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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-25 · Heft 39 (25.9.1891) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 39 (25.9.1891)
Date
1891-09-25
Page
Seite 460 (sequence 4)
Language
German
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^^MMMWWMMWD^^WWMWWWWWWW Kämpfen wir. Unsere Waffen sind die vierundzwanzig Buchstaben des Alphabets, gesprochen oder in Blei gegossen, unser Heer die Männer des Wortes und der Feder, unsere Führer und Feldherren Helden des Gedankens und des Geistes. Jeder Jude muß zu dieser Politik sich bekennen, ihrer Verwirklichung und Ausbreitung seine Kräfte und seinen Einfluß widmen. Er darf nichts unterstützen, was den konfessionellen Frieden und die Gewissensfreiheit gefährdet, was die volle Entfaltung der menschlichen Kräfte hindert und hemnit, die werkthätige Menschenliebe durch Raffen- und Religionsunterschiede einengt. Man liest oft von gegnerischer Seite, daß die Juden, nach einer Weltherrschaft streben! Sie, die zum größten Theile unter schwerem Drucke seufzen. Rein! Nicht sie wollen herrschen, sondern ihre Politik, deren Programm wir kurz bezeichnet haben, soll zur Herrschaft gelangen; dann wird in den Staaten das Kriegsbndget das kleinste, das des Unterrichts und der allgemeinen Wohlfahrt das größte sein. 9 Sozialdemokratie und Religion in der Auffassung der Ehe. Von Dr. Gotthard Deutsch, Rabbiner. Man hat viele Namen für unsere Zeit vorgeschlagen. Sie ist bald das Zeitalter der Eisenbahnen, bald des Dampfes, der Telegraphie, des Parlamentarismus, des Zeitungs- und Reklainewesens, der Vereinsmeierei, der Kritik und der Naturwissenschaften, kurz alles Denkbaren, was die menschliche Kultur zusammensetzt, denn es ist natürlich, daß Jedermann in demjenigen Gebiete, welches ihn beschäftigt und für das er sich interessirt, zunächst die Veränderungen einsieht, welche sich in der jüngsten Vergangenheit vollzogen haben oder in der Gegenwart vollziehen. Wenn wir aber den letzten Grund für die Gestalt der Welt suchen, die gegen das vorige Jahrhundert sich viel rascher und auffälliger geändert hat, als in früheren geschichtlichen Perioden, so ist das treibende Moment die Sozialreform, soweit sie durch die äußeren Verhältnisse mit Nothwendigkeit sich herausbildetc oder von immer breiteren Massen angestrebt wird. Die sozialreformatorifche Bewegung durchdringt heute alle Kreise der Bevölkerung, da alle von ihr berührt werden, und selbst diejenigen, die anfangs sich feindselig oder kalt gegen sie verhalten haben, wie die katholische Kirche, welche das Vcrhältniß zwischen Herren und Knechten als ein gottgegebenes ansah, versucht heute in ihrer klugen Politik die soziale Reform für ihre Zwecke zu benutzen. Und so ist die Frage von dem Verhältnisse zwischen Religion und Sozialdemokratie auf die Tagesordnung gekommen. Die Betrachtung des Verhältnisses muß eine zweifache sein. 1. Wie verhält sich die Sozialdemokratie zur Religion überhaupt, und 2. wie verhält sich die Sozialdemokratie zu einzelnen religiösen Anschauungen über das menschliche Leben? Beides soll an der Hand einer der bedeutendsten litterarischen Produktionen aus sozialdemokratischen Kreisens erörtert werden. Bei der Sozialdemokratie ist zwischen den Führern imd den Massen zu unterscheiden. Die Massen sind religiös, nicht, wie man gern uns einreden will, weil sie in dumpfer Gedankenlosigkeit in den Tag hineinleben, sondern weil sie in ihrer gedrückten Lage am meisten den Trost des religiösen Gedankens empsinden. Sie sind es, aus deren Mitte der glaubensfrohe Ruf des Psalms erscholl, der das Be- ') August Bebel: Die Frau und der Sozialismus. (Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft). 9. Auflage. Stuttgart 1893. kenntniß des Unterdrückten ist (Ps. 9—10): ,,Nicht ewig wird vergeffcn sein der Dürftige, die Hoffnung des Armen nicht auf immer verloren sein." Ja, die Menge der in Armuth lebenden Menschen ist es, die diesen Glauben an die in Gott wurzelnde Gerechtigkeit der Weltordnung trotz aller Verführungsversuche festhält, den Glauben, dem die jüdische Gemeinde in den feierlichen Tagen der Vorbereitung auf die hohen Feste den feierlichsten Ausdruck in ihrem nächtlichen j Gebet gab: „Er wird richten die Welt in Gerechtigkeit." (Ps. 9, 9. j Selichot für | Andexs die Führer. Sie müffen, um ihre Zwecke zu erreichen,; jede Möglichkeit einer Hoffnung den Massen rauben , sie müffen die 5 Religion bekämpfen, wie man in der geschäftlichen Welt die Konkurrenz bekämpft. Man diskreditirt sie, man macht sie lächerlich, man weist auf ihre Schwächen hin, und wo Alles nicht hilft, verleumdet man sie. Die Feindseligkeit, mit welcher auch in Bebels Buch die Religion und was damit zusammenhängt behandelt wird, zeigt sich schon an dem einzigen Ausdruck, daß ein Kloakenräumer ein sehr nützliches Mitglied der Gesellschaft, wohingegen ein Theologe, „der mit übernatürlichen Problemen die Gehirne zu umnebeln sucht, ein äußerst schädliches Individuum" sei. Schon die Zusammenstellung zeigt, wie der Haß in dem Herzen des Schriftstellers gleich der Lava im Krater eines Vulkans kocht, um dann mit elementarer Gewalt zun: Ausbruch zu gelangen. Ebenso meint Bebel einmal: Die Geistlichkeit weiß den Werth des Diesseits am besten zu schätzen, wie das Durchschnittsalter der Geistlichen beweist, während sie die Menschheit immer auf das Jenseits vorbereitet. Damit soll doch wohl gesagt sein, daß die Geistlichen auf die Dummheit der Welt spckuliren, um selbst ein bequemes Dasein zu führen. Und doch ist diese Feindseligkeit eine ungerechte, denn alles Wahre, das die Sozialdemokratie lehrt, sind religiöse Gedanken, und umgekehrt ist alles Unrecht, das in religiösen Formen und neben denselben gefunden wird, eine parasitische Mißbildung der Religion. Was lehrt die Sozialdemokratie? In erster Linie eine Demokratie, d. h. Selbstregierung der Völker. Warum vergißt man, daß die Bibel die aristokratische Monarchie in ebenso energischer als treuer Weise schildert. (1. Sam. 9, 11 ff.) Und dort spricht nicht etwa ein Anarchist, sondern ein Prophet, ein Gottesmann, der sich in seinen alten Tagen sogar mit der Monarchie als einer Nothwendigkeit, die durch Gottesfurcht vor Ausschreitungen behütet werden muß, abgefunden hat. Und das Gesetz! Das Gesetz verlangt doch von dem Könige, der durchaus nicht verfassungsmäßig nothwendig ist, „daß sein Herz sich nicht erhebe über seine Brüder." (5. Mos. 17, 20). Ist das nicht demokratisch? Und wenn Moses befiehlt: „Den Kleinen wie den Großen sollt ihr anhören, ihr sollt euch vor einander fürchten" (id. 1, 17), ist das nicht demokratisch? Die biblische Lehre von der Abstammung des Menschen die dem Talmud den Anlaß giebt zu der Bemerkung: „Gott hat nur ein Menschenpaär erschaffen, damit Niemand sagen könne, mein Ahn war mehr als der deine", ist doch gewiß eine eminent demokratische. Hingegen ist ja gerade die darwinistische Lehre trotz aller Vertheidigung aristokratisch, denn es ist gar nicht einznsehen, warum denn die Menschen nicht durch Zuchtwahl eine edlere Thiergattung aus sich Hervorbringen sollen, indem die Stärkeren ihre größere Macht zur Unterdrückung der Schwächeren benutzen. Die religiöse Weltanschauung ist aber nicht nur eine demokratische, sondern auch ine besten Sinne eine sozialistische, das heißt, sie ist in Konsequenz ihres Grundgedankens von der Gleichheit aller Menschen darauf bedacht, allen oder inöglichst vielen Menschen ein gutes und gleichmäßiges Los zu bereiten. Ich könnte mich zu diesem Zwecke auf die biblische Agrargesetzgebung, auf Jobel und Sabbathjahr, auf

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