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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-18 · Heft 38 (18.9.1891) · p. Seite 448

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 38 (18.9.1891)
Date
1891-09-18
Page
Seite 448 (sequence 4)
Language
German
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—- 448 -- dir die Worte aus der Seele quellen wollen: da macht er einen Witz, da weist er auf das (was sich ja wirklich so verhält) allem Geistigen und Heiligen zu Grunde (lieber sagte ich: zu Boden) liegende Materielle hin: du fühlst den kalten Wasserstrahl, und das Wort erstickt dir in der Kehle. Nun ja, es ist nicht alle Tage Sabbat, und wir sind nicht immer sabbatlich gestimmt, wir sind Geist im Körper. Ein kräftigreligiöser, ein wirklich frommer und sittlicher Geist aber durchhaucht alles Materielle und haucht es wenigstens an. Der Profane spottet über diesen Hauch; er freut und rühmt sich, die nackte Materie zu kennen, alle Blößen zu enthüllen; in der Scham sieht er die Schamlosigkeit (nämlich den Beweis dafür, daß man etwas habe, sich zu schämen), in der Tugend den Egoismus, in der Frömmigkeit die Thorheit. Aus allen Erzählungen hebt er das Lächerliche heraus und möchte sich gar zu gern mit dir zusammen im Schmutze finden. Er tritt in das Gotteshaus, wie er in ein öffentliches Haus eingeht, wo er sich einen Platz erkauft hat; er hat das Recht, hineinzugehen und sich darin umherzuwcnden. Das siehst du ihm an, und er will ja eben, daß du es ihm ansehest. Du sollst ihm Alles ansehen, was er ist und hat, und sollst es ihm anhören. Er ist nie und nirgends genirt; denn er steht nie vor einem Höhern. An seinen Erholungen werdet ihr den Menschen zu allermeist und am besten erkennen, sowohl an dem, woran der Mensch sein Bergnügen findet, als an der Weise, wie er es findet. Nur wer das Heilige kennt, kann wahrhaft heiter sein, innig froh; er kann herzlich lachen, auch laut. Der Profane ist nur lustig, außer sich vor Freude. In der erschütternden Tragödie wirst du ihn nicht finden, auch nicht im Lustspiel mit mild ernster Wahrheit; aber in der Lokal-Posse und im Fall C. und X., und an anderen Orten — wenn du Lust hättest, da hinein zu sehen. Ob der Profane außer den Zeitungen noch liest? ob er eine Bibliothek hat? Nun, Mancher wird wohl manches Buch besitzen. Aber die Allgemeine Zeitung des Judenthums wird er wohl nicht halten; sie bietet ihm nichts. Ebenso wenig besitzt und liest er Werke über die Geschichte der Juden. Bibel und Gebetbuch, wenn er sie nicht ererbt hat, wird er nicht kaufen. Er thut nichts eigentlich Böses rind ist auch nicht böse, und was er sagt, ist nicht böse gemeint, ja, er meint es beinahe gut mit dir, so wie er es versteht. Vor Allem möchte er dich klug machen. Wenn du aber den Unterschied zwischen Klugheit und Weisheit noch nicht verstanden hast: sieh auf sein Thun, höre auf seine Reden — da ist eitel Klugheit, keine Spur von Weisheit. Wir athmen auf, wenn er uns verläßt; und es bleibt eine gewiffe Scham in uns zurück, wenn wir so gutmüthig gewesen waren, ihm etwas aus unserem Innern zu geben. Wir waren aus Gutmüthigkeit so thöricht, eine, wenn auch nicht gerade große und werthvolle Perle vor die Säue zu werfen — immerhin war es eine Perle, die uns leid thut; denn er hat sie nicht angenommen, er hat sie verschmäht. Wir haben aus Gutmüthigkcit gethan, als hättey wir etwas von ihm angenommen; wir haben mit ihm gelacht, das Hütten wir nicht thun sollen; indem wir es bedenken, brennt es in uns. Gut, daß er fort ist; lassen wir ihn! Kehren wir in uns ein! Vielleicht erschrecken wir nun doch. So profan zwar, wie hier geschildert ist, sind wir nicht, und du kennst vielleicht Niemanden, der so profan wäre. Ich nehme wirklich an, es sei mir hier ergangen, wie es allen denen ergeht, welche einen Charakterzug analysiren. Ohne übertreiben zu wollen, idealistren sie doch das Böse wie das Gute. Indem sie alle Seiten eines Charakters sammeln, stellen sie etwas dar, was sich in solcher Sammlung gar nicht findet. Aber seien wir beiin Einblick in uns doch recht sorgsam. Machen wir es nicht wie die Hausväter, welche am Vorabend des Peßach das gesäuerte Brod in, ihrer Wohnung aufsuchen, um es fortzuschaffen und nur die Krumen und Brocken finden, die ihnen die Hausfrau hingelegt hat, damit sie dieselben finden, im Uebrigen s aber das Auge schließen. Was ich hier vor dem Leser ausgebreitet < habe, mag er nicht in sich finden, aber vielleicht ähnliches, wenn auch - viel schwächeres. < Nicht das, was ein Mensch thut, sondern wie er es thut, ist * profan oder heilig. Er mag einerseits sehr gesetzestreu sein: er mag! dreimal täglich beten mit Schaufäden und Gebetriemen — ohne sein * Herz Gott zu weihen; er mag in die Synagoge gehen und beim * Eintreten sprechen: „wie ehrwürdig ist dieser Ort!" und sich verbeugen — weil es so Brauch ist; die Mahnung: „bedenke, vor wem 1 du stehst!" liest er — aber sie dringt nicht in ihn ein; er mag sich 1 waschen und vor der Mahlzeit Brod in Salz tauchen und den ' Segen darüber sprechen — sein Brod ist nichtsdestoweniger ehöl 1 sein Tisch kein Altar; er mag alle Gebote sorgsam hüten — (a^p) erfüllt hat er keins. Dies Alles dann und darum, wenn und weil | er Alles äußerlich, ohne innere Erregung, ohne Ergriffenheit seines ganzen Geistes und Gemüthes thut. In seinem Kopfe giebt cs außer vielen anderen Schubfächern, die mit allerlei Kram gefüllt sind, auch ein Fach, in welchem die Gebote liegen, und welches zu verschiedenen Zeiten nach Vorschrift aufgezogen wird. Kein Fach steht mit dem andern in Berührung. Das Gesetz hat sein Fühlen und Wollen, Denken und Reden nicht berührt; es leitet nicht sein Streben und Thun. Er macht es, wie er Andere thun sieht; aber er macht es wie ein sich bewegendes Kunstwerk, und was er dem Andern absieht, ist eben nicht die von innen heraus treibende göttliche Kraft. Sein Segen ist Luft, nicht Anrufung Gottes. Er thut und spricht, damit gethan und gesprochen sei — Lippen- und Handbewegung, weiter nichts. Und andrerseits der Freisinnige — wo steckt dein Freisinn? in der Ueberhebung über alles Gesetz und alle Schranke? Ich höre, du rühmst dich deiner strengen Sittlichkeit, deiner Wohlthätigkeit. Ich wollte, du könntest einmal ein Urtheil über dich von dem hören, dem du wohlgethan hast. Doch davon ein andermal; ob Gesetze des Staates oder der Religion oder der Sittlichkeit, für sie alle gilt daffelbe: die Gesinnung allein ist es, welche der That Werth verleiht. Wer steht im Heiligthum auf dem Berge Gottes? und ist nicht profan? Darauf antwortet der Psalmdichter: wer reiner Hand und lauterer Gesinnung ist — die Hand darum rein, weil die Gesinnung lauter. Wenn nicht btos auf einem Stück Pergament, sondern im Innersten der Seele geschrieben steht: Gott ist heilig, und also sollst du heilig sein, und wenn voll diesem geistigen Mittelpunkte aus geistige Fäden nach allen Punkten deines Bewußtseins abgehen und jeden Punkt mit jenem innersten so verbinden, daß sie allesammt, dein ganzer Geist und dein ganzes Gemüth, als Erzeugnisse der Strahlen jener heiligen centralen Sonne erscheinen: daun hast du eine gute, heilige Gesinnung und bist nicht profan. 1 Dann fühlt sich Jeder durch jedes Wort, .das du sprichst, ge- I segnet und hält dasselbe für ein Lob Gottes; dann bist du frei und > gesetzestreu! M Gott lasse dir Sein Licht leuchten! M U 1

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