Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1891)
- Date
- 1891-09-25
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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.. -.- •.. -—- 459 -- füllen Ergebung in das vermeintlich Unabänderliche, Aber die hervorragenden Juden Rußlands sollten doch ihren Glaubensbrüdern Muth zu neuen Anstrengungen einflößen, ihr Vertrauen in die eigene Kraft stärken und sie anfeuern, neue Wege zu betreten. Die Rabbiner sollten sich an die Spitze der Bewegung stellen, und könnten sich dadurch ein unvergeßliches Verdienst um ihre Glanbensbrüder erwerben. Vor Allem sollten sie gegen die üblichen und so verderblichen allzufrühen Ehen eifern, wodurch junge Leute, die sich selbst noch nicht ernähren können, zur Unzeit mit der Pflicht belastet werden, Kinder zu erhalten und zu erziehen, mit eiyer Pflicht, der sie beim besten Willen nicht genügen können. Auch die ganz unfruchtbare Art des sogenannten „Lernens" muß anfgegeben werden. Ist denn wirklich jeder Mensch zum Gelehrten bestimmt, und wieviel Gelehrte, die irgend etwas der Menschheit, ja auch nur ihren Glaubensbrüdern genützt haben, sind denn von den Millionen russischer Juden in ihren Schulen bis jetzt hervorgebracht? Manche russische Juden sind durch ihre Leistungen bekannt geworden; aber diese Tüchtigen sind nicht aus dem Cheider hervorgegangen. Mit der Cheider - Gelehrsamkeit können auch die Auswandernden nichts anfangen. Sobald sie das Schiff betreten, das sie in ein neues Land führen soll, werfen sie diesen unbrauchbaren Ballast von Klügeleien über Bord. Es ist aber sehr schwer, in vorgerückten Jahren bei der Begründung einer neuen Existenz ganz von vorne anfangen zu müssen, Etwas zu lernen. Die Komitees, welche sich der Auswanderer annehmen, sind in der größten Verlegenheit, was sie mit diesen „Gelehrten", die nichts gelernt haben und nichts können, anfangen sollen. Für jeden Handwerker oder Ackerbauer läßt sich leichter sorgen. Nun sage man nicht, daß die Gemeinden nicht die Lehrkräfte verbessern könnten; die Lehrer werden mit der Zeit immer mehr leisten, wenn man mehr von ihnen verlangt, namentlich daß sie auch für die körperliche Ausbildung ihrer Schüler und für die Erweiterung des Lerngebiets sorgen. Kömmt erst in die thatenlose, über ihre Leiden und ihre Verfolger grübelnde Masse der russischen Juden neues Leben, dann werden sie selbst besser als ausländische Freunde ermeffen, was sie für sich thun können, ohne sich neuen Verfolgungen auszusetzen; ihre Bemühungen werden den Beifall und die Unterstützung des Auslandes erfahren. Wer sich selbst verloren giebt, ist verloren. Wer sich selbst vertraut, kann Hilfe finden.') Berlin, September 1891. O Unsere Politik. Von Dr. Adolf Jellinek. I. Giebt es eine jüdische Politik? Die Beantwortung dieser Frage wird uns erleichtert, wenn wir andere einschlagende Frageir aufwerfen und einer Prüfung unterziehen. Giebt es eine katholische Politik? Dies muß Jedermann bejahen. Die katholische Politik verlangt und erstrebt die Herrschaft ihrer Grundsätze in allen Lebenssphären der Gesellschaft, im Staate, in ff Der Nachdruck dieses Artikels ist nicht nur erlaubt, sondern wird ausdrücklich gewünscht. Insbesondere werden die Zeitungen, welche in jüdisch-deutschen Buchstaben erscheinen, uni den Abdruck ersucht. Würde Jemand die Mühe übernehmen wollen, den Aufsatz in das Hebräische zu übersetzen und den Zeitungen, welche in hebräischer Sprache erscheinen, zum Abdruck zu übersenden, so würden wir ihm zu besonderem Danke erkunden sein. D. Red. den Schulen höherer und niederer Ordnung, in den Familien und in den Beziehungen der Menschen zu einander. Ob der vollständige Sieg dieser kirchlichen Oberherrschaft der Freiheit im Staate und in der Wiffenschaft dem Entwicklungsgang der Menschheit, der Eintracht und dem Frieden zwischen den verschiedenen Konfessionen zum Segen gereichen würde, darauf hat die Geschichte längst geantwortet, und wir sind der Mühe überhoben, uns in eine nähere Untersuchung einzulaffen. Giebt es eine Politik der orthodoxen Kirche? Die Antwort lesen wir fast jeden Tag in tief ergreifenden und mächtig erschütternden Berichten. Sie bedrängt Alle, die nicht zum orthodoxen Glauben sich bekennen, Katholiken, Protestantei: und Juden, und scheut keine Mittel, um die Zahl der Anhänger der orthodoxen Kirche zu vermehren. Die katholische Politik will den Staat der Kirche, die orthodoxe die Kirche dem Staat dienstbar machen. Wehe den Völkern, wenn die Politik der orthodoxen Kirche triumphirt! Giebt es eine jüdische Politik? Gewiß! Sie hat ihr Programm, ihre Prinzipien, ihre Zielpunkte, die wir kurz und bestimmt angeben wollen. Die jüdische Politik stellt an die Spitze ihres Programms Duldung, Eintracht und Frieden unter den verschiedenen religiösen Bekenntnissen. Sie thut dies nicht blos, weil der Bestand des Judenthums und dessen eigenes Interesse es verlangen, sondern weil das Prinzip religiöser Toleranz aus dem innersten Geist des Judenthums hervorgeht. Es hat nie den Anspruch erhoben, daß alle Völker Juden werden und die Vorschriften derselben beachten müffen; es fordert blos, daß sie den Geboten der Gerechtigkeit und Sittlichkeit, durch deren Befolgung der Mensch erst zum Menschen wird, gehorchen und von dem demoralisirenden Götzendienst sich fernhalten sollen. Die Religion der Zukunft, zu welcher die Menschen nach einer Entwickelung von Jahrtausenden sich bekennen werden, wird nicht das bestehende, in der Thora geoffenbarte Judenthum sein, sondern eine Religion ohne Namen, in welcher die Wahrheiten, Ideen und Prinzipien des Judenthums Anerkennung und Geltung finden werden. Diese namenlose Religion wird als der reine Gottesgeist über den Strömungen der verschiedenen Konfessionen schweben, sie immer Heller und lichtvoller gestalten. Die jüdische Politik proklamirt die freie Entfaltung und Verwerthung der geistigen und körperlichen Kräfte aller Menschen. Keine Gabe, keine Anlage, keine Befähigung, kein Talent darf verkommen und verkümmern unter dem Scheingrunde, daß die freie Regung und Bewegung der menschlichen Kräfte die Fundamente der Religion unterwühle. Die Wissenschaft muß ungehindert fortstreben, die Bildung immer größere Kreise ziehen, die Aufklärung immer weiter sich ausbreiten. Die jüdische Politik betrachtet die Wissenschaft als eine Schutzmacht gegen hereinbrechenden Aberglauben, der zu jeder Zeit und überall nur Unheil stiftet und auch der Religion Schaden zufügt. Die jüdische Politik verlangt, daß werkthätige Nächstenliebe als die feste Grundlage der Gesellschaft, als Bedingung für deren Gedeihen und als das höchste Prinzip für die Wohlfahrt der Menschen betrachtet werde. Die werkthätige Menschenliebe kennt keinen Unterschied der Nationen und Konfessionen, in ihr offenbart sich das rein Menschliche und wahrhaft Göttliche. Das sind die Hauptmomente der jüdischen Politik. Ihr Sieg ist der Sieg der Duldung und der Eintracht, der Freiheit und des Fortschrittes, der Liebe und der Brüderlichkeit. Ihre Wirkung erstreckt sich auf die gesammte Menschheit, bringt ihr Segen, fördert ihr Lebensglück und ihr wahrhaft sittliches Gedeihen. Dieser jüdischen Politik dienen wir seit Jahrhunderten in der Zerstreuung unter allen Völkern, für ihren Triumph dulden wir und