Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1891)
- Date
- 1891-09-25
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
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458 Berufung auf das Nationalgefühl seine Gimpel fange», aber Oesterreich ist ja kein Nationalstaat, sondern ein Rationalitätenstaat. Und so viel wie Polen, Serben, Rumänen haben wohl auch die Inden, falls man sie von feindlicher Seite als Nationalität betrachten will, an geschichtlicher und thatsächlicher Berechtigung in diesem Völkertonglomerat. Der Antisemitismus in Oesterreich ist im letzten Grrnrde weiter nichts Anderes als eine Formel der Reaktion, aufgeworfen im Kampf der Parteien, als Mittel, um den Liberalismus zu diskreditiren, der sich um feiner eigenen Prinzipien willen der Juden annehmen muß. Gerade in Oesterreich habe» die Juden das Werk der Assimilation am raschesten dnrchgeführt; sie haben ihre Intelligenz, ihre Arbeit, ihr Vermögen in den Dienst des Ganzen gestellt, sie haben sich als die treuesten Anhänger der Regierung erwiesen, sie haben sich in Ungarn inagyarisirt und in Böhmen so gut wie in Kroatien und Galizien die Rechte der Rationalität, in deren Mitte sie wohnen, mit Eifer vertheidigt. Noch nicht dreißig Jahre sind es her, daß ihnen in Oesterreich gewährt ist, den Acker zu bauen, und vor fünfzig Jahren war der jüdische Handwerker auf den Bedarf seiner Glaubensgenossen angewiesen, denn ein Andersgläubiger hätte von ihm sich keine Schuhsohle flicken lasten. Heute ist der Jride dort bereits Acker- und Weinbauer, Techniker, Ingenieur und Offizier und trägt ein gut Theil der Industrie auf seinen Schultern, und dies will nicht wenig bedeuten, da er ja der Gefahr ausgesetzt ist, daß man jede Arbeit, die er thut, als Ausbeutung »nd Uebervortheilung brandmarkt. Den Mangel an Vaterlandsliebe kann der österreichische Antisemit den Juden schon darum nicht vorwerfcn, weil er zum überwiegenden Theil selbst der Partei angehört, welche den Vaterlandsverrath auf ihre Fahne geschrieben hat. Aus der deutsch-nationalen Gruppe ist der österreichische Antisemitismus hervorgegangen, keine andere Rationalität und keine andere Partei hat sich seiner sonst angenommen. Erst in neuester Zeit ist eine Wendung eingetreten. Die Jungczechen, welche für die Prinzipien von Johann Huß und der französischen Revolution, für Gedanken-, Gewissensrmd Bürgerfreiheit schwärmten, haben jüngst eine Art Verbrüderungsfest mit den Wiener Antisemiten gefeiert. Beide sind dadurch Verräther an ihren Ueberzeugungen geworden. Die Jungczechen haben die Freiheit verrathen, die Antisemiten das Deutschthum. Man sieht, aus welchem Holz unsere Feinde geschnitzt sind. Seit Jahrzehnten bestreben sich die Czechen aller Schattirungen, die überwiegend deutsch gesinnte Bevölkerung Böhmens durch Schmeicheleien in ihre Kreise zu ziehen. Zum Theil ist es ihnen schon gelungen. Die Verbrüderung der Reuhussiten rnit dem Troß der klerikalen antisemitischen Partei kann also nur die eine praktische Folge haben, daß dadurch die nicht besonders zahlreichen czechisch gesinnten Juden in Böhmen kopfscheu gemacht werden. Im Uebrigen wiederholt sich auch hier daffelbe Schauspiel. Man schickt irgend ein enfant terrible, das man nachher leicht desavoriiren kann, in das Vordertreffen gegen die Juden und betont dann im gegebenen Falle, namentlich vor den Wahlen, seine Prinzipien von Freiheit und Gleichheit. Gleichwohl hat das Verbrüderungsfest auf der Prager Ausstellung, wo der Wiener Mechaniker von dem Prager Komiker in Jubelphrasen als Herold der Freiheit gefeiert wurde, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Vielleicht datirt von diesem Augenblicke an ein Wendepunkt in der Geschichte des österreichischen Antisemitismus; vielleicht sehen endlich die Bethörten und Verführten ein, wohin diese Bewegung führt, und welches die letzten Ziele der Verführer sind. Längst schon hat man ihnen nachgewicsen, daß sie keinen Glauben, keine Liebe für das Volk, daß sie keine Ehre und keine Treue haben. Aber so evident sind alle diese Dinge noch kauin zu Tage getreten, wie durch das Prager Verbrüderungsfest, bei welchem die dcutschnationalen Antisemiten ihren czechischen Todfeinden die Hand reichteil; es ist ihnen also nicht um das Recht der Rationalität, nicht um die Sache der Freiheit, nicht um die Liebe zum Volke, sondern nur »m den Haß gegen die Juden zu thun. Diese Thatsache kann nicht stark genug betont werden; sie allein ist geeignet, Allen, die sich von jenen Sirenenklängen hatten umgarnen lasten, die Augen und Ohren zu öffnen und ihnen den Weg zur Rückkehr zu bahnen. Der Antisemitismus hat in Oesterreich am spätesten angefangen; wir hegen die Zuversicht, daß er bei dem gesunden Sinne des Volkes dort am ehesten aufhören wird.? Wie russischen Juden. Aon Jnstizrath H. Mako wer. Die unglückliche Lage der russischen Inden hat die Theilnahme der ganzen gebildeteil Welt, insbesondere der Glanbensgcnossen in allen civilisirten .Ländern wachgerufen. Mannigfache Projekte zur Verbesserung ihrer Lage sind aufgetaucht, lvelche alle jedoch auf eine Auswanderung und Begründung einer neuen Heimath Hinanstaufen. Es ist nicht die Absicht, hier auf die Frage einzugehen, welche Aussicht auf Verwirklichung in großem Maßstabe alle diese Pläne haben, aber selbst wenn diese in erfreulichster Weise ihren Fortgang nehmen, ist doch zu ihrer Durchführung ein Jahrhundert, sagen wir ein halbes Jahrhundert, erforderlich. Es werden also, wenn die äußeren Umstände, welche jene traurige Lage herbeigeführt haben, unverändert bleiben, jedenfalls noch ganze Geschlechter unter denselben leiden. Auch die Lage der Ausgewanderten wird sich drirch die Verlegung des Wohnsitzes nicht im Handumdrehen ändern; nur die staatlichen Hindernisse einer gesunden Entwickelung werden für sie beseitigt sein. Unter diesen Umständen taucht die ernste Frage auf, ob nicht durch Selbsthilfe eine Verbefferung der Lage der Zurückbleibenden wie der Auswandernden herbeigeführt werden kann, und dies glaube ich bejahen zu müsten. Bestärkt man die russischen Juden in der trostlosen Meinung, daß Alles für sie verloren, daß Heil nur in der Flucht möglich ist, und daß sie wie unmündige Kinder lediglich durch die Fürsorge Dritter sich erhalten können, dann freilich ist die Aussicht in die Zukunft sehr traurig. Es ist jedoch durchaus nicht meine Meinung, daß dies richtig ist. Trotz aller Einschränkungen, die ihnen durch die Staatsgewalt auferlegt sind, können die Juden sehr viel für sich thun, um die Bande zu sprengen, welche sie ihrer Entwickelung selbst auferlegt haben, um die schlechten Gewohnheiten zu beseitigen, welche sie verhindert haben, in Tracht, Benehmen und Sitte den Völkern sich zu nähern, unter welchen sie leben; sie müsten das freiwillige Absperrungssystem aufgeben. Die Besorgniß, daß hierbei ihr religiöses Bekenntniß leiden könnte, wäre unzutreffend, denn die Juden in Deutschland, Frankreich und England haben ihren Glauben nicht aufgegeben, obschou sie in Tracht, Benehmen und Sitte den Völkern sich angeschloffen haben, in deren Mitte sie wohnen, und trotzdem sie deren Landesspracheangenommen haben. Endlich ist es dringend zu wünschen, daß die russischen Juden das Bildungssystem, welches sie selbst sich geschaffen haben, verlassen und an dessen Stelle eine fruchtbringende, Körper und Geist stärkende Lehrmethode setzen. Das Vertrauen auf die eigene Kraft ist leider in hohem Maße geschwunden, und der Muth besteht fast nur in der