Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1891)
- Date
- 1891-09-25
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
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464 geistig noch Unentwickelte darüber belehrt werden soll, was schön, gut und edel sei, was der Menschenwürde entspricht, sowie darüber, daß bisweilen „über Leichen" der Weg des Lebens gehe. Das Beispieil allein genügt nicht; nur „die Zange wird mit der Zange gemacht", der Mensch „schlägt nicht selten aus der Art", und das selbstbewußte Streben des Menschen nach Bildung läßt manchen Jüngling „aus der Kutte springen", in der der leibliche Vater gesteckt. Aber der Freidenker will seine Jugend nicht durch den Reiz des Lohnes zur guten Handlung locken und durch die Furcht vor Strafe von der bösen That abschrecken, sondern sie lehren, „das Gute des Guten halber zu thun, das Böse des Bösen halber zu meiden". Doch scheint eine Aufhebung jeder Strafe für die unmündige Jugend, wie für die unmündige Menschheit überhaupt, selbst dem Freidenker nicht rathsam, da er sich im nächsten Paragraphen rektifizirt und nur die Furcht vor ewigen Strafen, welche die Kirche manchen Bösewichtern in Aussicht stellt, als menschenunwürdiges, weil unbegreifliches, Abschreckungsmittel verwirft. Nun, das Judenthum kennt in seiner Positivität keine Höllenstrafen, und die uns heilige Schrift predigt nur von irdischem Unglück, das den Frevler aus Gottes Hand trifft. Erst der spätere Midrasch hat in seiner figürlichen, poetischen Darstellungsweise derartige übersinnliche Bilder gewählt, an denen besonders die Kabbalah reich zu sein scheint, an die zu glauben uns Juden kein Dogma zwingt. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, selbst von den oft nur als leere Gesetzesübungen erscheinenden Ceremonien die nüchterne Hülle zu enifernen und den wahren, ethischen Kern des Gebotes klarzulegen. Und so wäre es auch lächerlich, die meist metaphorischen Gedankenumschreibungen des Midrasch als „göttliche Worte" anzusehen, an deren Buchstabengehalt keine Aenderung und Gegenmeinung, wie auch keine rationelle Auslegung zulässig wäre. Die argen diktatorischen „Höllenstrafen" sind eben nur für denjenigen geschaffen, deffen starre Unvernunft einer sittlichen Belehrung unbezwinglichen Widerstand entgegensetzt. Auf der anderen Seite dürfte es nicht schwer sein, aus den ethischen Aussprüchen der jüdischen Gesetzeslehrer der Vergangenheit das Judenthum vor der Verurtheilung der Freidenker zu retten, Wir erinnern nur an zwei derselben. Man erwäge die bewußte Reichhaltigkeit in den Worten des Antigonos aus Socho (Sprüche d. Väter 1, 3), in denen er seinen Wahlspruch zum Ausdruck brachte: „Seid nicht wie Diener, die ihrem Herrn nur in der Absicht, Lohn zu empfangen, dienen, sondern wie solche, welche an den Lohn gar nicht denken," sowie den Ausspruch des Philosophen Ben Asai (ebenda 4, 2): „Der Lohn für eine gute That ist das Begehren nach einer neuen; die Begehung einer Sünde aber weckt den Hang zur Unthat — das ist des Frevlers Strafe!" In Kürze sei schon hier darauf hingewiesen, daß der Verfasser des Katechismus, an dem eine letzte ordnende Hand vermißt wird, fast ausschließlich mit dem Christenthum ins Gericht geht, und man muß nach obigen Erwägungen dahin entscheiden, daß er die hohe Bedeutung der jüdischen Ethik nicht zu unterschätzen vermag. Oder kennt er sie vielleicht aus eigener Erfahrung? Wir können die übrigen sieben Paragraphen mit verhältnißmäßig wenigen Worten besprechen, da sie sich auf Interessen beziehen, welche das Judenthum wenig angehen. Der Verfasser sucht in ihnen vielinehr fast ausschließlich theils angebliche Mängel der christlichen Kirche in ihrem Verhältniß zu ihren gläubigen Bekennern, theis soziale Mißstände zu geißeln und verfällt dabei in eine Betrachtung und Angreifung der Staats- resp. Weltraison, welche die Aufhebung aller Vermögens- und Standesunterschiede fordert. Allerdings kennt er selbst die Schäden, welche ein plötzlicher, radikaler Umschwung der menschlichen Verkehrszustände nothgedrungen zur Folge haben müßte, und wünscht, sich ein wenig beschränkend, „vor Allem, daß den Ursachen gesteuert werde, welche die Ungleichheit des Besitzes zu einem Ueberschuß für die Einen, zur Roth, zum Elend und zum ewigen Jammer für die Anderen gemacht haben" (§ 13). Wir erwähnen diese Forderung nur deshalb an dieser Stelle, weil wir in Obigem auch auf religiösem Gebiete einen ruhigen Gang der Dinge als Bedingung der Fortentwicklung erheischen und vor der schädlichen, zerstörenden Wirkung und dem Rückschlag bangen, den ein plötzliches, willkürliches, weil unbequemes Brechen mit dem Althergebrachten auf die Erziehung und moralische Entwicklung der Menschheit haben muß. Man hat wahrlich in den Kreisen mehr oder minder begeisterter Freidenker noch gar nicht recht versucht, die gute Einwirkung einer positiven Religion mit allen ihren vemunftgemäßen, wenn auch etwas unbequemen Tendenzen zur Geltung kommen zu lassen; man entledigt sich vielmehr, dem allgemeinen, der menschlichen, sich selbst bewußten Natur allerdings entsprechenden, aber sich überstürzenden Zeitgeiste folgend, aller Fesseln, die nur irgendwie lästig erscheinen, muß sich aber (traurig genug?!) den Staatsgesetzen fügen, welche oft der allgemeinen Menschenvernunft zu widersprechen scheinen, weil man nicht die Macht hat, sich ihnen zu widersetzen. Man befreie vielmehr die positive Religion erst von der Ketzerkrone, welche der Freigeist ihr aufgesetzt, und hauche ihr Leben ein, indem man den Geist ihrer Lehren recht wiirdigt und verbreitet; das Ziel der Menschheit, die wahre Erkenntniß, der ideale Gedanke, die edle That, all' dies wird dann eher Wurzel fassen, als wenn der freie Menschengeist die beschwerlichen Fesseln bricht und selbst das Scepter der Erziehung schwingt. Und ganz besondere Vorsicht liegt jenen Geisteshelden ob, welche ihrer Zeit vorauseilen und leicht den Zusammenhang mit ihrem Geschlechte verlieren; was deren scharfer Geist mit träumendem Seherblicke vorausahnt und herbeiwünscht, ist nur wenigen ihrer Genossen auf Erden erfaßbar, wie das hohe Zukunftsideal, von dem sie, auf allzu hohem Piedestal stehend, zu ihrer Zeit reden. Es hört die Menge die Botschaft wohl, allein ihr fehlt das Verständniß; denn sie soll nicht fürder glauben, sondern selbst verstehen. Es ist darum gar sehr von Nöthen, daß der kostbare, hellleuchtende Edelstein, deffen Glanz ein Jeder wahrnimmt, der Augen hat, um zu sehen, durch einen Ring geschützt werde, damit man ihn schützen und schätzen lerne. Der „kritische Kommentar", den wir in unseren Ausführungen der unparteiischen Erwägung anheimgaben, hat unsern gegensätzlichen Standpunkt dem Jreidenkerthum gegenüber klargelegt; wir konnten nicht anders — nach unserer tiefen Ueberzeugung, sondern rufen vielmehr gleichfalls aus: „Hier stehen wir!" Wenn der Aufruf, der zum Schluffe an den Freimuth appellirt, zugleich auch eine ernste Prüfung der Sätze der Freidenker veranlaßt, so zweifeln wir, ob alle diejenigen jenem Verein beitreten werden, die sich durch die Aussicht auf ein bequemeres Leben und den sonst scheinbar unmöglichen Frieden zum Beitritt hätten verleiten lassen und nun den wichtigsten Punkt der Erziehung ins Auge fassen. Wenn das göttliche Wesen, das uns und das Weltall geschaffen und ferner besteht, uns das erlösende Freiheitswort zurufen wird, wenn die Erde voll sein wird von wahrer Erkenntniß, dann erst ist das göttliche Weltreich auf Erden gegründet. Schließen wir denn mit einer Umkehrung des Schlußwortes in jenem „Katechismus der Freidenker", welches lautet: „Dem freien Gedanken gehört die Zukunft", und rufen mit voller Festigkeit aus: Der Zukunft gehört der freie Gedanke! U