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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-18 · Heft 38 (18.9.1891) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 38 (18.9.1891)
Date
1891-09-18
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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446 57 >r**»**nr MMMWWMW^N Ueder Predigten?) ii. In einem die Predigten betreffenden Aufsatze (Nr. 32 dieser Zeitung von 1890) suchte der Verfasser auseinanderzusetzen, weshalb Gegenstand und Form der Predigten dem gereinigteren Bedürfnisse der Gegenwart sich anbequemen müssen. Der Verfaffer hofft, daß ihm deshalb nicht Ueberhebung und die Meinung, Alles besser wiffen zu wollen, vorgeworfen werden wird. Es leitet ihn allein das Bestreben, an seinem geringen Theile dabei mitzuwirken, daß die Predigt auch bei den Juden das leisten soll, wozu sie bestimmt ist, daß sie beitragen soll zur Erhebung der Gemüther, Befferung der Gesinnung und zur Belehrung auf gewissen Gebieten, namentlich über die Geschichte des eigenen Volkes und die Entwickelung der religiösen Gedanken. Die Erörterungen über die Predigten werden, wenn auch Andere sich an denselben betheiligen, jedenfalls bewirken, daß eine erhöhte Aufmerksamkeit denselben zugewendet werden wird seitens der Gemeindemitglieder und — seitens der Prediger. Nicht uin jene leichtfertige Kritik handelt es sich, welche leider gar zu üppig ohne eingehende Prüfung, vielmehr auf Grund des augenblicklichen Eindrucks erfolgt, sondern um jene nützliche Kritik, welche ihren Tadel zu begründen und den richtigen Weg zu weisen versucht. Der Kritiker braucht nicht im Stande zu sein, es besser zu machen, und daher wird auch dem Laien erlaubt sein, mit Ruhe und Maß zu sagen, was er für richtig hält. Schreiber dieser Zeilen hat ernstlich erwogen,, ob nicht die Kritik gegenüber Predigten Halt machen soll, um nicht durch etwaigen Tadel den Predigern ihren Einfluß zu schmälern, indeß wenn die Besprechung wirklich zu einer Verbesserung des Durchschnitts der Predigten führen sollte, dann würde das Bedenken sich als unbegründet erweisen. Namentlich erscheint es mir zulässig, an gedruckten Predigten Kritik zu üben. Wer seine Predigt nach eigenem Ermessen oder auf Veranlassung seiner Hörer drucken läßt, giebt sie der öffentlichen Beurtheilung anheim oder ruft eine solche sogar hervor. Diese Kritik soll an einigen gedruckten Predigten in einem späteren Aufsatze versucht werden. Von mehreren Seiten befragt, welche Gegenstände ich denn für die Predigt geeignet hielte, wenn nicht die bisher üblichen Stoffe gewählt werden sollen, möchte ich Folgendes sagen. Mir scheint, daß die Predigten in der Regel den Beobachtungen entnommen werden müssen, welche ein Jeder macht, der die thatsächlichen Vorgänge im Leben der Menschen ins Auge faßt. Ganz gewiß ist dies nicht der einzige oder ausschließliche Gegenstand für kirchliche Reden, aber ein fast unerschöpflicher. Es wird allgemein bekannt sein, daß Tugend und Laster nicht selten eine bloße Frage des Maßes im Verhalten sind. Die edle Sorge, sich und die Seinen rechtschaffen zu erhalten, artet durch Ueberschreiten des Maßes in Habsucht und Geiz aus. Freigiebigkeit kann zur Verschwendung werden. Die Liebe zu Frau und Kindern kann zu sträflicher Nachsicht und Schwäche führen. . Die pietätvolle, verklärende Anhänglichkeit gegen Verstorbene kann dahin führen, Andere — die sich nichts dabei denken — zur gedankenlosen Hersagung von Gebeten für deren Seelenheil zu miethen. So nahe berühren sich Gutes und Schlechtes, und zahllose Fälle ergeben sich für die Anwendung desselben Satzes. Aber die Lehre der Mothwendigkeit, Maß zu halten in allen Dingen, die Lehre der Selbstbeherrschung und der Einhaltung der Grenzen bietet die verschiedensten Seiten für die Behandlung. ') Wir empfehlen diesen Aufsatz, der uns von einem unserer hervorragendsten deutschen Glaubensgenossen zugeht, der besondern Aufmerksamkeit unserer Leser. Die Red. Unerschöpflich ist ferner das Gebiet der menschlichen Leidenschaften. Ich erinnere mich nicht, schon jemals eine Predigt über das Spiel gehört zu haben. Weshalb wagt Niemand, es zu tadeln, wenn wichtige, sehr nützlich zu verwendende Dinge einer nichtigen Aufregung zu Liebe eingesetzt werden? Ist denn ein Uebel, das zahllose Menschen und ihre Familien zu Grunde richtet, Selbstmorde und Verbrechen aller Art erzeugt, nicht ein wichtigerer Gegenstand für erbauliche Betrachtung als die Erklärung irgend eines in der Bibel gebrauchten Bildes?') Ich weiß, daß die Leidenschaften der Menschen nur in beschränkter Zahl vorhanden sind, aber ewig erscheinen sie in neuer Gestalt. Was haben nicht seit dem Urbeginn der Zeiten die Dichter über die Liebe geschrieben! „Wann endlich ausgesungen ist's alte, ewige Lied?" Der Sänger selbst antwortet, der Stoff reiche noch auf Aeonen. So können die Prediger jede der menschlichen Leidenschaften, die Habsucht, die Rachgier, die Verfolgungssucht und die anderen mächtigen und minder mächtigen Leidenschaften besprechen, und an Stoff wird es nicht mangeln. Nicht weniger empfehlen sich für die Behandlung alle in dem Menschen schlummernden Keime guter Eigenschaften, die Würde, das Selbstvertrauen, die Uneigennützigkeit, die Hilfsbereitschaft und was sonst noch den Menschen erhebt. Viele gute Jnstiirkte sind zu pflegen, welche durch den Druck der Zeiten zurückgedrängt sind, aber die erfreulichen Eigenschaften des freien Mannes bilden und wieder hervorgelockt werden müssen. Die vorhandenen guten Muster sind zur Erweckung der Nacheiferung zu schildern, und die ausdauernde Bethätigung der Liebe im Gegensatz zu der bloßen ruckweisen, augenblicklichen Anstößen folgenden Opferung einer Summe, sie mag noch so groß sein, ist zu predigen. Mancher wird dann belehrt nach Hause gehen. Ein drittes, gleichfalls nicht zu erschöpfendes Gebiet ist die Darstellung des Konflikts der Pflichten. So mancher Redner schärft eine Tugend ein, und der Hörer möchte gern folgen, aber an der Schwelle der Synagoge empfindet er bereits, daß der Prediger ihn nur abstrakt belehrt hat, und daß bei dem ersten Schritte der Ausführung die nicht gelöste Schwierigkeit sich zeigt, daß andere Pflichten hindernd in den Weg treten. Die Pflichterfüllung ist immer eine schöne Sache; sie wird aber erst dann der Anerkennung werth, wenn sie nach den Umständen aufhört, angenehm zu sein und anfängt schwer und lästig zu werden. Für diese Fälle, in welchen die Menschen straucheln, soll der Prediger Verhaltungsmaßregeln geben. Er soll lehren, daß das Recht der Billigkeit weichen muß, daß die Nachsicht am Platze ist, daß es besser ist, ein geringes Uebel zu dulden, als ein größeres anzurichten, daß man im Urtheil nur gerecht sein kann, wenn man sich in die Lage des Anderen versetzt, daß man von dem Gegner nicht verlangen soll, was man in seiner Lage gleichfalls nicht thun würde u. dgl. m. Nicht unbedingt über den Werth der Predigten entscheidend ist der Eindruck, den sie für den Augenblick auf die Zuhörer machen; die Hörer sind Menschen mit menschlichen Schwächen und hören es in der Synagoge wie außerhalb derselben gern, wenn man ihnen — je nach ihrem Geschmack etwas derber oder verblümter — sagt, daß sie an der Spitze der Civilisation einherschreiten, die erste Gemeinde der Welt sind oder eine der ersten, daß ihre wohlthätigen Institute auf der Höhe der Zeit stehen und ihre Verwaltung in bester Ordnung ') In einer englischen Predigt findet sich folgender zutreffende Satz: The Pew is almost, if not quite so gnilty as the Pulpit in regarding the Bible as a great storehouse öf texts. Der Kirchenstil hl (die Gemeinde) ist beinahe, wenn nicht sogar eben so sehr wie die Kanzel daran Schuld, daß die Bibel als ein großer Speicher für Texte angesehen wird.

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