Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- Seite 450 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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einigung so glänzender und seltener Eigenschaften, die sein Werk auszeichnete, daß in seinem Schatten die Arbeiten seiner Vorgänger verkümmert und erdrückt werden mußten. Eine Feinhörigkeit, die geschichtliches Leben heraushört, wo für Andere Grabesstille herrschte, ein Spür- und Witterungsvermögen für die tiefstliegenden quellenführenden Schichten der Vergangenheit, eine kritische Scharfsichtigkeit, die in scheinbar gleichgiltigen Aeußerungen geschichtliche Denkmäler, in farblosen Litteraturprodukten Wegweiser für Zeiten und Länder entdecken lehrte, den Urwald beider Talmude lichten half und bei dem Grnbenlicht der Kirchenväter in dem weglosen Bergwerk der jüdischen Chronologie sich zurechtfand, eine von Gedanken durchleuchtete, von Geschmack geleitete Kunst der Gruppirung und Darstellung des mühsam und entsagungsvoll geförderten Materials, eine fast übermüthige, von überschwellender Kraft zeugende Leichtigkeit im Hinwegräumen der Schwierigkeiten, das Alles wirkte so anziehend und überraschend, daß man hoffnungsfreudig und voll Ungeduld einer jüdischen Geschichte für Alle, für Gelehrte und Laien, für Forscher und Genießende entgegensah. Staunend sah man Band auf Band aus der stillen Werkstatt des Gelehrten, dem bereits 1854 an dem neueröffneten jüdischtheologischen Seminar in Breslau auch eine gesegnete Wirksamkeit als Lehrer sich erschloffen hatte, in kurzen Zwischenräumen hervorwachsen. Immer näher war seine Forschung an unser Jahrhundert herangerückt, und immer lauter und mächtiger wurde das Verlangen, auch noch seine Ehrenschuld abgetragen, die Darstellung der alten Geschichte Israels von seiner Hand vollendet zu sehen. Die Erfüllung einerlange gehegten Sehnsucht, eine Palästinafahrt, im Frühling 1872 unternommen, lieh ihm auch Kraft und Saft, sein Lebenswerk abznschließen. Er wollte den Jordan rauschen hören, die schneebedeckten Gipfel des Hermon und des Libanon schauen, in den Thoren Jerusalems geweilt haben, um seine Feder zu weihen und zu heiligen zur Darstellung der heiligen Geschichte. Und als er 1876 die Feder niederlegte und auf das Wegstück von mehr als drei Jahrtausenden zurückblicken durfte, die er durchforscht und in seinem Geiste und Gcmüthe durchlebt hatte, als der blitzende Spiegel fertig war, der mehr als bildlich, was hinter uns liegt, uns vor die Augen zaubert, da mochte er etwas von dem Gefühl des ewigen Juden empfunden haben, den man den jüngeren Bruder der Zeit genannt hat, er selbst, der jüngere Bruder der jüdischen Geschichte. Er war unter Wunder und Plagen aus Aegypten gezogen, er hatte an den Strömen Babels geweint, mit den Sklaven des Römers, mit den Helden Judäas, im Triumphzuge des Titus Ketten getragen, die Martyrien aller Länder mitgelitten, die Metzeleien und Ausschlachtungen der Kreuzzüge und des schwarzen Todes erbleichend und erhebend ansehen müffen, mitgejagt in allen Verfolgungen, ein theilnehmender Zeuge aller Austreibungen, der aber auch aus den Katastrophen des Alterthums, aus den Holzstößen des Mittelalters und aus den Blutbädern der Neuzeit, wie sie Bogdan Chmielnicky kosakischen Angedenkens angerichtet hat, das Leben seines Volkes unzerstörbar gleich dem Phönix aus tausend Toden neuverjüngt hervorgehen sah. Er hatte aber auch mit Mose gedonnert, mit König David psalmodirt, mit Philo gegrübelt, mit Jehuda Halewi geschwärmt, mit Spinoza sich ins All versenkt, mit Heine gegeißelt und unter Thränen gelacht, überall in der Verschiedenheit die Einheit, in der Buntheit der Erscheinungen das geheimnißvoll wirkende große Gesetz erlauschend und erahnend. Denn ohne in voreingenommener Hegelei eine Bewegung der Begriffe in der Geschichte schauen zu wollen und den Ereigniffen einen Pragmatismus aufzuhalfen, der mit den Thatsachen so wenig gemein hat, wie der eingebildete Realismus eingebildeter Poeten mit allem wahren Wirklichen dieser Welt, so wurde er doch nicht müde, die innere geistgeborene Entwicklung, die sich in der Erforschung der jüdischen Geschichte ihni aufgedrängt hatte, laut zu verkünden als ein Zeugniß der Vorsehung, die Keiner bester als der rückwärts gewandte Seher, der Geschichtschreiber, in ihrem Walten zu erkennen gewürdigt ist. Und neben diesen, Glauben an die Unzerstörbarkeit des Judenthums und an die Hand der Vorsehung, die in der Leitung seiner Geschicke sich offenbart, war es noch Eine Lehre, die seine Geschichtschreibung ohne Aufdringlichkeit, aber unabweisbar verkündet, die vom Heliotropismus der jüdischen Gemeinschaft, wie ich sie nennen möchte, da sie stets den Weg zum Licht unter Windungen und Verhinderungen selbst gefunden und ein Leben des Geistes geführt hat, das wie die Pflanze in der Kellernacht aus Ghettomauern und Kerkerzellen den verirrten Lichtstrahl noch zu erhaschen wußte, der ihm die Botschaft brachte, daß die Sonne der Wahrheit und Gerechtigkeit noch am Himmel steht. Einen Historiker von Raffe hat Ludwig Steub in Graetz gefunden. Das trifft zü in jedem Betracht. Der Leisetreterei abhold, gewöhnt, Schwarz schwarz zu nennen, mit einer starken Dose auslaugenden Spottes begabt, ein abgesagter Feind alles Steifleinenen und Schwerfälligen, in der Aeußerung gewonnener Ansichten gern unbeschränkt und selbst von dem Urtheil geschätzter Freunde unbestochen, gegen die Idole des Stammes und des Marktes, wie Baco sagt, rücksichts- und schonungslos, hat er wie jeder Mann von scharfgeschnittener Prägung reichlich Anfeindung erfahren und wacker Gelegenheit gefunden, seine scharfe polemische Ader hervortreten zu lasten. So absurd' dies klingen mag, H. Graetz hat auf die Bezeichnung als Gelehrter kein Gewicht gelegt. Er war eine schöpferische, lebensvolle Natur, der es nur im Gestalten und Beleben wohl wurde, die nicht im Sammeln und Materialfördern ihr Genüge und lohnende Befriedigung fand; er wollte Beete anlegen, nicht — Herbarien. Für ihn waren die Einzelheiten, die er fand, nicht Kostbarkeiten an sich, sondern nur werthvoll, insofern sie in einen geschichtlich aufschlußreichen Zusammenhang sich einreihen ließen, zwischen denen seine geschäftige Phantasie Fäden spann oder Brücken schlug. Daher riecht seine Arbeit, so viel redlicher Fleiß und beharrliches Forschen auch daran gewendet worden sein mag, nie nach der Lampe, er läßt die -gelehrten Gerüste nicht stehen, an denen er seinen Bau in die Höhe gezogen, so recht das Widerspiel von der Gelehrtengattung, von der Schopenhauer höhnt, daß sie die Sproffen der Leiter auf den Rücken nimmt, auf denen sie zu ihren Ergebnissen emporgeklommen ist. Wohl bewehrt und stark gerüstet mit allem gelehrten Zubehör wie Einer, erscheint er doch gern mit leichtem Gepäck, sucht nicht die Würde in der Abgeschmacktheit, nicht in der Ungenießbarkeit die Autorität. Er verweist den Troß mit der Munition hinter die Front, das oft bewunderungswürdigste Beiwerk in gelehrte Exkurse und Noten an den Schluß des Buches. Die Leichtigkeit hat Mancher mißdeutet und den verdienten Mann mit vereinzelten seiner Aeußerungen herabzusetzen gemeint, als ob ein Acker damit als unfruchtbar gebrandmarkt wäre, daß man ein Bündel Unkraut ausrauft, das in seinem Erntesegen sich gefunden hat. Andere haben ihm die Heftigkeit verdacht, zu der er in der Kraft des ersten Eindrucks und der Gluth des Mitgefühls sich hat Hinreißen lasten, uneingedenk der Wahrheit, daß trotz des alten und verbrauchten Wortes der Zorn dem Geschichtschreiber unerläßlich ist und ihn höher schmückt, als das akademische Fischblut und die marmorne Gleichgiltigkeit. Darum kann manch bitteres Wort gegen die Deutschen so wenig etwas gegen seine Treue zu Deutschland beweisen , wie die leidenschaftlichen Urtheile. gegen einzelne Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte auch nur das Geringste von seiner Liebe und Hingebung für das Judenthum herabzumindern vermögen.