Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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4 55 Mann, daß er diese mit zu seiner Familie rechnet, so ist er ihnen unrettbar verfallen. Kaum kann er noch einen Schritt thun, ohne daß etliche Verwandte ihn mitthun. Nur in unangenehmen oder unglücklichen Momenten seines Lebens Pflegen die Verwandten anderweitig engagirt zu sein, oder sich mit einigen bedauernden Worten loszukausen. Er fühlt die Last der Verwandtschaft besonders schwer, wenn er zum Vergnügen oder in Geschäften aus einen oder ein paar Tage eine größere Stadt besuchen muß, in der er Verwandte hat. Er muß ihnen eine Visite machen, obschon ihm die Zeit dazu fehlt. Sie können sich aber nicht denken, daß die Zeit, Verwandte zu besuchen, fehlen kann, während die Zeit zu Vergnügungen und Geschäften reichlich vorhanden ist. Sie sind darüber außer sich, und wer das fürchtet, unterläßt die Reise, wissend, daß ein Inkognito ganz unmöglich ist. Der rücksichtslose Verwandte hat eine erstaunlich feine Nase, er stellt den heimlichen Aufenthalt unzweifelhaft fest und freut sich ungemein, wieder einmal verletzt sein zu können. Sehr zu bemitleiden ist der Verwandtensklave, der sich in irgend einem Cafe oder Restaurant mit Freunden niedergelassen hat. Bald erscheint der Verwandte und schließt sich dem Kreise an, unbekümmert darum, daß er vielleicht nicht in denselben oder in das Gespräch hineinpaßt und Kreis und Gespräch stört. Er hat keine Ahnung davon, wie unwillkommen und lästig er ist, aber er macht ein sehr freundliches Gesicht und ist überzeugt, daß die Freunde des Verwandtensklaven sich freuen, noch ein Mitglied der Familie kennen zu lernen. Träte ein Freund an den Tisch, so reichte ein Blick oder Wort des Verwandtensklaven hin, ihn zum Rückzug zu nöthigen, aber dem Verwandten gegenüber reichen seine Mimik und Beredtsamkeit nicht aus: vor einem Verwandten kann man doch kein Geheimniß haben, und die Freunde des einen Verwandten sind ja die geborenen Freunde des andern. Darüber ist gar nicht zu streiten. Ich will zum Benefiz aller Verheiratheten zugeben, daß das Loos des Hagestolzen und der alten Jungfer höchst beklagenswerth sei, daß dieselben eine Unsumme von Freude und Glück einbüßen. Aber indem diese Bedauernswerthen auch der Nothwendigkeit ausweichen, eine Schaar von Verwandten anzuheirathen, dürfen sie ihr Schicksal dann und wann für weniger unerträglich halten. Einige Verwandte hat ja am Ende Jeder und Jede, und an diesen vermögen sie wohl schon zur Genüge ermessen, was sie besäßen, wenn sie noch mehrere hätten. Zum Schluß möchte ich hier nur noch kurz darauf Hinweisen, daß das, was wir Mischpoche nennen, noch um einige Grade schlimmer ist, als die Verwandtschaft. Mischpoche ist eine Spielart der Verwandtschaft, die speziell den Juden plagt, ihn ausbeutct und mit Ansprüchen verfolgt. Es giebt keinen Juden, der nicht mehr oder weniger unter seiner Mischpoche leidet. Er kann sich ihr nicht entziehen, er sei reich oder arm, er lebe sorgenlos oder kämpfe um das tägliche Brod. Die Mischpoche liegt auf seiner Tasche, wenn er wohlhabend ist, oder theilt, wenn er arm ist, den letzten Bissen Brod mit ihm, d. h. er zwingt ihn, ihm einen Theil von besagtem kargen Lebensmittel zu überlassen. Das, was wir Mischpoche nennen, die anspruchsvolle, nicht abzuschüttelnde Verwandtschaft des Juden, ist ein altes Erbübel desselben, stammend aus einer trüben Zeit, wo der nicht mit Glücksgütern gesegnete Jude in seiner Hilflosigkeit auf seine Verwandten angewiesen war, weil er bei Andersgläubigen keine Unterstützung zu finden vermochte. Der Jude, zu dessen schönen Eigenschaften immer die Freude am Unterstützen gehört hat, half immer gern, und so ward er denn auch niemals diejenigen los, die wir als Mischpoche bezeichnen, selbst als die Zeiten besser wurden und Jedem die Möglichkeit brachten, sich ohne die Hilfe reicherer Verwandten zu ernähren. Die Mischpoche, etwas höchst Konservatives, blieb, was und wie sie gewesen war. In dem Ausspruch eines geistvollen Wiener Kollegen drückt sich noch klarer das aus, was wir Mischpoche nennen, klarer, als dies eine lange Auseinandersetzung vermag. Er hatte nach langem Warten und Benrühen endlich in einer großen Redaktion eins Stellung gefunden, die ihm ein Jahreshonorar von tausend Gulden brachte. Bald traf ihn ein Freund, der ihn fragte, wie es ihm ginge. „Ich danke, mäßig." — „Mäßig? Sie haben ja jetzt eine gute Stellung." — „Nun," antwortete unser Kollege, „ich habe zwar tausend Gulden Gehalt, aber für fünfzehnhundert Gulden Mischpoche." 9 Asylrecht. Von Paul Heyse.') In eine Stadt des alten Griechenlands Kam ein verfehmter Mann mit Weib und Kind, Um schwere Blutschuld als ein Götterfeind Verjagt von Haus und Herd. Er siedelte Sich schüchtern an und sorgte Tag und Nacht, Dem Hunger wehrend mit geduldigem Fleiß. Und da die Noth erfindirisch macht, gedieh Ihm sein Gewerb'. Das sah'n die Mächtigen Der Stadt voll Neid und Haß und sprachen so: Liegt nicht die Blutschuld über seinem Haupt Noch ungesühnt? Wenn nun der Götter Zorn Auf uns herabfährt, büßen wir für ihn. Und doch — ein Gastrecht ward ihm eingeräumt, Wer es verletzt, den straft Zeus Xenios. ' So sandten sie nach Delphi Botschaft hin, Zu forschen aus Orakelmund, wie sie Mit ihm verfahren sollten. Da erscholl An des Gesandten Ohr'der Pythia Spruch: Nimm alle Nester junger Vögel aus, Die droben hangen rings am Tempelsims! — Und Jener, ob erschreckt und zögernd auch, 'Gehorcht' und thai's. Da, wie er noch am Werk, Erklang aus heit'rer Luft ein Donnerschlag, Und unterirdisch dröhnt ein Echo nach. Tag ward in Nacht verkehrt, als bräch' herein Von Erd' und Himmel her der Weltensturz. Entsetzt zur heil'gen Pythia flüchtete Der Mann und klagte: War's nicht dein Gebot, Was nun der Ueber-, Unterird'schen Grimm Zumal empört? Nun schütze mich! Alsbald Kam Antwort ihm aus gottgeweihtem Mund: Dir zum Verderben that ich meinen Spruch! Wer fragen kann, wie deine Stadt gefragt, Der sei verflucht und ist nicht fürder werth, Das Licht zu schau'n! So sprach ein Heidenmund Vor zwei Jahrtausenden. Und ihr, die ihr Euch rühmt der reinern tiefern Gottesfurcht. Wie redet ihr?- München, 4. Juli 1891. (Nach Herodot.) i) Aus einer demnächst erscheinenden Sammlung von Urtheilen zeitgenössischer Dichter über Judenthum und Antisemitismus, die der verdienstvolle Schriftsteller Josef Schratten- Holz in Düsseldorf herausgiebt. Nachdruck auf Wunsch des-Herausgebers verboten! D. Red.