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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-25 · Heft 39 (25.9.1891) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 39 (25.9.1891)
Date
1891-09-25
Page
Seite 465 (sequence 9)
Language
German
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465 Römisch-jüdische Funde. Von Dr. Samuel Spitzer, Rabbiner in Essek. Daß Juden in Rom und den römischen Gebieten schon vor unserer Zeitrechnung gelebt, ist bereits aus römischen Klassikern, wie Horaz u. A., erwiesen. Seit einigen Tagen ist es uns klar, daß Juden hier in Essek, nämlich im altrömischen Mursia, schon und noch im dritten Jahrhundert lebten. Hier werden nämlich eifrig und sehr erfolgreich schon seit langer Zeit Nachgrabungen angestellt, und diese haben auch hochinteressante Alterthümer vollkommen intakt zu Tage gefördert. Die Funde sind vier Stücke mit hebräischen Inschriften: I. ist ein ziemlich großer rother, dicker Backstein vollkommen bis auf eine abgebrochene Kante erhalten, er trägt die Inschrift: Die Inschrift ist offenbar eingebrannt und mag zu einer Wasserleitung gedient haben. H. und III. sind zwei Bruchstücke eines Gesimses und haben beide die etwas defekten Worte "■'"ill?» als Inschrift. Beide mögen als Zierrath des Einganges zu einem Gebäude gedient haben, da sie aus weiße», Stein bestehen und also einen Theil des Satzes bilden: „Esri meini Adonay osse schontajim wooretz“. IV. ist eilt Bruchstück des Bodens eines Kochgeräthes und trägt die schwer leserliche Einzeichnung: (N) 1 (D) iS 6) Also ein Gefäß, das für Paflahzwecke bestimmt war. Sämmtliche Stücke, wie aus den mit ihnen aufgefundenen anderen Stücken klar ersichtlich, gehören dem dritten Jahrhundert an und werden in den ttüchsten Tagen im hiesigen Museum Aufnahme finden. U FEUILLETON &- Verschollene Seelen. Ein Kulturbild aus Galizien von Nathan Samuely. „Teruah! Scheworim! Tekiah gedolah!“ Kennst du, lieber Leser, diese Notenzeichen für den „Schofer"? Ganz gewiß sind sie dir nicht unbekannt, diese ernsten, düstern Zeichen; denn wo giebt es eine Synagoge, wo man sie am jüdischen Neujahrstage nicht hört, jene düstern, mahnenden Klänge, dirigirt mit bebender Stimme vom Rabbiner oder sonst einem würdigen Manne der Gemeinde? Dann dürfen sie aber auch in dir Gefühle und Erinnerungen wachrufen, wie sie in mir rege werden in dem Augenblicke, daß sie vor mir aus meinem Gebetbuche austauchen, wo sie mitten unter den anderen Gebeten für das Neujahrsfest mit großen Lettern und in kurzen Zeilen zu sehen sind. Nicht aber blos am Neujahrstage ist diese Musik in allen Synagogen der Welt zu hören, sondern vielmehr während des ganzen Monats Elul, in Ausnahmefällen auch mitten im Jahre, wenn beispielsweise eine Epidemie ausbricht, eine schwere Noth der Gemeinde bevorsteht, oder auch, was lange nicht mehr der Fall ist, wenn über Einen der Bannfluch ausgesprochen wird.... Nicht aber blos in den Synagogen erschallen jene unheimlichen Klänge, sondern auch im großen Tempel des Universums, und hier ist es Gott allein, der die große Todtenmusik dirigirt. „Tekiah! Scheworim! Tekiah! Teruah!“ Und da bläst und schallt es, daß alle Blätter vont Stamme herunterfallen, und die Bäume mit den entlaubten Zweigen wie düstere Grabesmomente aussehen, die von einstiger Größe und Herrlichkeit erzählen.... Und wie die armen Kinder des Ghettos das große Sterben in der Natur sehen, so erfaßt sie eine Angst und ein Beben, und sie ziehen hinaus mit Weib und Kind zu ihreit Todten auf die Gräber; sie haben seit Urzeiten sich daran gewöhnt, in den Zeiten trüber und banger Ahnungen sich nie an das Leben zu halten, das sich immer kalt und verdroffen von ihnen abwandte, sondern air den Tod, an den stillen, ahnungsvollen Tod, der ihnen immer näher stand als das Leben. Aber auch noch der Tod flößt ihnen Angst und Entsetzen ein, denn sie haben durch Jahrhuitderte alle Schulen der Furcht und der Schreckniffe durchgemacht, daß sie sich vor Allem fürchten, vor dent Leben, vor dem Tode, vor Allem, was ist und nicht ist. Oft hört man sie die schaurige Mär sich zuflüstern, daß ihre Todten selbst im Grabe keine Ruhe finden und daß das stumme Todtenhaus sie allnächtlich 'hinausspeit an den Strand des Lebens, wo sie unstät und flüchtig umherirren müssen. Was Wunder? Sie, die Armen, die wie ein Wild durch die Jahrtausende gehetzt und verfolgt worden sind, können es kaum fassen und begreifen, daß nach dem Tode auf einmal alle Hetzen und Verfolgungen aufhören; und aus diesein ungesunden Gedanken entwickeln sich wie Miasmen aus einein faulen Körper tausend Schauermärchen von Todten, die auch int Grabe keine Ruhe ttnd keinen Frieden finden können. ... Noch steht mir Reb Mendel, der Synagogenvielter, vor Augen, ganz wie ich ihn vor dreißig Jahren gesehen habe, mit der großen Prise zwischen Daumen und Zeigefinger und mit den übrigen drei Fingern sich langsam den langen, rothen Bart glättend, „So hört mich, Rabosaj') begann Reb Mendel zu der Schaar Neugieriger, die ihn umgab, „wenn ich diese Nacht überlebt habe, so giebt es keinen Tod mehr für mich! „Gott ist mit Euch, Reb Mendel!" riefen ihm Alle erschreckt zu „erzählt uns doch, was Ihr diese Nacht erlebt?" „Was ich erlebt?" wiederholte Reb Mendel, indem er hastig die Prise. zur Nase führte, „ich habe etwas erlebt,' was Eilten mit Schauer erfüllt. So versteht Ihr schon jetzt, Rabosaj!" „Aber was? Um Gotteswillen, Reb Mendel, so saget uns doch, was?" drängten Alle zusammen. „Was? fragt Ihr — so sagt mir selber, Rabosaj, ob es etwas Schrecklicheres in der Welt giebt, als Todte bei Nacht weinenzu hörcti?" „Todte!" fuhren Alle entsetzt zurück, „und Ihr habt diese Nacht Todte weinen gehört?" „Nicht ich allein, sondern auch mein Weib und meine Kinder, so deutlich, wie ich Euch jetzt höre; noch jetzt sind mir die Ohren voll von jenem Grauen, das ich diese Nacht gehört habe." „Nun, so redet doch zu uns klar, Reb Mendel," drängten Alle mit jenem Gefühl von Wollust, die derartige Leute immer empfindeit beim Anhören gruseliger Märchen. „Wie, wann und wo habt Ihr das Alles gehört?" „In der Mitternachtsstunde mag cs gewesen sein," erzählte Reb Mendel, „da weckte uns plötzlich eine jämmerliche Stimme. Wir horchten erschreckt auf. Die Stimme kam von dein Dachboden , der Synagoge, grade über unserm Kopfe. Doch was sage ich eine Stimme, es waren ihrer mehr als hundert, mehr als tausend, es war eine ganze Welt von Stimmen. Und wie das weinte! In meinem Leben habe ich noch nie so ein Weinen gehört. Es >var das große Bußgebet „Al Chet", das die vielen Todten über unserm Kopfe hinaufgeschrien zum Himmel." „So ist es also wahr," unterbrach ihn einer der Umstehenden, „was man sich erzählt, daß die Todtett in diesem Monat sich *) Meine Herren.

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