Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1891)
- Date
- 1891-09-25
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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461 die Gesetzgebung über die Knechte und sogar über die Verbrecher berufen, um den Beweis herzustellen, daß die Religion die sozialistischen Probleme richtig erfaßt und den Weg zu ihrer Lösung gewiesen hat. Es genügt ja das eine herrliche Wort: „Es soll unter dir kein Bettler sein" (5. Mos. 15, 4), neben welchem als Gegenstück zur Aneiferung der werkthätigen Liebe das Wort steht: „Nicht aufhören wird der Arme im Lande", wo also auf einer Seite die Pflicht der Reichen, die Lage der ärmeren Klaffen zu verbeffern, neben dem Erfahrungssatze steht, daß bei Lösung eines Theiles der Aufgabe andere Aufgaben unserer harren. Schwerer als das wiegt aber der von Bebel selbst aufgestellte Satz: „Was du nicht willst, daß man dir thue, thue einem Andern nicht." Diesen Satz hat'aber nicht die Sozialdemokratie, sondern Hillel, ein jüdischer Schriftgelehrter des ersten vorchristlichen Jahrhunderts hat ihn aüfgestellt (Talmud. Sabbath 31, a), und Rabbi Akiba hat ihn aus dem biblischen Gebote: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (3. Mos. 19. 18) abgeleitet (Sifra 3, 54). Bon da ist dieser Ausspruch wie viele andere rabbinische Gebräuche, Anschauungen und Redensarten, in das Christenthum übergegangen. Die Sozialdemokratie handelt aber gegen die Religion, wie wir es im menschlichen Leben oft sehen, daß man am gehässigsten gegen diejenigen ist, denen man am meisten verdankt, oder wie etwa ein Schriftsteller diejenigen Autoren todtschweigt oder beschimpft, welche er zuvor bestohlen hat. Für die Sozialdemokratie ist die Religion auf dem Aussterbe-Etat. Im sozialistischen Zukunftsstaat heißt es nach Bebel von Gott ebenso, wie Joas voin Baal sagte: „Er soll sich selber helfen, wenn ihn Jemand beleidigt hat, vorausgesetzt, daß man dann sich überhaupt noch streiten würde, ob es einen Gott gebe". Doch muß man zugeben, daß nur das Christenthum bekämpft wird, während das Judenthum ganz beiseite bleibt oder nur hie und da gestreift wird. Diese Thatsache hat sogar auf dem zweiten evangelisch-sozialen Kongreß, der im Mai d. I. in Berlin stattfand, dem Marburger Professor W. Herrmann') zu denken gegeben. Nur reichen seine Erklärungen nicht aus, weder diejenigen, deren Unzulänglichkeit er selbst zugesteht, nämlich die größere Macht der christlichen Kirche und die Rücksicht auf die hervorragenden jüdischen Mitglieder in der sozialdemokratischen Partei, noch der „ideologische" Charakter der Sozialdemokraten, welcher „zur christlichen Gedankenwelt im schärfsten Gegensatz" stehen soll, was, verständlicher ausgedrückt heißt, daß für die Sozialdemokratie das Christenthum eine auf halbem Wege stehen gebliebene Sozialreform sei. Nun, wir wiffen eine viel gründlichere Erklärung als die von Herrmann vorgebrachten, von welchen nur die eine richtig ist, daß das Christenthum wegen seiner Macht mit größerem Eifer bekämpft wird. Das ist vor Allem die Sympathie der Arbeiterpartei mit den Juden als Unterdrückten, die unter dem Kastenwesen der Gesellschaft am meisten zu leiden haben, denn die Arbeiter wiffen ganz wohl, daß, so lange der Amtsdiener sich für etwas Besseres halten darf als der vornehmste Jude, auch der Amtsrichter sich für etwas Besseres halten wird als der fleißigste Arbeiter. Die wesentlichste Schutzwehr des Judenthums gegen die Sozialdemokratie ist aber - der Antisemitismus. Die führenden Männer der Arbeiterbewegung wiffen ganz genau, daß der Antisemitismus ein Mittel sein soll, die Unzufriedenheit der ärmeren Kläffen nach einem anderen Objekt abzulenken, sie wiffen ganz gut, daß die Juden der Uhu sein sollen, den der Jäger aufstellt, um den Haß der Vogelwelt gegen dieses arme Thier zu benützen, damit er die arglosen Vögelein desto sicherer fange. An der >)W. Herrmann: „Religion und Sozialdemokratie" in der „Zeitschrift für Theologie und Kirche" 1.259 ff. Thatsache wird dadurch nichts geändert, wenn die liberalen Theologen an der Seite ihrer erbittertsten Feinde, der christlich Sozialen unter Führung des ehemaligen Hospredigers, die Macht der Kirche im Volke wieder aufrichten wollen. Man schüttle den Antisemitismus ab, man gebe dem Judenthum den ihm gebührenden Rang als einer Religion gebildeter Menschen, und Bebel wird ebenso die frommen jüdischen Bankiers angreifen, wie die frommen christlichen Grund- Herren, ebenso die Rabbiner lächerlich machen, wie die christlichen Geistlichen. Jndeffen ist ihm auch heilte die jüdische Bibel der Urquell alles Bösen und ganz besonders die Schuld an der untergeordneten Stellung der Frau, was wieder der Haupttheil des allgemeinen Elends unter der Menschheit sein soll. Wenn der Kirchenvater Tertullian sagt: „Weib, du bist die Pforte der Hölle", so hat er nichts Anderes gelehrt, als was die Bibel in der Geschichte des ersten Menschenpaares darstellen will, wo die Frau die Verführerin des Mannes sein soll. Und wenn Petrus die Frauen auffordert, ihren Männern gehorsam zu sein, so thut er nichts Anderes, als was Gott in der Bibel mit den Worten „er soll Uber dich herrschen" befohlen hat. Wenn Jakob sieben Jahre um Rahel dient, so ist damit mir gesagt, daß er die Frau als ein Kaufobjekt, als eine Sache behandelt. Wenn der Talmud sagt: „Ist deine Tochter erwachsen, lasse deinen Sklaven frei und gieb sie ihm" (Pesachim 113, a), so soll das nur beweisen, daß eine Frau ganz willenlos ihrem Vater in die Hand gegeben ist. Und doch sind alle diese Schlußfolgerungen sophistisch. In Wirklichkeit ist die biblische Auffassung von der Stellung der Fra:: durchaus und die talmudische zumeist eine sehr würdige und vornehme. Das Weib ist nach der biblischen Lehre durchaus nicht das „Gefäß der Sünde" und die „Pforte der Hölle", denn sie ist ja in erster Linie die Verführte und dann erst die Verführerin. Der Sachverhalt ist also derselbe wie derjenige, den Bebel mit Recht in der Arbeiterklasse als so entsetzlich schildert. Die Arbeiterin ist von dem Willen des Brodherrn und seiner Beamten so abhängig, daß sie deren Verführungen erliegen muß, und wenn sie hinlänglich verdorben ist, dann wird sie derart Meisterin der Verführung, daß ihr kein Mann widerstehen' kann. Und lehrt nicht die Geschichte das Gleiche? Welch' unheilvollen Einfluß haben eine Pompadour und Dubarry ausgeübt! Wer hat den Thron der Napoleoniden gestürzt? War es nicht die Kaiserin Eugenie mit ihrem ma petite guerre ä moi? Darum hat der Talmud Recht, wenn er sagt: Wen sein Weib beherrscht, der wird nicht die Hölle zu sehen bekommen (Erubin 41, b) (sc., er hat sie schon auf der Welt); und als Gegenstück dazu sagt die Bibel: Er soll über dich herrschen, d. h. ja nicht: er soll dich tyrannisiren, du sollst Sklavin seiner Launen sein, er soll dich mißhandeln dürfen, und du sollst nur still seufzen, er soll vergeuden dürfen, und du sollst darben müssen, sondern es heißt: er soll der führende Theil des Hallshaltes sein, und einen solchen muß es geben, so lange nicht das sozialistische Ideal von der Auflösung der Ehe, an deren Stelle ein bloßer Privatvertrag tritt, in welchem Mann und Weib ein zeitweiliges Zusammenleben vereinbaren, verwirklicht ist. Wie die Herrschaft des Mannes über das Weib gemeint ist, sagt am besten der Talmud mit dem Ausspruch: Ein Weib mllßt dll mit der Rechten streicheln, wenn du es mit der Linken schlägst, rQ“lptt nnn ptt1 snn (Soiah 47, a), lind wenn tut Mittelalter ein angesehener Theologe, R. Israel Jsserlein aus Marburg, erklärt (pp"“l '■’D Ymn), daß ein Schlag, gegen das Weib geführt, eine Uebertretung des göttlichen Gebotes sei: „Dein Bruder soll nicht geringgeschätzt sein in deinen Augen", wenn im Talmud ein Lehrer sich rühmt, er habe von seinem Weibe nie anders als