Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227916--48245-3270755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
452 Judmthums, an bereit Kenntniß mehr als sonst an der Geschichte einer weltgeschichtlichen Erscheinung die Staaten und die Gesellschaft ein Interesse haben, ein nicht genug zu preisendes Geschenk hinterlassen hat, so bedeutet es für die Seinen mehr, einen Waffensaal, eine Zuflucht und Schutzwehr, Trost im Leiden, Kraft im Dulden, eine Pflanzstätte der Hoffnung, einen Jungbrunnen der Zuversicht. Denn wenn die Wahrheit nach einem Worte von Zunz mächtig genug ist, ohne Anmaßung über die Anmaßung und das Vorurtheil zu siegen, so ist es Vertheidigung genug, den wirklichen Gang der jüdischen Geschichte aüfzuzeigen, um das Zerrbild von Juden und Judenthum, an dem die Parzen des Rassenhaffes, der Unduldsamkeit und des Neides gewoben haben, zerstören zu helfen. So glich Graetz den Bauleuten, die unter Nehemia die heilige Stadt aufrichten durften, mit der einen Hand am Bau der Mauer beschäftigt, mit der anderen die Waffen führend zur Abwehr gegen feindlichen Ueberfall. Wer in diesem Bilde die, Schatten vermißt und Schwächen vernehmen wollte, der denke daran, daß sie zu diesem irdischen Leben gehören wie Blasen und Schlacken zum reifenden Guß. Aber wie das edle Metall rein in die Form eingeht, die der Künstler ihm bereitet hat, wenn der Guß reif geworden ist, so fließt das Charakterbild eines in heißem Bemühen um alles Große und Wahre hingebrachten Lebens, wenn der Tod den Zapfen ausstößt, in die lichten Formen der Unsterblichkeit. Wenn die zwölf Stämme Israels noch beständen, so wäre H. Graetz es werth gewesen, daß ihre Bertreter, ein jeder einen Band seiner Geschichte in Händen, heute seiner Bahre gefolgt wären. U FEUILLETON Prrryessin Sabbath. Novellette von C. Berg. (Schluß.) Mit einem Blick auf Rosa fuhr der Kompagnon, wieder zu Daniel gewendet, fort: „Perle und Blume aller Schönheit, ihro allerholdseligste Durchlaucht, deren hochfürstliche Reize uns der liebenstvürdigste Gassenjunge der Litteratur so anmuthig schildert: „Sittsam birgt die stille Fürstin In der Haube ihre Zöpfe Blickt so sanft wie die Gazelle Blüht so schlank wie eine Addas." „Sehn Sie doch, Daniel, ob Ihre Frau zu diesen Zeilen nicht Modell gestanden haben könnte..." Prinzessin Sabbath, der Name blieb ihr. Allwöchentlich wiederholten sich diese kleinen Scharmützel, und immer häufiger siegte ihr Einfluß theils durch die wunderbarsten, kleinen Schmeichelkünste, noch mehr aber durch die fast antike Stetigkeit ihrer Willenskraft. „Was wollen Sie," sagte er resignirt dem Kompagnon, der ihn aufzog, daß er Freitag Abend eine Stunde früher als sonst das Komptoir verließ; „Sie haben gut Atheist spielen, Sie sind unverheirathet. Aber der verheirathete Mensch denkt nicht mehr, entweder er erkennt an, oder er unterliegt. Obendrein wissen wir doch Keiner, wer Recht hat," fügte er entschuldigend hinzu. Einmal aber wurde er doch bitterböse. Es gab eine sehr heftige Szene, und die junge Frau mußte viel üble Dinge über ihren bigotten Eigensinn und ihre einseitige Denkungsweise anhören. Der Kompagnon feierte seinen Geburtstag. Zur Feier dieses glorreichen Datums hatte er eine sehr zahlreiche Gesellschaft, selbstverständlich auch Herrn und Frau Daniel zu einer Landpartie aufgefordert. Er besaß bei Potsdam eine allerliebste Villa, in aller Frühe sollte man hinausfahren, dort ein Dejeuner dinatoire entnehmen, dann die Schlösser rc. besichtigen, bei einer Tombola gewinnen, tanzen, gondeln mit und ohne Liebesweh, kurz, die Parole des Tages hieß: sich ungeheuer antüsiren. Daniel, der höchst ungern die Einladung, ausschlug, weil er nur zu gut die Empfindlichkeit seines langjährigen Kollegen kannte, Daniel sprach vergeblich mit den scharfsinnigsten Argumenten, von der Eisenbahn, die im großen deutschen Reiche im neunzehnten Jahrhundert unmöglich am Sabbath ihren Betrieb einstellen könne und doch so wie so von selber laufe, in seine Frau hinein, .Rosa weigerte sich der Einladung zu folgen; leise, ruhig, aber dieses nein war ein rocher de bronze, nicht zu erschüttern. Er erörterte ihr mit überwältigender Suade, daß ein Vergnügen keine Arbeit wäre, er verstieg sich bis zu einem Citat vom König David, der am Sabbath sogar hinter der Bundeslade getanzt und höchst eigenhändig dazu Instrumente gespielt habe. Es half ihm Alles nicht. „Morgen ist Sabbath, und ich fahre nicht;" dabei blieb sie. Unmöglich, ihren Sinn zu ändern. Er wurde heftig und ungerecht, schwur sehr hoch und sehr unheilig, daß er ohne sie fahren würde, daß er diese ihre kleinstädtische Frömmelei schon ansräuchern wolle. — Sie schwieg und weinte. „Unerhört!" schrie er wüthend. „Bedeutet das nicht den Gipfel der Bornirtheit. Ich will Ihr ein Vergnügen bereiten, und sie geberdet sich, als ob ich sie weiß Gott wie schlecht behandle. ..." „Mein Vater hat meine Mutter niemals behandelt," entgegnete sie sanft unter Thränen, „er hat sie immer nur lieb gehabt...." Ja, es ist nicht viel auszurichten gegen solche Frau. Das Ende vom Liede war, daß er sie um Verzeihung bat und sich obendrein heimlich Vorwürfe machte, daß ihr dieses „Zuviel" der Erregung geschadet haben könne. Doch Alles gut, man einigte sich, Herr Daniel würde allein fahren. Aber am andern Morgen war die junge Frau krank, ernsthaft krank. Sie sah ganz bleich aus und klagte über allerhand Schmerzen. Natürlich bekam er Angst und blieb zu Hause. Man schickte nach Aerzten, es dauerte sehr lange, ehe Bescheid kam, später, Nachmittag wollte der oder jener vorsprechen. Zum Glück wurde ihr auch ohne die Herren Doktoren nicht schlechter, die Schmerzen verloren sich nach und nach. Zum Mittagmahl erschien sie wieder recht munter, spielte mit ihrem Kanarienvogel, fütterte ihren Goldfisch, sang und war ganz ungeheuer vergnügt. „Frau," sagte Daniel mit feinem Lächeln, „ich freue mich, daß Du Dich endlich wieder so hübsch erholt hast. Zwar um zehn Uhr, als ich mit dem zweiten Zuge nachfahren sollte, schienst Du einen Rückfall bekommen zu wollen, aber jetzt. ..." Er wurde unterbrochen, man brachte ihm eine Rohrpostkarte. Er las und erbleichte. „Was giebt es?" fragte die junge Frau besorgt. Aber Daniel antwortete nicht mehr, erregt schob er die Karte in die Brusttasche und verließ eiligst das Zimmer. Es war ein Unglück geschehen. Der Personenzug nach Potsdam, welcher den Kompagnon und seine Gäste mit sich führte, war wenige Stationen nach Berlin mit einem Güterwagen zusammengestoßen. Der Heizer starb auf der Stelle, viele Passagiere waren erheblich verletzt, die meisten vor Schreck halbtodt, der Kompagnon hatte die rechte Hand gebrochen. Ein Theil der Verwundeten war sogleich nach Berlin rückbefördert worden, unter ihnen der Kompagnon, der heftige Schmerzen litt und dringend nach Daniels Rath und Theilnahme verlangte. Daniel eilte herbei; er fand den alten Mann in bösem Zustand und hörte mit Schrecken von dem Arzte das Donnerwort: Operation.