Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 WWHWW sich die hiesige Spezialgemeinde des einträchtigen Zusammenhaltens ihrer Mitglieder. Mit der vor einigen Wochen in Kraft getretenen neuen Synagogen-Ordnung ist einem längst gefühlten Bedürfniß nach Regelung der den Besuchern des Gotteshauses obliegenden Pflichten und zustehenden Rechte abgeholfen. Der seit länger als Jahresfrist hier amtirende Kultusbeamte Herr Abraham ist eine tüchtige Lehrkraft. Die Religionsschule, an welcher er mit Eifer und Geschick zu wirken versteht, befindet sich daher in wohlgeordneten Verhältnissen. Eine jüngst an dieser Anstalt vor dem die Inspektion über dieselbe führenden Herrn Rabbiner Dr. Cohn ans Bonn abgehaltene Prüfung hat nach dessen kompetentem Urtheil ein sehr günstiges, zu den schönsten Hoffnungen berechtigendes Resultat ergeben. Mögen diese Mittheilungen unserem vorerwähnten Kultusbeamten zugleich ein Sporn zu fernerer gedeihlicher Wirksamkeit im Kantor- und Lehrfach werden! SS München, 10. September. Ueber das Ableben des Professor Dr. Heinrich Graetz gehen jujisj noch die folgenden Nachrichten aus der bayerischen. Hauptstadt zu: vergangene Woche begab sich der nunmehr Dahingeschiedene mit seiner Gattin von Karlsbad, wo er zur Stärkung seiner Gesundheit' auch dieses Jahr während der Sommer- .ferien weilte, hierher, um die Familie seines Sohnes, des Privatdozenten Herrn Dr. Leo Graetz, zu besuchen. Doch sollte die Freude ihm nicht mehr lange beschieden sein, denn in der Nacht vom Sonntag auf Montag verschied der greise Gelehrte. Wie sein ßebeu überhaupt nur dem Studium der Erforschung aller Gebiete der jüdischen Wissenschaft galt, so arbeitete er auch während seines hiesigen Aufenthalts, obwohl er schon etwas leidend aus Karlsbad kam, an dem letzten Werk, der Herausgabe der Bibel mit allen Varianten, unb sein Wunsch war es, wie er sich äußerte, dieses Werk noch vollenden zu können. Es war ihm nicht vergönnt! Heute morgen wurde seine Leiche nach dem Central-Bahnhof gebrächt, um nach Breslau zur Ruhestätte überführt zu werden. Um dem theuren Entschlafenen die letzte Ehre zu erweisen, erschienen am Bahnhof die Beamten und Vorsteher der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde: Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Perles, einer der ersten Schüler des Verstorbenen am Breslauer Seminar, Herr Oberkantor Kirschner, die Vorsteher, Herr Dr. Merzbacher, Rabbinatskandidat Dr. Levi. Der Kaisertage wegen nahm man öoit einer größeren Trauerfeier, wie sie trotz der Kürze der Zeit beabsichtigt war, Abstand. * Fürth, 10. September. Laut Mittheilung des kgl. Amtsgerichts hat der am 10. v. Mts. verstorbene Kaufmann Bernhard Bamberg er letztwillig 20,000 Mk. zu einer besonderen örtlichen Wohlthätigkeitsstiftung bestimmt, welche den Namen Bernhard und Emilie Bamberger Stiftung tragen und dessen Reuten wie folgt Verwendung finden sollen: Vs. zu allgemeinen Wohlthätigkeitszwecken, wie Suppenkarten. Jugenderziehung rc., Vs zur Unterstützung bedürftiger Handwerksmeister und V« zur Unterstützung armer Wittwen ohne Unterschied der Konfession. Die Stiftung ist von der Stadt aeceptirt worden und soll die landesherrliche Bestätigung erholt werden. Der Verstorbene hat ferner .noch folgende Legate ausgesetzt: je 250 Mk. dem städtischen Hospital, dem Jugendhort, dem israelitischen Holzvertheilungsverein und dem israelitischen Krankeninstitut, 600 Mk. dem israelitischen Hospital und 1000 Mark der israelitischen Waisenanstalt. ) Leipzig, 15. September. Unsere Antisemiten treiben es von Tag zu Tag toller. Die Wuth, die sich in ihren Blättern kundgiebt, läßt fast auf einen schlechten Stand der antisemitischen Aktien schließen. Als eme Probe davon, wie sich Verbissenheit mit Thorheit paart, führe ich Ihnen heut einige Sähe aus einem „Eingesandt" an, dem der „Leipziger Tagesanzeiger" in seiner Nummer vom 5. September Aufnahme gewährt hat. Der anonyme Patriot, ein „Kandidat R. D.", macht seinem gepreßten Herzen in folgender Weise Luft: „Was geht denn die Juden unser Sedaufest an? Können wir denn nicht einmal bei unseren patriotischen Festen unter uns sein? In der Eentralhalle beim Kommers saßen die Herren Semiten dicke, sogar der feiste jüdische Wirth des berüchtigten Cafö T. war erschienen, - um etwas in Patriotismus zu machen. Im Festzug war Israel stark vertreten, einer trug sogar eine Fahne., Auf der > Festwiese hatten unsere Lait eine große Tafel inne im abgegrenzten Raum des Festausschusses. Im nächsten Jahr darf so etwas nicht wieder Vorkommen." Daß der Herr „Kandidat", ivelcher am Schlachttage von Sedan wahrscheinlich nod) in der Wiege geschaukelt wurde, sich solchen Tones gegen Leute erfrecht, welche aus beit Schlachtfeldern an jenem Tage ihr Leben für Deutschlands Einheit einsetzten, ist nicht zu verwundern, dafür ist er eben Antisemit. Daß aber ein öffentliches Blatt für solche Schamlosigkeit kein Gefühl hat und sich zum Herold derselben macht, ist ein trauriges Zeichen der Zeit. Oesterreich-Ungarn. 2L Budapest, 13. September. In Nr. 36 Ihres geschätzten glattes wurden die konservativen Juden Ungarns wegen ihrer Opposition gegen die Sonntagsruhe getadelt. Ich erlaube mir zu bemerken, daß das ungarische Judenthum nicht — wie in Preußen — zu den „geduldeten" Religionsgeuossenschaften gehört, sondern sich der vollen Gleich- 'berechtig nng als Konfessio n erfreut. Da es den orthodoxen Juden lunmöglich ist. zwei Tage in der Woche zu feiern, so steht es ihnen frei, darum zu bitten, daß man ihnen gestalte, an demjenigen Tag die Sabbathruhe zu halten, den ihre Religion ihnen als Feiertag eingesetzt. Das ist nichts weniger als Politik treiben. Juden gehören der liberalen, oppositionellen (48er) und auch konservativen Partei des Parlaments an. * Triest, 11. September. Es wurde vielfach bemerkt, daß die jüdischen Händler aus Galizien, Ungarn und Russisch-Polen, welche im August eines jeden Jahres in bedeutender Anzahl nach Triest kamen, um die für die Feier des Laubhüttenfestes in jenen Gegenden zahlreich benöthigten Cedernfrüchte (Esrogim) zu kaufen, Heuer bis auf wenige Ausnahmen ausgeblieben sind. Man sieht hier nur eine geringe Anzahl jener charakteristischen Gestalten im Kaftan und mit Seitenlöckchen, und selbst in ihrem Lieblingslokale, dem Cafe „zur alten Börse", will sich keine lebhafte „Esrogim"-Börse entwickeln, so-daß die hiesigen und die ' zahlreich erschienenen griechischen und albanesischen Cedernverkäufer äußerst unzufrieden gewesensind. Als Grund dieses Fernbleibens wird der Umstand geltend gemacht, daß die Händler mit der Qualität der vorjährigen Früchte äußerst unzufrieden gewesen sind und sich deshalb heuer .nach Genua gewandt hätten. Einige Stimmen machen die Judenhetzen in Corfu dafür verantwortlichdie jüdischen Händler hatten es vor- ' gezogen, mit den Corfioten, welche das Hauptkontingent zu den Cedernverkäufern stellen, nicht in Handelsverbindung zu treten. Der hiesige „Piccolo" schätzt den dem Triester Platze durch diese Abstinenz der „Esrogim"-Käufer erwachsenden Schaden auf einige hunderttausend Gulden. Frankreich. £ Paris, 9. September. Die gewohnte Rücksichtnahme, welche die französischen Behörden unterschiedslos all en Konfessionen angedeihen . lassen zeigt sich auch in dem nachfolgenden Erlaß des Kriegsministers Freycinet: „Der Konseilpräsident und Minister des Krieges an die Herren Militärgouverneure von Paris und Lyon, die kommandirenden Generäle der Armeekorps und den kommandirenden General der Besatznngsbrigade von Tunis. Mein lieber General, die Herbstfeiertage des israelitischen Kultus werden in diesem Jahre stattfinden 1. vom 2. Oktober früh bis 5. Oktober früh; 2. vom 11. Oktober früh bis 13. Oktober früh. Ich bitte Sie, bei dieser Gelegenheit dafür Sorge zu tragen, daß in Bezug auf die Soldaten, welche der jüdischen Religion angehören, die Vorschriften meines Cirkulars vom 10. Dezember 1888 zur Ausführung konimen, welches sich auf den Urlaub an Feiertagen bezieht." In gleicher Weise hat auch der Marineminister verfügt, daß den jüdischen Soldaten an den hohen Feiertagen der Urlaub gewährt werde. Großbritannien. * London, 11. September. Die hiesigen Blätter veröffentlichen die Statuten der „Jewish Colonisation Association" zur Ausführung der Absichten des Baron Hi r s ch in Betreff der Auswanderung der Juden. Die Gesellschaft hat ein Kapital von 2 Millionen Lstr. (40 Millionen Mark), welches in 20,000 Antheile n 100 Lstr. getheilt ist. von denen Varon Hirsch 19,990 Lstr. und Lord Rothschild, Julian Goldsmid, Ernest Joseph Cassel, F. D. Mocatta, S. H. Goldschmidt, Salomon Reinach und Louis Cohen je einen Antheil übernommen haben. Der Sitz der Gesellschaft ist England. Als Zweck derselben wird bezeichnet: Die Auswanderung von Juden aus irgend einem Theile Europas oder Asiens zu unterstützen und zu befördern, hauptsächlich aber aus Ländern, in welchen sie zur Zeit besonderen Stenern oder politischen und anderen Beschränkungen unterworfen sind, nach irgend einem anderen Theile der Welt; Kolonien zu gründen in verschiedenen Theilen von Nord- und Süd-Amerika und anderen Ländern für ackerbauliche, kommerzielle und andere Zwecke; von Regierungen, Staaten, Gemeinden, Korporationen und Personen Land oder sonstiges Eigenthum oder Rechte