Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-18 · Heft 38 (18.9.1891) · p. Seite 447

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 38 (18.9.1891)
Date
1891-09-18
Page
Seite 447 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227916--48240-3270750
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

- 447 -ist. Wer keinen Anderen als sich kennt, ist immer mit sich zufrieden, weil ihm der Vergleichungsmaßstab fehlt. Noch weniger kann ich die Erwägung billigen, daß der Prediger.sich dem Geschmacke seiner Gemeinde anbequemen muß. weil er von ihr abhängig ist. Cr thue seine Schuldigkeit, auch wenn es ihm schädlich ist; sein Beispiel lehre, daß man nicht immer an sich zu denken hat. Der Prediger soll den Geschmack der Gemeinde veredeln, und es ist ganz sicher, daß, wer ernstlich diesen Zweck im Auge hat, vielleicht diese oder jene Verdrießlichkeit erduldet, schließlich aber durchdringt und zur Anerkennung gelangt. Der Ruhm eines solchen Mannes wird Schüler erwecken und Schule machen. Eine solche scheint mir noch zu fehlen. Sind es auch große Anforderungen, welche hier an den Prediger gestellt werden, so sind es doch edle und würdige. Also, frisch gewagt! London im August. U Profan! Von Prof. Dr. H. Sleinthal. „Wohlan! lasset uns im Lichte Gottes wandeln". (Jesaja.) „Profan!" mit diesem Worte drücken wir eine eigenthümliche Mißbilligung aus. Das Profane braucht weder immer schlecht noch immer häßlich zu sein; es ist auch nicht immer unangenehm oder unnütz. Was ist es also? Sehen wir uns also zuerst das Wort an. Es ist in seiner Bildung ganz klar, es stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „vor dem Tempel", und allgemeiner: außerhalb des Heiligthums. Nun ist doch nicht Alles, was nicht im Tempel steht oder liegt, geradezu verwerflich. Nur das, wovon wir meinen, daß es seinem Zwecke und Wesen nach im Heiligthum sich befinden sollte und trotzdem nicht darin ist, bedenken wir mit dem Vorwurf profan! Was entweder würdevoll im Heiligthum gewesen war und ohne Grund hinausgeworfen ist auf die Gasse, ist profanirt, entweiht; oder auch was in das Heiligthum hätte gebracht werden sollen, aber gewissermaßen gewaltsam auf der Gaste gehalten wird, ist nicht minder Profan geworden. Der Jude hat diesen Begriff in seinem hebräischen Worte chöl. Wenn er beim Ausgang des Sabbat mit dem Becher Wein, der Gewürzbüchse und der leuchtenden Kerze den Segen spricht, so preist er Gott, der zwischen Heiligem und Nichtheiligem, zwischen Licht und Finsterniß, zwischen dem Sabbat und dem Werkeltage eine Scheidung gesetzt hat. Nun ist uns die Nacht nach der Erregung und Aufregung, welche der lichte Tag gebracht hat, sehr lieb; aber die Finsterniß, welche in den Tag fällt, stört uns. Die Arbeitstage sind schon darum unentbehrlich, weil ohne sie kein Sabbat; aber die Arbeit darf den Sabbat nicht entweihen. So wollen wir denn genauer unterscheiden, was in dem Worte profan und edül ungeschieden liegt, zwischen dem, was nichtheilig ist, und dem, was unheilig ist: ersteres mag sich neben dem Heiligen befinden, wenn nur nicht damit vermischt, sondern säuberlich davon gesondert; letzteres ist das dem Heiligen geradezu Widerstrebende, ungehörig in dasselbe eingedrungen und es Verdrängende. Das Nichtheilige hat seinen Platz in der Schöpfung und im Leben der Menscheit neben dem Heiligen; das Unheilige dagegen hat seinen Platz nirgends und sollte nirgends Platz finden. Wo hat denn aber das Heilige seinen Ort? Der Prophet Jesaia sagt uns: Gott allein ist heilig. Die Engel (und mit ihnen die frommen Gemeindeglieder preisen Ihn als dreimal heilig und preisen (nach dem Propheten Hesekiel) „Seine Herrlichkeit von Seinem Orte", d. h. von der Idee der Heiligkeit, welche Er selbst, gewissermaßen Sein Thron ist. Außer dem allein und durchaus und schlechthin Heiligen, dem alles Endliche fern ist, nedeil deni es sogar nichts Nichtheiliges giebt, vermag nur der Mensch, aber-nur in bedingter und begrenzter Weise, in seinem Innern und auch außerhalb seiner ein Heiligthum zu schaffen — begrenzt: denn er muß viel Nichtheiliges neben sich dulden; bedingt: denn um das Unheilige meiden, um das Heilige in sich und um sich her erbauen zu können, muß er erzogen, belehrt werden, und mliß sogar zur möglichen Erziehung und Belehrung erzogen und belehrt sein. Nun, lieber Leser, weißt du, hoffe ich, von der Sache so viel wie ich, und wir wollen nur im vertraulichsten Selbstgespräch noch ein paar Worte an uns richten — vielleicht recht herbe. Was man sich selbst freiwillig thut, schmerzt ja nicht. Es sind also nicht blos Dinge, sondern auch Menschen selbst, und diese vor Allem und ganz vorzugsweise, welche wir profan nennen. Und welche Menschen nennen wir so?' Profan sind diejenigen, welche die Schauer, die Demüthigung und die Erhebung im Heiligthum nicht kennen, weil sie niemals ganz und völlig und in die Mitte desselben eintreten, wie sie es doch thun sollten. Israel sollte ein Priestervolk sein. Die hebräische Sprache hat ein Wort zur Bezeichnung des Priesters, aber keins für den Nichtpriester; die europäischen Völker nennen letzteren den Laien. Hier tritt uns ein großer Unterschied entgegen. Jenen Völkern ist der Priester heilig, der Laie ist es nicht, er ist profan. Noch als der Tempel stand, war in Juda das Amt der Belehrung, der Ermahnung urtd der Tröstung von den Priestern auf die Gelehrten, die Weisen, übergegangen, welche nicht Priester, aber doch Heilig waren. Nach der Zerstörung des Tempels und schon vorher ist es erfüllt worden, was Gott gefordert hatte, das Volk sollte ein Priestervolk werden, in welchem Niemand des Priesters bedurfte, weil Jeder sich selbst belehrte. Die Priester waren geschwunden, weil sie nichts mehr zu leisten hatten; der Laie war an ihre Stelle getreten, er war nicht profan, er war heilig. Ganz so, wie hier gesagt ist, war es in Israel nie; vollkommen war die Erfüllung des göttlichen Geheißes nie; niemals war jeder Jude solch ein Laie, der des Priesters nicht bedurfte. So ideal ist es auf Erden nie. — Aber wie steht es heute mit uns? Ich fürchte, unsere Rabbinen sind die einzigen echten Laien; und wir Anderen? ein Fragezeichen. Und weil auch unsere Rabbiner nicht alle priesterlich sind, so ist auch von ihnen mancher profan. Profan ist, wer in seinem Innern den Sabbat nicht kennt, mag er ihn immerhin äußerlich feiern. Profan ist, wem nur der siebente Tag als Sabbat gilt, blos weil dieser Tag so heißt; hätte er den Sabbat wirklich in sich, so wurde ihm dieser auch in den sechs Werktagen nicht fehlen. Denn wer den Sabbat wirklich in sich ausgenommen hat, dem bleibt er beständig, und bekundet er sich bei jeder Arbeit des Wochentages. Man erkennt den profanen Menschen an Allem; an seinem Reden und Thun, an seinem Scherz und seinem Ernst; und wenn er uns zumeist durch seine scherzhaften Reden mißfällig wird, so ist es blos, weil wir seinem Ernst in Werk und That ganz fern bleiben. Ein Hauch der Fremdheit, der alle seine Worte umweht, trennt uns von ihm, bildet eine Scheidewand zwischen ihm und uns, die lins zu keiner Vertraulichkeit mit ihm kommen läßt. Sprich mit ihm, wenn du willst: seine Gegenrede wird dir widerstehen; du findest, er hat dich nicht verstanden; er hat deinen Worten einen Sinn gegeben, den du nicht damit verbunden wiffen wolltest. Er hat eine Säure über deine Rede gegossen, die dir nicht behagt; er hat von deinen Worten eine Anwendung gemacht, aus denselben eine Beziehung gehört, welche dir nie in den Sinn gekommen wäre — er weist immer auf Schmutz. Er steht beständig als Mephistopheles neben dir (Gott behüte dich, daß du ihn nicht in dir habest!). Wo du dich erwärmen, begeistern, hinopfern möchtest, wo

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.