Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1891)
- Date
- 1891-09-25
- Page
- Seite 467 (sequence 11)
- Language
- German
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467 Da blieb dem Rabbi und den Frommen der Gemeinde kein anderer Ausweg übrig, als das Aeußerste zu wagen. Man müßte zu den Todten bis auf den Dachboden Vordringen, um an Ort und Stelle die verzweifeltsten Mittel anzuwenden. Unvorbereitet durfte jedenfalls ein solcher Gang nicht gewagt werden, und deshalb entwarf der Rabbiner ein großes Programm, wie bei diesem Aufmarsch vorzugehen. Das war eine Menge, die sich heute vor dem Gotteshause versammelte, wie sie diese Synagoge nur selten gesehen hat. Jedem Einzelnen dieser großen Menschenmasse war es anzusehen, daß ihni der Schrecken über das Kommende Herz und Athem beklomm. . Als die grauenhafte Stimme auf dem Dachboden laut wurde, ordnete sich der Zug zum Aufmärsche. Voran schritt Mendel mit dem großen Schlüssel zum Dachboden in der Hand. Sein großer rother Bart stach grell von dem erdfahlen Gesichte ab. Nachher kam der Wnnderrabbi, umgeben von seinen drei Assistenten, jeder mit einem Kabalabuch versehen. Hinterher folgten in einer Reihe alle Schofarbläser der Stadt, einige und zwanzig an der Zahl, jeder mit seinem Blaseinstrument in der Hand. Darauf folgten in bunter Schlachtordnung viele Gemeindemitglieder, die meisten mit Gebetbüchern und brennenden Kerzen in den Händen. Auf jeder Treppe hielt der Rabbi an, und dann betete die ganze Versammlung einen der Psalmen, die sich die „Stufengesänge" nennen — auf je.der Treppe einen anderen. Endlich stand der Rabbi vor den verschlossenen Thüren, und schon steckte der Synagogendiener den Schlüssel in das Loch. Beim Knarren des sich umdrehenden Schlüssels fühlte der heilige Mann, daß sich ihm vor Schreck das Herz im Leibe umdrehte. Gern hätte er noch jetzt im entscheidenden Momente Reißaus gemacht, aber der Weg war ihm abgeschnitten. Die Menge bildete hinter seinem Rücken eine dichte, undurchdringliche Mauer. Jetzt ging die Thür auf, und von der Menge vorwärts geschoben, sah sich der Rabbi mit einem Ruck mitten in dem schrecklichen Raume, der bald von einer vielköpfigen Menschenmasse überfluthet war. Da gewahrten sie beim Hellen und grellen Scheine der vielen Lichter etwas Unerwartetes. — Ein ganzes Heer von schwarzen, weißen und gestreiften Katzen wogte wie ein bunter Knäuel durcheinander, und husch, waren sie alle mit einem ohrenzerreißenden Miaurufe auf und davon! Mehrere entsprangen mit einem Satze durch die Fenster auf das Dach, Andere kletterten hurtig die Wand hinauf, wo sie am Plafond durch verschiedene Ritzen und Löcher verschwanden, und mehrere wandten sich geschmeidig mitten durch die Menge zur Thür hin, wo sie mit einem Sprunge über alle Dächer waren, kurz, binnen einigen Augenblicken war keine Pfote von einer Katze mehr zu sehen. Nun, wirst du gewiß glauben, lieber Leser, daß die bethörte Menge bei diesem unerwarteten Anblick in ein homerisches Gelächter über sich selber ausgebrochen sei. Bewahre! Diese Leute, deren Vergangenheit, deren Gegenwart, deren ganze Existenz ein reines Wunder war, und die voll Zuversicht der noch so bedrohten Zukunft entgegensahen, weil sie an ein Wunder glaubten, — diese armen, unglücklichen Leute gaben nicht so schnell ein Wunder auf, nachdem sie schon einige Tage daran geglaubt hatten. Ganz gewiß, diese Katzen sind nichts anderes als arme „verscholtene" Seelen, die sich in solche unreine Thiere gewandelt haben; denn sonst, wie kommt es, daß sie für ihre Zusammenkünfte nur den Dachboden der Synagoge gewählt haben? Giebt es denn nicht der Dächer genug in der Stadt? Warum geschah es übrigens gerade in dem heiligen Monat Elul, der auch für die Todten ein Monat der Sühne und der Buße ist? Und hat man überdies denn auch nicht die Stimme des seligen Vorbeters und die vieler anderer Verstorbenen genau und deutlich erkannt? Ganz gewiß, die Katzen sind nichts anderes als Armsünderseelen! . . . „Männer, sagt^Vajtri noam1)!" befahl der jetzt muthig gewordene Rabbi mit energischer Stimme, und die ganze große Menschenmenge betete das Wajhi-noam-®e6et. Hierauf folgte programmmäßig der feierliche Abschluß: Der Rabbiner dirigirte die heilige Kapelle mit lauter feierlicher Stimme, und alle dreiundzwanzig Schoferbläser schmetterten die alten, ernsten Weifen in die Nacht hinaus: „Teruah! Scheworim! Tekiah gedolah!“ * Ber Gottesspregel. Von H. Hirschberg. Zu einem weisen Mann in Juda kam Ein Jüngling einst, den schwerer Zweifel plagte: „Wie ist es möglich, Rabbi," fragt' der Schüler, „Daß Gott den Menschen schuf nach seinem Bilde, Da doch fiitb tausend, abertausend Menschen Nur Schwelger, Prasser, eitle, müß'ge Seelen, Dem Laster fröhnend und die Tugend fliehend, Und selten nur ein weiser Mann, gleich Euch, Uns Kunde giebt, daß Gott im Menschen wohnet? Sind jene andern tausend, tnnfenb Seelen Denn auch geschaffen Ebenbilder Gottes? Sie höhnen frech und reden: Gottes Dasein Sei in der Welt so ganz und gar nicht sichtbar. Wo ist nun Gott? und wie gleicht er den Vieleil?" „Hör', Sohn, ein Märchen an," sprach sanft der Greis, „Eh' Deiner Frage ich die Antwort gebe. Wenn hier auf Erden wird ein Kind geboren, So stellet in die neugeschaff'ne Seele Gott einen Spiegel, hell und Leuchtend klar. In diesem Spiegel soll die Welt erstrahlen Mit allen Dingen, Bergen, Thälern. Auen, Mit Thier linb Pflanze, Sonn' und Sterllenschein. Jedoch des Spiegels höchste Gabe ist, Daß wenn, nicht nur im neugebor'nen Kinde, Nein, wenn im Jüngling, und im Mann, im Greis Er sich noch zeiget hell, kristallenrein, Dalin strahlet aus dem Spiegel Gottes Bild! Doch ist der Spiegel trübe angehaucht, Von Erdeilschlamm befleckt, daml wird er blilld. Zwar zeigt auch dauil er noch die Berg' und Thäler Und strahlt noch wieder Sonn- und Sternenpracht, Doch Gottes Bild fcum man darin nicht schauen. Wirst Du nun fragen, ob beim wahr es sei, Daß jeder Mensch den Gottesspiegel habe, Da doch von tausend, abertausend Seelen, Kaum eine wiederstrahlet Gottes Bild? Wenll auch Millionen Spiegel trüb geworden Und einer nur bewahrt die lichte Klarheit, Daß drin erglänzt des hohen Schöpfers Bild, So kündet dieser eine klare Spiegel Doch nur — daß jene andern trübe sind! Und doch nicht etwa, daß der Spiegel fehle In andern Seelen! — Glaubst Du nicht, mein Sohn?" „O Rabbi", sprach der Jüngling tief erröthend, „Ich weiß die Antwort, kann nun selbst sie qeben: Wenn auch Millionen Herzen Gott verleugnen, Doch ein Herz noch ihn fühlt, dann ist er! Zeigt eine nur von tanfenb Seelen Gottes Bild, Dann ist's in allen andren auch, wenngleich verhüllt." O Ein mit diesen Worten beginnender Psalm, rezitirt wird. U der bei Begräbnissen