Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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HHI - 449 —- H. Graetz. Von Prof. Dr. D. Kaufmann. Als Lionardi Bruni am 9. März 1444 heimging, wußte Florenz seinen Historiographen nicht höher zu ehren, als dadurch, daß es von Staatswegen die zwölf Bücher seiner Geschichte der. florentinischen Republik ihm auf die Brust legen ließ. So müßten dem großen Geschichtsschreiber des Judenthums, H. Graetz, dessen sterbliche Hülle am 10. September auf dem Friedhofe von Breslau zu ewiger Ruhe gebettet ward, als das höchste Ehrenzeichen, das er sich selbst gestiftet hat, die zwölf Bände seiner Geschichte der Juden auf die Brust gelegt werden. Wer es beobachtet hat, wie die Thcilung der Arbeit auch an die Wissenschaft unserer Tage herangetreten ist und ganz besonders auf dem Gebiete der Geschichte das Ueberwuchern der Einzelforschung in einem Maße begünstigt hat, daß man an unseren Universitäten, wie man gesagt hat, bald für jeden Merovingerkönig eine Lehrkanzel errichten und jeder historischen Gaffe einen Professor bestellen wird, der wird es schier wie ein Wunder anstaunen, daß es einem einzigen Manne vergönnt gewesen ist, die Geschichte einer so tief und verborgen im Weltgetriebe eingeordneten Erscheinung, wie der des Judenthums, von seinen Anfängen bis auf unsere Zeit zu erforschen und darzustellen. Denn hier gilt es, neben der Universalgeschichte noch die verschlungenen und nur der angestrengtesten Aufmerksamkeit sich erschließendeir Wege der zersplittertesten aller Gemeinschaften zu ergründen, auf der großen Uhr der Weltgeschichte gleichsam auch noch die Bahn des Sekundenzeigers zu verfolgen oder, um das Wort Geschichte in seiner Bildlichkeit zu fassen, in dem tiefgründigen und weiträumigen Stollen der allgemeinen Welthistorie auf die eingesprengten Punkte und Körner einer Besonderheit zu achten. Aber die Größe der Leistung, die mehr als dreitausendzährige Geschichte der Juden von ihren Ursprüngen an erhellt zu haben, wird doch nur derjenige wahrhaft zu würdigen vermögen, der sich die eigenthümlichen Schwierigkeiten der jüdischen Geschichtschreibung vor Augen hält. Wenn für den Universalhistoriker die Geschichte das Leichenfeld der Vergangenheit ist, auf dem die Steine reden und die Inschriften leuchten, so starrt dem jüdischen Geschichtschreiber ein Gottesacker entgegen, auf dem die Gräber verfallen, die Denkmäler zusammengesunken, die Schriftzeichen erblindet und erloschen sind. Wo jener im Bildersaale der Zeiten sich ergehen kann und nur mit eigenen Augen das Ueberlieferte zu schauen, aus der Tiefe seines Charakters die Maßstäbe hervorzuholen, von der Palette seiner Gesinnung die Farben zu borgen braucht, mit denen er den Erscheinungen gerecht wird, muß dieser jedes einzelne Bild erst mühsam aus verwehten Spuren zusammensetzen, die Gruppirung schaffen und so die Vergangenheit erahnen, Heraufzaubern! Schlimmer jedoch als der Mangel an Vorarbeiten trifft dieses Spezialgebiet die Entbehrung der Mithilfe. Die Geschichte ist eine der Lieblingswiffenschaften unserer Zeit, das Schooßkind des Staates. Universitäten, Akademieen, gelehrte Gesellschaften, Beruf und Dilettantismus theilen sich in ihre Pflege. Monumente und Quellenwerke, die jeden Splitter der Vergangenheit bergen, Zeitschriften für allgemeine und besondere, für Staaten-, Länder-, Provinz- und Städtegeschichte häufen ein wohlbearbeitetes Material auf, nach dem man nur zu langen braucht, um geschichtliche Darstellungen von korrekter Zeichnung und satter Farbengebung zu liefern. Anders steht es um die Geschichte der Juden. Wie sie allein ihre Armen ernähren, ihre Kranken heilen und pflegen,, für ihren Kultus und Unterricht sorgen, so hat man es auch ihnen allein überlassen — ihre Wissenschaft zu schaffen. Und doch thäte gerade hier die öffentliche Pflege, das Jnelnandergreifen getheilter Arbeit, weitreichende Unterstützung dringend noth. Denn es gilt das Schürfen auf versprengte Spuren in einem unübersehbaren Gebiete, die Sammlung von über die gesammte bewohnte Erde zerstreuten Denkmälern und Ueberlieferungen. Mit dem Zusammenbruche der selbstständigen Geschichte hatte auch die Geschichtschreibung unter den Juden aufgehört. Wohl war der geschichtliche Sinn keineswegs unter ihnen erloschen, wie denn auch in größeren oder kleineren Zwischenräumen stets Chronisten unter ihnen erschienen, die sich liebevoll des „Friedhofs der vergangenen Tage" annahmen und auch Gemeinschaften und Vereinigungen es nicht an Aufzeichnungen der zeitgenössischen Geschehnisse mangeln ließen, aber es fehlte die Freundin der Geschichte, die Ruhe und Behaglichkeit, die den Niederschlag der Zeiten, das schriftliche Erbe der Vergangenheit, den Hort der Erinnerungen bewahrt und erhält; die Archive wurden verwüstet und verbrannt, wie man die Grabsteine zu Thurmtreppen verarbeitete und in Festungswerke versenkte, die Ueberlieferungen wurden immer lückenhafter, die Kette des geschichtlichen Zusammenhanges zerriß. Aber der Geist, der in dem Volke lebte, schuf sich tausend unausrottbare Zeugen seines Lebens und seiner Wirksamkeit in der eigenen Litteratur, wie in dem Schriftthum aller Zungen und Völker, die es umgaben. So ist die Weltlitteratur das Archiv der jüdischen Geschichte geworden, die mit jedem Frühling der Wissenschaften sich begrünt, bei allen Ernten des Geistes ihre Früchte einheimst. Daher kommt es aber auch, daß der Historiker des Judenthums ein Kärrner und ein Baumeister, Bergmann und Goldschmied, Arbeiter und Künstler zugleich sein muß, und daß, um ein Bild des Alterthums zu gebrauchen, seine Wurzeln so tief in das Erdreich tiefgrabender Forschung hinunterreichen müssen, als sein Gezweige hoch in den Luftkreis geschichtlicher Erkenntniß und Kunst sich erheben soll. Die Größe und Idealität der Forderung scheint ihre Lösbarkeit auszuschließen. Und doch ist die Aufgabe bewältigt worden, ohne Staatshilfe, ohne öffentliche Unterstützung, lautlos, geräuschlos, wie alles Wachsthum sich vollzieht. Einer der höchsten Ansprüche, die das Judenthum auf Anerkennung vor dem Richterstuhle unserer Zeit sich erworben hat, ein wahrer Rechtstitel seiner Emanzipation ist die Schöpfung seiner Wissenschaft, die in wunderbarem Wettbewerb begnadeter Kräfte eigentlich erst seit dem dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts errungen worden ist. Die schönste Frucht dieser auf Erhellung der jüdischen Volks- und Geistesgeschichte gerichteten Bestrebungen bildet die jüdische Geschichtschreibung. Eine stolze Reihe unbesoldeter und unbetitelter Arbeiter erschien auf dem Schauplatze, Namen von ewigem Glanz, wie Rapoport und Zunz, zeichneten sich ein in das goldene Buch der Pfadfinder der Wissenschaften. Aber das verdienstvollste Theil ersah sich mit sicherem Blick und entschlossenem Muth unftaglich H. Graetz. Als er 1853 mit dem vierten Band seiner Geschichte auftrat, der die Zeit vom Untergang des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud, d. i. von: Jahre 70 bis etwa 550 der üblichen Zeitrechnung, gleichsam als erste Probe seiner historischen Kunst darstellte, da war das Gefühl allgemein, daß man einem litterarifchen Ereigniß, einer Art, jüdische Geschichte zu schreiben, von einer tiefbohrenden Kraft und einer Weite des Blicks gegenüberstehe, wie sie ohne Beispiel auf diesem Gebiete war. Wohl hatte es nicht ganz an Vorgängern gefehlt. Schon der am 22. September 1723 verstorbene Gelehrte Jakob Basnage de Beauval hatte als Christ es fertig gebracht, die jüdische Geschichte bis auf seine Zeit herab darzustellen. An Isaak Markus Jost, der feine Geschichte der Juden bereits 1820 eröffnete, hatte Graetz vollends einen Vorgänger von unvergeßlichen Verdiensten unter seinen Glaubensgenossen. Aber es war eine Ver-