Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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453 Er war tief bewegt. Nicht nur, daß er den leidenden Freund aufrichtig bedauerte, vergegenwärtigte ihm seine Phantasie das Geschehniß, den Anprall der Wagen, den Schreckensschrei der unglücklichen Passagiere, das Röcheln des Sterbenden, das Blut — er sah sich und sein schönes junges Weib unter den Verstümmelten und Zerschmettertest — überwältigt sank er auf einen Stuhl und schloß die Augen; er wurde so schwach und matt, daß der Arzt des Freundes ihm befahl, nach Hause zu gehen und der Ruhe zu pflegen. Niemals, selbst zu Zeiten seiner süßesten Jugendeseljahrc nicht, war Hermanns Daniel ein Gefühlsmensch gewesen. Die Vernunft, die kühle, reine Vernunft hatte stets all' sein Denken und Handeln beherrscht. Eben diese Vernunft, welche ihm das Unglück aus einer Kette von Zufälligkeiten herleitete, und fein Fernbleiben von der Katastrophe als einen weiteren Zufall bewies, diese ruhige, erhabene Herrscherin seiner Gedanken, sie wurde jetzt ganz leise von einein winzigen Stimmlein angeklagt, und dieses sacht tastende, zweifelnde Stimmlein, es wuchs und schwoll und breitete sich mit Riesenstärke, es überschrie die nüchternen Demonstrationen St. Ratio's mit sturmbrausender Allgewalt: „Der fromme Glaube deines Weibes hat dich gerettet." Es dauerte lange, ehe er seiner Bewegung Herr werden konnte, und mit einer wunderlichen Mischung von echter Rührung und sich selbst ironisirendenr Spott erzählte er seiner Frau das Ereigniß. Sie stand neben ihm, in athemloser Spannung, mit gefalteten Händen. „Bist Du nun zufrieden?" fragte er neckend; er hatte sich auf ein kleines Tabouret fast zu ihren Füßen niedergelasten und sah lächelnd in ihr schönes Gesicht, auf dem Thrünen und Freude kämpften, „was willst Du noch mehr? Den Segen Deiner Rechtgläubigkeit z» erweisen, stürzen Lokomotiven aus ihrer gewohnten Bahn, mein Kompagnon bricht die Hand und kann jetzt mit besserem Grund als je versichern, daß ich allein „seine Rechte" sei, die Gerechten aber triumphiren. Nun, so sage doch, was verlangst Du noch mehr, Prinzessin Sabbath?" Sie beugte sich zärtlich zu ihm herab, schlang ihren linken Arm um seinen Hals, und mit der Rechten gewandt nach der brennenden Cigarre greifend, schleuderte sie sie weit hinweg. Er wollte aufspringen, aber schnell mit einem allerliebsten Schelmenblick drohte sie lächelnd: „Liebster, Rauchen ist Verbote», Weil es heute Sabbath ist." U Verwandte. Von Julius Stettenheim. Eine der wunderbarsten Erscheinungen des Lebens unseres Urvaters Adam war die, daß er keinen Anhang hatte, der aus dem bestand, was wir Verwandtschaft nennen. Ich glaube, daß es hauptsächlich diesem Umstande zuzuschreiben ist, wenn wir uns unter dem Paradies einen himmlischen Aufenthalt, ein Lebensideal denken, das die Menschheit vergeblich wieder herbeisehnt. So lange Adam das Paradies bewohnte, hatte er keine Verwandte in dem furchtbaren Sinne, in welchem wir solche schaudernd meinen. Ich sage: wir. Pas will heißen, daß ich dies offen eingestehe, während die Leserin und der Leser dazu nicht den Muth haben, weil sie fürchten , die lieben Verwandten zu erzürnen, obgleich sie bei dem so harmlos klingenden Worte Verwandte ohne Zweifel leise oder laut geseufzt / große Mehrzahl hat vor den Verwandten eine unbeschreibliche Angst. Es überläuft sie eiskalt bei der Furcht, die Verwandten könnten .ihnen etwas übelnehmen, weil sie genau wissen, daß die Verwandten immer irgend etwas übelnehmen und fortwährend wegen irgend eines gegen sie begangenen Fehlers zu versöhnen sind. Adam hatte, so lange er der Paradiesbewohuer war, nur ein Weib und Kinder, die ihm ja, wie wir wissen, viel zu schaffen gemacht und allerlei Kummer bereitet haben. Er verlor durch sie sogar das Paradies, wodurch er gezwungen wurde, sich im Schweiße seines Angesichts sein Brod 311 verdienen, lind man könnte behaupten, daß er durch seine Familie in die Lage gerieth, als erster Arbeitnehmer der Welt dem Paradies den Rücken zu kehren. Aber Familie ist nicht Verwandtschaft, nicht die, von der ich rede. Mit Weib und Kind bilden wir die Familie, in deren Schoos; unsere Freuden blühen, und wir tragen daher mit mehr oder weniger Resignation auch die Sorgen und Leiden, welche das Familienleben bringt, wie sie uns unsere eigenen Sorgen und Leiden redlich tragen Hilst. Aber da, wo der Familienkreis aufhört, beginnt die Verwandtschaft, und wer schon unter deren Existenz gelitten hat, wird sie mit der wilden Bevölkerung vergleichen, welche an der Peripherie der Kultur wohnt, hier den Anspruch erhebt, zu dem Kreise der Kulturinenschen zu gehören, und immer darauf sinnt, diesen Kreis zu beunruhigen und mit Krieg zu überziehen. Man sieht, daß ich die Wilden etwas hart behandle, indem ich sie zu diesem Vergleich bei den Haaren herbeiziehe. Die Wilden könnten sich mit vollem Recht über diese Rücksichtslosigkeit beklagen Sie wissen, daß sie mit den tödtlichsten Waffen bekämpft werden und ihre Ruhestörungen mit ihrem Leben bezahlen müssen, wenn sie den civilisirten Menschen nicht mindestens drei Meilen vom Leibe bleiben, während die lieben Verwandten bei ihrem gewaltthütigcn Vorgehen gegen den Kreis der Familie obenein noch höchst subtil behandelt sein wollen und mit Sicherheit darauf rechnen, daß die Angegriffenen und Beunruhigten doppelt aufmerksam gegen sie sein und sich in allen möglichen Liebenswürdigkeiten erschöpfen werden. Jeder Familienkreis hat an seinen Grenzen einen Rudel Verwandter, naher und entfernter. Die entfernten Verwandten sind leider auch meist sehr nah. Es sind Menschen beiderlei Geschlechts, welche in irgend einer verzwickten Weise mit einem der beiden Gatten verwandt sind, oder plötzlich verwandtschaftliche Beziehungen zu denselben entdeckt haben. Es sind Brüder einer Schwägerin, Geschwisterkinder einer Tante, nothleidende Vettern, projektenträchtige Söhne eines verstorbenen Onkels, leicht verletzliche Töchter eines Bruders, des Schwiegervaters, Kinder einer Cousine aus erster Ehe, kurz, Verwandschaften im wenigstens vierten Grade, für welche die Sprache keine oder ziemlich burleske Bezeichnungen hat, wie z. B. Bauernschwager, die gleich oder bald nach vollzogener Trauung von allen auf- und absteigenden Seitenlinien auf ein halbwegs gut situirtes Ehepaar zuströmen. Sie Alle wollen mit großer Freundlichkeit behandelt sein, besonders aber dann, wenn sie auf diese gar keinen anderen Anspruch haben, als daß sie eben nichts weiter als verwandt sind. Die Verwandtschaft soll das Passepartout zum Eintritt in die Intimität des Familienkreises, zur Theilnahme an allen Veranstaltungen desselben und zugleich die Anweisung auf Rath und That der Verwandten bilden. Man kennt sich kaum, man findet kein Gefallen aneinander, man langweilt sich gegenseitig, aber man ist verwandt, und dadurch glaubt man berechtigt zu sein, ein Anrecht auf die sorgfältigste Berücksichtigung herleiten zu dürfen. Freundschaft will verdient, erworben, geprüft, bewährt sein, Verwandtschaft, nur weil sie zufällig vorhanden ist, erhebt aber au