Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- Seite 451 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der auch in anderen Literaturen beispiellose Erfolg seines Werkes , in dem manche Theile vor der vierten Auflage stehen, betpies, daß er aller Mäkelei und Kleinmeisterei zum Trotz einem öffentlichen Bedürfniß entgegengekommen war. Uebersetzungen ins Hebräische, in das Französische, Englische und Russische nahmen den Ruhm des Urhebers auf ihre Schwingen, um ihn über die Lande und über das Weltmeer zu tragen. Die preußische Regierung ehrte ihn 1870 durch die Uebertragung einer Honorarprofeffur an der Universität Breslau, die seine Thätigkeit am Seminar nicht beschränkte. Die Feier seines 70. Geburtstages am 31. Oktober 1887 zeigte ihm, daß seine Würdigung und Verehrung allgemein geworden war, da eine fast unabsehbare Fluth von Ehrenbezeigungen in Gestalt von Ehrengeschenken, Festgaben, Adressen, Depeschen, Gedichten in allen Kultursprachen aus allen Ländern der gesitteten Erde ihn emporhob und für Alles belohnte, was innen und außen gegen ihn gesündigt worden war. Die schönste Huldigung, die ihm das Ausland bereiten konnte, war die Einladung zur eröffnenden Vorlesung der englisch-jüdischen historischen Ausstellung in London 1887. Aber vollends wie ein Werk der ausgleichenden Gerechtigkeit, Palme und Oelzweig zugleich, als Krone seiner Ehren mußte es ihm erscheinen, als die spanische Akademie der Geschichte in Madrid ihn, den Juden und Darsteller der Vertreibung der Juden aus Spanien, unter ihre Ehrenmitglieder aufnahm. In der lateinischen Widmung der dritten Auflage seines achten Bandes hat er diese wohlthuende Auszeichnung gewürdigt. Wohl hätte die sorgfältige Durchsicht und stetige Bereicherung der neuen Auflagen seiner Geschichte vollauf genügt, seine Muße auszufüllen, galt es doch, die unter seinen Augen erblühte und reichentwickelte, in allen Kultursprachen betriebene Spezialgeschichtsforschung des Judenthums zu überblicken, zu verfolgen und auf ihre neuen Ergebniff« hin zu prüfen, allein dies war für Graetz nur eine Nebenbeschäftigung. Hatte er doch schon vor dem Abschluß seiner ersten großen Lebensaufgabe sich eine zweite gesetzt und in der Erklärung der schwierigsten Bücher der heiligen Schrift nach ihrem oft so dunkeln hebräischen Urtext eine Arbeit sich erkoren, für die eine neue Jugend nöthig scheint, die aber auch in Wirklichkeit einen neuen Frühling voll Blüthen und Hoffnungen und Verheißungen in seinen Geist und in sein Herz brachte. Schon in den weit die Zahl von hundert überschreitenden kostbaren Aufsätzen, mit denen er die von Zacharias Frankel begründete und von Graetz bis zu ihrem Ende 1887 geleitete „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" zu schmücken nicht müde ward, hatte er in Streifzügen auf das Gebiet der alttestamentlichen Schriftauslegung und der hebräischen Sprachforschung seine Meisterschaft auf diesen Gebieten sattsam bekundet. Jetzt reizte es ihn, an die Erklärung ganzer biblischer Bücher heranzugehen. Es war freilich auch hier ursprünglich der geschichtsschöpferische Drang, der ihn dazu trieb, an das altehrwürdige und oft undurchdringliche Gestein des Bibelwortes das lauschende Ohr zu legen und mit der Fackel des intuitiv erhellten Schriftwortes in die Nacht der Zeiten hineinzuleuchten, in denen die von ihm erklärten Bücher entstanden zu sein schienen. 1871 erschien so der salomonische Prediger, das philosophischeste Buch des alten Kanons, und das salomonische hohe Lied, seine duftigste und poetischeste Blttthe. Gleich sehr Meister in der Würdigung scharfgeprägten Gedankengutes wie im Nachempfinden feingeformter dichterischer Schönheit, lieferte er in beiden Werken neben gediegenen und anregenden geschichtlichen Unternehmungen über die Entstehungszeit jener Schriften geschmackvolle Uebersetzungen und Erklärungen, denen bei aller verblüffenden Kühnheit stets ein Kern bleibender Förderung wird zuerkannt werden müssen. Wenig von Zustimmung ermuthigt, "n*'- -. I - ja von dem Dünkel der Zünftigen fast abgelehnt, ging er unentwegt die betretene Bahn weiter, entschloffen, der Schwierigkeiten im Schrifttexte mit allen erreichbaren Mitteln Herr zu werden. Mit geistvollen Ahnen unter der Hülle der alten Uebersetzungen, der griechischen und der syrischen, wie der Uebertragungen der Synagoge, die Urgestalt des Schriftwortes erahneüd, erhob er sich zu immer größerer Kühnheit und rücksichtsloser Selbstständigkeit der Ueberlieferung gegenüber. Nach kritischen Studien über den Text der Sprüche und Hiobs ging er 1881 daran, die Psalmen aus dem Original übersetzt herauszugeben, denen er bald den kritischen Kommentar zu den Psalmen nebst Text und Uebersetzung in zwei Bänden folgen ließ. Vergebens berief er sich in der großgedachten Einleitung darauf, daß er nur an die Reihe kühner Textesverbesserer der heiligen Schrift aus der Mitte des jüdischem Volkes sich anschließe, es war doch ein Neues und für Viele Befremdliches, was er unternahm. Er hatte den demüthigen Weg der Erfahrung, wie ihn der Optiker Priestly nennt, verlassen und die schiefe Ebene der fessellosen Vermuthung betreten. Sonst in den Fragen der Bibelkritik dem Zerstören abhold, gleich wehrhaft lind selbstständig den Phantasien Renans wie den Machtsprüchen Westhausens gegenüber, ward er in allen Sachen der Texteskritik ein Eiferer, der die Buchstabengläubigen wie Fetischanbeter befehdete und ohne Schonung angriff. Von dem Jubel llnd der Bewunderung seiner Verehrer über die Schwelle des Greisenalters gehoben, rüstete er in den Tagen, da Andere feiern und ihren Lorbeer pflegen, zu frischem Kampf, unbekümmert um Zustimmung, von dem jugendlichen Feuer der Begeisterung, die in ihm loderte, für seine eifervoll ergriffene Aufgabe erwärmt und erglüht. Denn es war seine Leidenschaft geworden, den Text der heiligen Urkunden, diesen Krontresor der Menschheit, fleckenlos und im ursprünglichen Glanze unter der reinigenden Arbeit der Kritik erstrahlen und aufleuchten zu sehen. Eine unverständliche Stelle mitten in dem glühenden Ergüsse eines Psalmes, in der flammenden Rede eines Propheten, in dem sonst silberhellen Vortrage eines geschichtlichen Berichtes, das war ihm, was dem Konservator eine häßliche Uebermalung, eine verblaßte Einzelheit in einem Meisterwerke der Malerei, ein brutaler Meißelschlag im Angesichte eines Götterbildes, ein Sprung in einem Juwel, eine Wolke in einem Edelstein. Nicht etwa eine ungebändigte Freude am Vermuthen, ein abenteuerndes und wildes Errathenwollen, sondern der Schmerz, das Heiligste entstellt zu sehen, die Lust, den Schäden der Ueberlieferung durch die Hilfe einer in die Tiefe des Zusammenhanges, der Wortbedeutungen und der alten Uebersetzungen eindringenden Kritik heilend zu begegnen, waren seine Antriebe, als er das Ringen mit den Buchstaben des herkömmlichen und durch tausendjährige Arbeit gegen jeden Angriff zehnfach umhegten Textes unternahm. In einem monumentalen Werke, dessen Projekt eine der letzten Arbeiten seiner rastlosen Feder war, wollte er den hebräischen Text der gesummten heiligen Schrift in der geläuterten, von Schäden gereinigten Gestalt zur Anschauung bringen, wie er sich ihm nach Jahrzehnte langen Beillühungen und einer stets unentwegt von Neuem einsetzenden Arbeit als der wahrscheinlichste herausgestellt hatte. Aber dem Geschichtschreiber des jüdischen Volkes, der die heilige Schrift als dessen geschichtliche, unverrückbare Grundlage als seine unverlierbare Heimath, als den Boden verherrlicht hatte, den es nur zu berühren brauchte, um mit neuen Kräften sich zu beschwingen, sollte der Abschluß seiner zweiten Lebensaufgabe versagt bleiben. Vierundsiebzigjährig, aber nicht gealtert, ward er zu jung am 7. September vor der Zeit hinweggenommen. An seinem Grabe aber werden auch die zurückgehaltenen Stimmen der Dankbarkeit und der Anerkennung laut werden. Denn wenn er allen Bildungsfähigen in seiner abgeschlossenen Geschichte des