Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227916--48247-3270757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
. .._ r,.^^,-.^MW^WMI4MWWWMMWWW 454 Alles Anspruch, was nur die Freundschaft verlangen könnte und: was diese natürlich nicht verlangt, weil sie eben Freundschaft und; nicht Verwandtschaft ist. Es giebt einen Familiensinn, namentlich bei Juden, der etwas ungemein Rührendes hat. Er beschränkt sich nicht auf die Angehörigen, die- Eltern, die Geschwister, die Gattin und die Kinder, er umfaßt auch die Familie bis ins dritte und vierte Glied, er kann keine Freude genießen, ohne Alle, die zur Verwandtschaft gehören, mitgenießen zu lassen. Ein solcher Familiensinn wird bald mißbraucht. Die Verwandten schätzen, sie nicht als eine seltene, schöne Tugend, sondern als eine Pflichterfüllung, für die man sich nicht zu bedanken braucht, als etwas. durchaus Selbstverständliches, und allmählich bilden sich die Verwandten ein, daß ihre Existenz für den, der mit dem Familiensinn behaftet ist, ein großes Glück sei, und daß diesem Mann doch ungemein viel fehlen würde, wenn sie nicht da wären. Es kommt ihnen auch dann und wann vor, als unterschätze er das zuweilen, indem er sich nicht genug Mühe gebe, ihnen seine Dankbarkeit zu beweisen. Dieser Egoist! Manchmal sieht er einige Freunde bei sich, ohne die Verwandten einzuladen, oder er unternimmt mit seiner Familie etwas, ohne die Verwandten wenigstens zu fragen, ob sie theilnehmen wollen oder nicht, oder ihnen genau zu sagen, aus welchem Grunde dies unterlassen wird. Das, behaupten sie einstimmig, sei doch wahrhaftig nicht verwandtschaftlich gehandelt, und sie schmollen, sie sind „böse", sie wollen versöhnt werden. Dem verbrecherischen Ehepaar wird dies bei der nächsten Gelegenheit deutlich gezeigt. „Es liegt mir doch gewiß nichts daran," sagt eine Dame der Verwandtschaft, während das Gegentheil aus ihren Augen spricht, „gar nichts liegt mir daran, eingeladen zu werden, das wißt Ihr. Bei mir handelt es sich nur um das, was die Welt sagt, wenn sie hört, daß Ihr mit Euren Verwandten so schlecht steht. Was ist denn zwischen Euch vorgefallen? fragten mich wenigstens hundert Leute. Nichts, antwortete ich natürlich, und es ist ja auch in der That nichts vorgefallen, wenigstens nicht, daß ich wüßte, aber bei solchen Gelegenheiten muß ich mich doch fragen: Wie würden Deine lieben Verwandten erst gegen Dich sein, wenn mal wirklich irgend etwas zwischen uns vorgefallen wäre? Dann gäbe es sicher Mord und Todtschlag ich möchte es nicht erleben!" Und in den Augen der Rednerin wirft eine nahende Thräne ihren ersten zartgewebten Schleier voraus. Das angeklagte Ehepaar sucht sich um des lieben Friedens willen zu vertheidigen. Es stellt Alles der Wahrheit gemäß als durchaus harmlos, zufällig und unverdient ernst behandelt dar. Einige alte Freunde hatten sich anmelden lassen, die den Verwandten ganz fremd seien, und welche sie durchaus nicht interessirten, und eine größere Gesellschaft zu geben, lag absolut keine Veranlassung vor. Es gab auch, das müsse betont werden, kein warmes Abendbrod, man hatte bei kalten: Aufschnitt und einem Glas Wein in alten Erinnerungen geschwelgt, und das sei ja auch sehr nett, und die Hausfrau sei ganz froh gewesen, daß die Freunde ausdrücklich gewünscht hätten, im vertrautesten Kreise zu sein und keine große Gesellschaft zu finden. Man könne ja auch nicht immer den ganzen Kreis einladen, das sei doch unmöglich und kostspielig und mühevoll. Aber die Vertheidigung hat keinen großen Erfolg, wenigstens bewirkt sie keine Freisprechung. Die Verwandte weist zwar nachdrücklich darauf hin, daß sie bekanntlich auf Einladungen pfeife und solche auch immer so musikalisch behandelt habe, aber eine Verwandte könne doch unmöglich gemeint sein, wenn sogenannte alte Freunde auf eine größere Gesellschaft verzichten, denn wenn Verwandte nicht mehr zum vertrautesten Kreise gerechnet würden, dann höre doch Verschiedenes auf, und Rednerin sei neugierig, was diese alten Freunde gedacht hätten, als sie nicht einen Verwandten beim kalten Aufschnitt fanden. MS ’ ob die Verwandten nur beim warmen Abendbrod genießbar wären! Und das müsse sie noch sagen, früher sei doch Alles anders und viel hübscher gewesen, vor der Hochzeit der Beiden, als er und seine Frau Bräutigam und Braut waren, ach, da waren die Verwandten Alles, erst kamen die Verwandten, und dann kamen sie noch mal, und dann kam eine Weile nichts, und dann erst kamen die alten Freunde. Das ist die Ouvertüre zu einer Trennung, welche sehr angenehm wäre, wenn ihr nicht durch die Gutmüthigkeit und Schwäche des von dem erwähnten Familiensinn besessenen Paares ein Ende gemacht würde. Hierbei wirkt auch die überaus lächerliche Furcht vor dem mit, was die Menschen sagen werden, wenn sie hören, daß man mit seiner Verwandtschaft in Feindschaft lebe. Die lieben Verwandten lasten sich denn auch nach einiger Mühe wieder versöhnen. Es sind eben Gemüthsmenschen. Der nächste Geburtstag eines oder einer derselben, — und in der Verwandtschaft sind immerfort Geburtstage, — oder irgend ein anderes Fest vereinigt Alle aufs Neue, und nun kann es oft eine geraume Zeit, manchmal sogar acht Tage lang, dauern, bis wieder ein Mitglied der Verwandtschaft oder mehrere zugleich auf das Tiefste verletzt worden sind. Ungemein häufig tritt der Verwandte auf, der von der Verwandtschaft lebt. Sie ist sein Geschäft, seine Rente, sein Unterhalt Auf Grund der Zufälligkeit seiner verwandtschaftlichen Stellung zu irgend einem wohlhabenden oder sich ziemlich gut ernährenden Manne besteuert er diesen mit erschreckender Pünktlichkeit. Unterstützt von der Sentimentalität oder der Ueberzeugung dieses Mannes, einem Verwandten nichts abschlagen zu dürfen, bürdet er diesem die Sorge um seine, des leichtsinnigen oder bedrängten Verwandten, Existenz auf. Ohne sich sonst viel um ihn zu kümmern, geht er regelmäßig zu ihm, um ihm das Messer zu zeigen, das ihm an der Kehle sitzt, und ihn zu nöthigen, das Messer möglichst rasch zu entfernen. Denn wozu hätte man einen reichen Verwandten, wenn derselbe nicht in der Noth, sondern lediglich in Folge einer Einladung zu Tisch zu finden wäre? Eine Legion von Unschuldigen ist schon von Vettern ruinirt worden. Von hundert Vettern haben mindestens sechzig immer Geld nöthig, und wenn ein Bedrängter, um Hilfe zu finden, Kredit braucht und sich Vertrauen erworben haben muß,, so hat er weder Kredit, noch Vertrauen nöthig, wenn er einen Verwandten hat. Er redet sich steif und fest ein, daß er einem Verwandten unmöglich Vorbeigehen könne, wenn er Geld braucht, jedenfalls habe der Verwandte die Vorhand, dem es ja gewiß höchst unangenehm wäre, wenn die Menschen hörten, daß einer seiner Verwandten sich von Freniden habe unterstützen, helfen, retten lassen müssen. Das Tragikomische der Verwandtschaft liegt oarin, daß ein solcher Vetter, oder wie er sonst sich betiteln mag, überzeugt ist, er mache sich eines Vergehens schuldig, wenn er sich nicht hauptsächlich und zuerst an die Herzen und Taschen seiner Verwandten wende, oder gar zuvörderst Alles thue, um sich selbst zu helfen. - Er benutzt die Verwandtschaft, wozu sie gut ist, vor Allem zu unangenehmen, peinlichen und kostspieligen Dingen, mit denen man keinem Fremden kommen kann. Der Mensch überschätzt nichts so sehr, wie den Werth der Verwandtschaft, und das liegt daran, daß er sie mit der Familie verwechselt und nun fürchtet, sie durch irgend etwas zu verletzen. Wenn Goethe die Frauen das zarte, leicht verletzliche Geschlecht nennt, so verdienen die Verwandten wenigstens zur Hälfte so genannt zu werden, beim wenn sie auch nur, selten zart sind, leichtverletzlich sind sie immer. Zeigt nun ein reichlich mit Verwandtschaft versorgter