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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-18 · Heft 38 (18.9.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 38 (18.9.1891)
Date
1891-09-18
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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über Ländereien zu erwerben und alle diese zum Zwecke der Kolonisation zu verwerthen; ackerbanliche, kommerzielle und andere Niederlassungen in den so erworbenen Territorien, außer in Europa, zu gründen und zu entwickeln; Wege, Eisenbahnen, Brucken, Häfen, Telegraphen, Synagogen, Bäder u. s. w. zu bauen oder deren Bail zu unterstützen; alle Arten Maaren zu kaufen, zn verkaufen, zu exportiren und Geschäfte jeder Art zu machen, welche der Auswanderung oder Kolonisation dienlich sein können; in verschiedenen Theilen Europas, Asiens und anderer Theile der Welt Auswanderungs-Agenturen zu errichten, Dampfschiffe und andere Fahrzeuge zu bauen, zu chartern und auszurüsten, um Kolonisten zu befördern. Landbewilligungen für Minenzwecke und andere Rechte den Kolonisten zu verschaffen, je nach den von der Gesellschaft von Zeit zu Zeit vorgeschriebenen Bedingungen, und die Kolonisten zu unterstützen, indem man ihnen Werkzeuge Material, Vieh lind andere Dinge giebt, welche für ackerbauliche oder andere Operationen nrthig sind; das nicht unmittelbar nothwendige Geld der Gesellschaft in sicheren Staatspapieren Englands, Frankreichs, Belgiens, Hollands, Deutschlands, der Vereinigten Staaten von Amerika, einiger oder eines derselben anzulegeu. Die Einnahmen und das Eigenthnm der Gesellschaft sollen nur zur Förderung des allgegebenen Zweckes, kein Theil als Dividende oder Vortheil für die Mitglieder der Gesellschaft verwendet werden, doch dürfen Direktoren, Beamte oder Mitglieder der Gesellschaft für geleistete Dienste entschädigt werden. Wenn die Gesellschaft sich auflvst und Vermögen nachbleibt, soll dasselbe nicht unter die Mitglieder der Gesellschaft vertheilt, sondern auf eine andere jüdische Institution übertragen werden, welche ähnliche Zwecke verfolgt. Mindestens einmal im Jahr sollen die Rechnungen der Gesellschaft revidirt werden. Während der ersten fünf Jahre nach Bildung der Gesellschaft darf die Mehrheit der Aktionäre die Bestimmungen des Statuts ändern und neike hinzufügen, nach Ablauf dieser Zeit aber nicht mehr, außer wenn auf der letzten allgemeinen Mitgliederversammlung vor Ablauf dieser Zeit die Inhaber von nicht weniger drei Viertel der Aktien anders beschließen oder schriftlich ihre Zustimmung geben. — B a r o n H i r s ch selbst hat zur Förderung der Sache den folgenden Aufruf in deutscher und russischer Sprache erlassen: An meine Glaubensbrüder in Rußland. Ihr wißt, daß ich mich damit beschäftige, Euer Loos zu verbessern. Das legt mir die Pflicht auf, 31t Euch offen zu sprechen, um Euch zu sagen, was zu erfahren für Euch nothwendig ist. Ich kenne die Gründe, welche viele unter Euch zur Auswanderung veranlassen, mtb ich will gerne Alles thnn, was in meinen Kräften steht, um Euch in Eurer Bedrangniß beizustehen. Allein Ihr müßt mir dies ermöglichen. Eure Auswanderung darf nicht einer überstürzten regellosen Flucht gleichen, bei der man, um einer Gefahr zu entgehen, sich ins Verderben stürzt. Ihr wißt, daß demnächst in Rußland regelmäßige Komitees unter Genehmigung und unter Aufsicht der Kaiserlich Russischen Negierung eingesetzt werden. Diese Komitees haben die Aufgabe, die Emigration in geschäftsmäßiger Weise zu organisiren. Alle Auswanderungslustigen haben sich an die Lokal-Komitees zu wenden, welche ausschließlich berechtigt sein werden, Euch die nöthigen Aufschlüsse zu liefern. Nur diejenigen Personen, welche von den Komitees zur Auswanderung bestimmt werden, können die Vortheile meiner Hilfsaktion und Jener, welche sich mir anschließen, genießen. Jeder aber, der das Land ohne Mitwirkung des Komitees verlassen sollte, wird dies auf seine eigene Gefahr thnn und hat auf keine Unterstützung voll unsere^ Seite zu rechnen. Selbstverständlich kann zum Beginn die Zahl der Auswanderllden keine große sein, denn es handelt sich nicht blos darum/ für die Ersten, welche fortgehen, Zufluchtsstätten zu finden, es handelt sich auch darum, für Diejenigen, welche Nachkommen, die nothwendigen Vorbereitmlgen für die Ansiedelung zu treffen. Später kann die Emigration eine größere Allsdehnilng gewinnen. Bedenket, daß ich nichts für Euch leisten kanll, ohne die wohlwollende und gnädige Unterstützung der Kaiserlich Russischen Regierung. Zürn Schluß rufe ich Euch zu: Ihr seid die Erben Eurer Väter, die seit Jahrhunderten so viel geduldet haben. Traget diese Erbschaft noch eine Weile mit der gleichen Ergebung! Habet also weiter Geduld und lasset denjenigen, die Euch helfen wollen, die Möglichkeit, dies zu thnn! Ich richte an Euch diese Worte der. Mahnung unb der Ermunterung [ in meinem eigenen Namen und im Namen von Tausenden Eurer > Glanbensbrüder. Nehmt sie auf in Euer Herz und in Euren Ver-! stand! Der gütige Gott möge Euch helfen und mir, sowie beu Vielen, welche mit so großer Aufopferung milwirken, seinen Beistand verleihen,; daß Euch geholfen werde! Paris, September 1891. M. v. Hirsch.' Rußland. * Moskau, 8. September. Die hiesige Kaufmannschaft hat einen Schritt zu Gunsten der mißhandelten Juden gethan und in einer dem Gouverneur überreichten Bittschrift darauf hingewiesen, daß die Inden als Vermittler zwischen der russischen Industrie und dem Westen Europas mit vielem Erfolg thätig waren. Die Initiative der Moskauer Bürgerschaft dürfte jedoch erfolglos bleiben, da die „Nowoje Wremja", das Leiborgan Pobjedonoszeffs und Jgnatieffs, die Motivirung der Bittschrift als unrichtig hinstellt und behauptet, die russischen Juden hätterl nur mit den Produkten des Westens, namentlich Deutschlands, Rußland überschwemmt. U Von Nah und Fern. --- Zum Besten der Religionsschule der Lippmann-Tanß- Synagoge hat am Montag den 14. September ein Wohlthätigkeits- Konzert unter Mitwirkung geschätzter Kräfte in Dräsels Festsälen stattgesunden. — Am 9. d. Mts. ist die Gattin des früheren Predigers der Reformgemeinde. Frau Dr. Sophie Ritter, im 2llter von 61 Jahren gestorben. — Am 16. Oktober soll in der Anklagesache gegen den Redakteur der „Kreiszeitung", Herrn von Hamm er sie in, und den Redakteur des „Volk", Herrn Balla, vor der ersten Strafkammer ein Termin stattfinden. Es handelt sich um den in der Ählwardtschen Broschüre behaupteten angeblichen „Falscheid eines jüdischen Landrichters". — Herr Dr. Josephsohn, ein Hörer des Breslauer Seminars, ist zum Rabbiner in Lauenburg erwählt worden und hat feige Stelle bereits angelreten. — Der Liqueurfabrikant Isidor Oppenheim ans Benisch (Oesterreich-Schlesien), welcher seit dem 3. September vermißt wur.de, ist im Siltendorfer Walde ermordet aufgefunden worden. Die Mörder sind anscheinend Arbeiter, welche eine Eisenbahn durch den Wald bauen..— Einer der Hauptschreier im Leipziger Antisemitenlager ist von der Nemesis ereilt worden. Vop der Strafkammer des Leipziger Landgerichts wurde der Sch nei derm ei st er Maximilian Schmidt wegen Untreue in ideeller Konkurrenz mit Unterschlagung in drei Fällen zu sieben Monaten Gefängniß verurtheilt. — Der jüngste Sohn des Chacham Bernahs von Hamburg, Herr Louis Bernays in Leipzig, ist jüngst verschieden. Der Verstorbene, von Berns Kaufmann, zeichnete sich durch seine gründliche Kenntniß des Hebräischen und des Talmud, sowie durch feine Wohlthütigkeit aus. — In Heidelberg ist Professor Moos zury Honorar-Professor in der medizinischen Fakultät ernannt worden. Tie Beförderung ist im Hinblick auf das Lehrfach, das Dr. Moos vertritt, beachtenswerth. Dr. Moos ist Dozent für Ohrenheilkunde/ ein Fach der Medizin, das zumeist im akademischen Lehrbetriebe etwas hintangesetzt wird. — In Stein an der Donau wurde Herr Josef Weißmann zum Bürgermeister gewählt. — Aus St. Petersburg ist jüngst ein jüdischer Buchhalter ausgewiesen worden, der die Schlacht bei Plenum als Soldat mitgekämpft und das Ehrenzeichen erhalten hatte. Vor seiner Ausweisung mußte er einen Revers auf Ehrenwort unterschreiben, daß er im Falle eines Krieges sich wieder zur Armee stellen werde. Unglaublich aber durchaus wahr! — In W 0 l 0 czysk (Galizien) trafen am 10. d. M. vierzig jüdische Auswanderer aus Rußland ein. Die österreichischen Grenzbehördeu verweigerten ihnen den Uebertrilt nach Oesterreich, während die russischen Gendarmen die Rückkehr der Auswanderer nicht gestatten wollten. Schließlich gaben die russischen Gendarmen uachj drohten aber, die Auswanderer mit dem nächsten Eisenbahnzuge nach Oesterreich zu befördern. — In Lissabon verfügte der Unterrichtsminister die Verhaftung der Schwester Collarta, Nonne im Kloster Trinitarias, welche beschuldigt wird, die vierzehnjährige Sarah Mattos, deren plötzlicher Tod vor einigen Tagen großes Aufsehen erregte, nach deren Vergewaltigung vergiftet zu haben. — Am Sonntag den 19. Juli wurde in Henderson (Kentucky) der Grundstein zu der ersten Synagoge der am 31. Mai 1887 gegründeten Gemeinde „Adas Israel" unter entsprechenden Feierlichkeiten gelegt. Der Baggrnnd ist ein Geschenk der Gebrüder Moritz und Henry Baldauf. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bäuchwitz in Berlin. '

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