadurch gelöst, daß Herr Dr. G. Deutsch nach uns direkt zugehcnden Meldungen definitiv einstimmig gewählt wurde. Die Red.) U Miscrllen. * Die Juden iu Wiesbaden. Als im Jahre 1776 der große Garten vor dem Sonnenburger Thore in Wiesbaden zu einer Promenade für die Kurgäste erworben und eröffnet wurde, erfolgte eine Polizeiverordnuug, nach welcher von der Betretung derselben alle, so fremde als einheimische, Juden ausgeschlossen wurden; auch wollte man sie nicht bei dem 1771 eingerichteten Hazardspiele dulden, weshalb sie im Jahre. 1774 ein eigenes Judenkaffeehaus errichteten. Am 14. Januar 1774 wurde dem Juden Liebmann erlaubt, in diesem „Judenkaffeehaufe" Thee, Kaffee, Chokolade und Liqueure zu schellten, sowie Hazardspiele zu veranstalten, jedoch mit der non dem Pächter des Hazardspieles zu erwirkenden Erlaubniß, ulld Sonntags erst nach geendigtem Gottesdienst. Dagegen wurde 1770, nachdem das Badhalls „zum Hirsch" eiligegangen war, den Juden abgeschlagen, ein neues Badhaus zu errichten, und ebenso 1798 dem Juden Jakob Sabel, das Badhaus „zum _gotbenen Brunnen" auzukaufen. Die jüdischeil Kurgäste sollteil, hieß es, im „Rebhuhn", wo sich auch die „Judenschule" befand, im jetzigen „Pariser Hof", einkehreu, von wo aus sie nothigellfalls in die sogenannte Kur- Judenherberge verlegt werden konnten. Ueber die Juden in Wiesbaden, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, s. F. Otto, Die Juden zu Wiesbaden (1891). Dr. M. Kayserling. ¥ * Religions-Statistik Wiens. Einer im Juuihefte der Statistischen Monatsschrift veröffentlichten Abhandlung von Dr. S. Sedlaczek über die definitiven Ergebnisse der Volkszählung vom 31. Dezember 1890 entnimmt mau die nachstehenden,, auf Religionsverhältnisse von Groß Wien bezüglichen Daten. Die Gesammtzahl der konskribirten Civilbewohner von Wien beträgt 1,358,266 Seelen. Davon waren am Zählnugstage 16,369 oder 1,22 Proz. abwesend. Alls 1000 anwesende Bewohner Groß-Wiens entfielen 876 Katholiken, 87 Juden, 31 Protestanten und 6 Allgehörige anderer Konfessionell, bezw. Konfessionslose. Vergleicht man mit diesem Ergebuiß Berlin, so hatte man dort bei der Volkszählung vom 1. Dezember 1885 auf 945 Protestallten und Katholiken 49 Jllden, in Hamburg auf 947 Christen 36 Juden, in München auf 980 Christen 19 lllld in Dresden auf 972 Christen 10 Juden. * Russisch-jüdische Arbeiter. In der Plager Ausstellullg, Abtheiluug für Erdwachs, Naphta und verwandte Materialien, sah ich, so erzählt Porzo im „Pester Lloyd", mit Betroffenheit eine Photographie. Sie stellt russisch-jüdische Arbeiter vor. So schmierig, wie sie aus den in die Erde gegrabenen Schachten Petroleum schöpften, hatten sie sich vor die Lichtbildmaschine gesetzt. Stämmige Männer sammt und sonders, Typeil der Kraft. Bisher arbeiteten sie in Nasiysbay. Seither messen sie die lauge russische Landstraße, ausgeplündert, herabgekommen, mit ihren greisen Eltern, - weinenden Weibern und hungerndell Kindern. Bis die Hand Mosis II. sich ihnen entgegellstreckt, geht wohl die Hälfte zu Grunde. * Einer der amerikanischell Ausstelluugskommissare hat, der „Allg. Korr." zufolge, ein charakteristisches Abenteuer in Rußland erlebt. Der Herr ist Major Moses P. Handy. Die Kommissäre benachrichtigten, als sie voll Moskau abreisen wollten, wie es sich gehörte, die Behörden und baten um ihre Päffe. Eine Stunde verralln nach der anderen, die Pässe kamen nicht. Die Dillge uahmeil ein ernstes Aussehen all, und mall mußte zu nachdrücklichen Maßnahmeil grerfen. Endlich stellte es sich Heralls, daß ein übereifriger russischer Polizeiiuquisitor Anstoß all dem erstell Boruamell des Majors Halldy, Moses, genommen hatte und ihll für einen Juden hielt. Tie Polizei beschloß darauf, keinem der Kommissare seinen Paß auszuhändigen, bis die Angelegenheit untersllcht wäre. Es dauerte mehrere Stunden, bis der Major der Polizei bewieseil hatte, daß er Christ sei. * Kürzester Abriß der Weltgeschichte: Wüstes Chaos — Schöpfullg — Licht, Menschen böse — Strafgericht! Hellas Blüthe — Persernoth, Mederkämpfe — Hellas Tod! Stolze Roma — Glanz und Pracht Durch Germanen — ganz verkracht! Finstres Mittelalter, ach! Gutenberg — Columbus — Krach! Neuzeit — riesig aufgeklärt, Schiller — Goethe — Leier — Schwert! Neunzehntes Jahrhundert, ah! Pleite — Krach — Amerika! Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin