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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-25 · Heft 39 (25.9.1891) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 39 (25.9.1891)
Date
1891-09-25
Page
Seite 466 (sequence 10)
Language
German
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466 jede Nacht i» der Synagoge versammeln, um dort ihr Gebet zu verrichten?" „Eine schöne Frage, ob das wahr ist," polterte ihm ein Zweiter zu, „wie man nur so närrisch fragen kann!" „Die Wahrheit gestanden," wendete Reb Mendel ein, „habe ich auch nie daran recht glauben können, denn erstens wohne ich schon in der Kellerstube der Synagoge mehr als zehn Jahre und konnte doch nicht behaupten, während dieser Zeit etwas Auffallendes gesehen oder gehört zu haben, und zweitens heißt es ja auch in den heiligen Psalmen: „Nicht die Todten loben Gott", aber jetzt muß ich daran glauben, wie ich an Gott glaube, denn was ich diese Nacht mit meinen eigenen Ohren gehört habe, das könnte Einem zehnmal das Gehirn im Kopfe umdrehen!" „Sehen Sie." entgegnete Reb Scholim Henoch, der Schulklopfer, indem er den Zeigefinger an den rechten Flügel seiner Nase wie an eine Flöte legte und diese einige Mal hintereinander recht kräftig pfeifen ließ, was er denn auch beim zweiten Nasenflügel wiederholte. „Sehen Sie, bei mir ist das Alles nicht mehr neu. Da habe ich erst vorige Woche, als ich irm Mitternacht die Synagoge öffnete, einen Todten gesehen, der so hart an mir vorbeiging, wie ich jetzt neben Euch stehe!" „Und wir werden dazu schweigen?" schrie einer aus der Schaar heraus. „Wir werden unsere Todten weinen hören und werden schweigen?!" „Nein, das darf und soll nicht geschehen!" stimmten Viele lallt zu. „Legen wir nicht die Hände in den Schooß, sondern thun wir etwas!" „Und was fangen wir an?" fragten wieder einige Andere. „Dazu haben wir einen Wunderrabbi in der Stadt, bei dem wir uns Rath holen!" „Ja, das ist das Rechte, wir gehen zum Rabbi!" stimmten Alle zu. Gesagt, gethan — gegen dreißig Personen stürzten mit verstörten Gesichtern und geisterhaft starrenden Augen zum Wunderrabbi in die Wohnung. „Wenn Gott Euch lieb ist, Rabbi!" schrieen Alle wie die Wahnsinnigen durcheinander, „so thut etwas, schweigt nicht! Todte weinen jede Nacht in der Synagoge, daß vor Rührung Himmel und Erde schmelzen müßten! Den armen Todten muß die Ruhe wiedergegeben werden. Möglich, daß sie unsertwegen so schwer leiden. Für jeden Fall geziemt es sich, daß auch Sie, Rabbi, eine Nacht in der Nähe der Synagoge zubringen, damit Sie selber das Schauerliche mit anhören, das mit Worten sich gar nicht schildern läßt!" Gegen Nacht fanden sich nicht allein der Wnnderrabbi und seine Assistenten in der Nähe der Synagoge ein, sondern auch eine große Menge, bestehend aus Männern, Frauen und Kindern. Auch ich, damals ein Knirps von zehn Jahren, stahl mich aus dem Hause, und mit einem Schwarm von zehn Genossen mengte ich mich mitten in das Gewirr von Leuten, die den ganzen Hofraum füllten. Noch steht mir das seltsame Bild vor Augen, wie wenn es erst gestern gewesen wäre. Es war nach einem trüben, verregneten Herbsttag. Die Nacht brach von hinter den Bergen wie aus einem Hinterhalt hervor. Der sternenlose Himmel hing wie ein schwarzes Tintenmeer von unermeßlicher Weite über der Erde, so daß das Gewoge von Menschen in dem großen Hofraum der Synagoge mehr mit den Ohren als mit den Augen wahrzunehmen war. Je tiefer die Nacht sich vorschob, von einer um so größeren Furcht und Angst fühlte sich die große Menschenmaffe beherrscht, so daß sie minutenlang in Todesstille verharrte. Da ließ sich plötzlich vom Dachboden der Synagoge ein langer schluchzender, durch Mark und Bein dringender Ton vernehmen. „Aha!" rief Reb Schaje Jakew, der Adjutant des Rabbi, „da erkenne ich deutlich die Stimme, es ist unser Vorbeter Reb Eli, der im vorigen Jahre gestorben ist — genau dieselbe Stimme!" „Reb Eli, unser Vorbeter," ging es wie ein Brausen durch die vielköpfige Menschenmenge. „Scha! Scha!" erhob sich ein Zischen von allen Seiten, „lasset uns hören unfern Reb Eli, olew Hascholem!"') „Ganz dieselbe Koloratur wie beim Leinen!" betheuerte ein Kunstkenner. Inzwischen war auf dem Dachboden der Synagoge die Stimme Reb Elis verschlungen und übertäubt von tausend andern Stimmen, die schwer von einander zu unterscheiden waren, alle schluchzend, herzerschütternd, voll Weh und Jammer. „Al Cliet — hört Ihr, die Todten beten Al Chet," ließ sich aus der Menge eine Stimme vernehmen. „Hört, hört!" rief man von allen Seiten nach, „die Todten beten AI Chet!" „Beten wir mit!" schrie einer heraus. Und wie Meeresbrausen ertönte es aus der ganzen Menge — Alle beteten Al Chet mit den Todten. Wieder trat eine Pause ein; — nur oben auf dem Dachboden heult es noch immer so entsetzlich wie früher. Da löste sich eine Gestalt aus dem wirren Menschenknäuel los — es war ein altes Weib, das mit einem lauten Jammerruf zum Wunderrabbi hinstürzte. „Gewalt, heiliger Rabbi, Gewalt! Ich höre meine Tochter weinen, die mir vor zwei Monaten gestorben ist!" „Mein Sohn!" schrie ihm ein Anderer nach, „da erkenne ich deutlich meines Sohnes Stimme!" „Mein Vater, Gewalt, mein Vater!" wehjammerte ein Dritter. „Mein Vater! Mein Sohn! Meine Tochter! Mein Bruder! Meine Schwester!" tobten jetzt auf einmal mehrere Stimmen durcheinander. So ging es mit jedem Augenblick immer toller zu, und erst die heranbrechende Morgenröthe machte diesem wüsten Treiben ein Ende. An demselben Tage aber noch fand bei dem Wunderrabbi eine große Versammlung statt, an welcher alle Klausner theilnahmen. Es handelte sich darum, Mittel auszusinnen, wie die aufgeregten Tödten zu beruhigen. Für die erste Zeit ordnete der Rabbi bestimmte Psalmen zum Beten an, von welchen er sich den besten Erfolg versprach, und um seiner Sache noch mehr sicher zu sei», designirte er den besten und frömmsten Schoferbläser der Stadt, damit er jede Nacht im Hofe der Synagoge vorblase. Allein auch diese Mittel erwiesen sich leider als erfolglos, denn die Todten fuhren fort, Nacht für Nacht auf dem Dachboden der Synagoge ihr markerschütterndes Geheul vernehmen zu lassen. . . . Da nahm der Rabbi seine Zuflucht zu einigen verschärfteren Maßregeln. Er rief eine geheime Sündenpolizei ins Leben, die alle Sünden in der Gemeinde zu überwachen habe, denn sicher gab es solche viele in der Stadt, derentwillen die armen Todten nicht die Ruhe finden konnten. ... Die neu organisirte Sündenpolizei erwies sich als ihrer Aufgabe vollkommen gewachsen. Keine noch so kleine Sünde entging ihrer scharfen Spürnase. Doch was half das Alles? Bereits waren alle verdächtigen Bücher zu Asche verbrannt, kein Mädchen wagte mehr, eine Krinoline zu tragen, alle Frauen waren ihrer Haarüberreste beraubt, und doch fühlten sich die Todten noch immer nicht beruhigt, ja. ihre Jammerrufe nahmen mit jeder Nacht eher zu als ab. ') Der selige Friede sei mit ihm.

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