Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1891)
- Date
- 1891-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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t>5. Jahrgang. Nr. 38. Kerlin, 18. Septemlrer 1891. eitung des AudeiHums. Gin Unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nablrrner Ar Ludwig PHNippson-Konn. Verlags-Erpe-ition: LerUn, Lrrusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung deS Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. tt ll ul t« Leitartikelr Sind wir noch Juden? I. — lieber Predigten. II. — Profan. Von Prof. Dr. H. Steinthal. — Wissenschaft und Litteratur: H. Graetz. Von Prof. Dr. D. Kaufmann. — Feuilleton: Prinzessin Sabbath. Novellette von C. Berg (Schluß). — Verwandte. Von Julius Stettenheim.— Ashlrecht. Von Paul Hevse. — Sprechsaal. — Miseetten. — Briefkasten. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Spandau, Breslau. Görlitz, Essen, Andernach, München, Fürth, Leipzig, Budapest. Triest, Paris, London, Moskau. — Don Nah und Fern. Sind wir noch Juden? i. Berlin, 14. September. Eine Zeit ernster Prüfling ist in Israel von jeher der Ellnl- Monat gewesen. Sobald beim Morgengebet die feierlichen Schofarklänge erschallten, begann die Rüstzeit zu den hohen Festen, eine Zeit ernster Betrachtungen und aufrichtiger Buße für die Glaubensgemeinde. Aber seit vielen Jahren haben wir keinen so gegründeten Anlaß zur Einkehr und Umschau gehabt, wie gerade in diesem Ellul-Monat. Schwer ist die Zeit und trüb sind ihre Zeichen. Der Horizont Israels ist umwölkt. Wohin sich unser Blick richtet, sehen wir nichts als Klage und Sorge, als Zweifel und Unmuth. Bor den Thoren steht der Feind und im Innern herrschen Zwietracht, Mißverständniß und Berrath. In einer solchen Zeit darf und muß die Frage laut werden, die wir hier an die Spitze gestellt haben. Wie oft haben wir uns nicht, jeder für sich allein, diese Frage wiederholt! Und wie merkwürdig: die Frominen stellen sie ebenso wie die Freien — und beide aus demselben Grundzng des Herzens, beide angesichts der Zeitströmungen, beide im Hinblick auf die Zukunft Israels! Sind wir noch Juden? So fragen die Frommen, indem sie auf das religiöse Ideal einer halbvergangenen Zeit Hinweisen und daneben die Glaubenslosigkeit der lebenden Generation, die Uebertretung so wichtiger Gebote und Gebräuche, die negirende und zersetzende Kritik des jungen Geschlechtes stellen. Sind wir noch Juden, wenn wir diese und jene Gesetze übertreten, ja, wenn >vir sogar die Verbindlichkeit der Tradition leugnen und das Gesetz der Entwickelung auch auf das religiöse Leben anwenden? So lautet ihre bange Frage. Sind wir noch Juden? So fragen auch die Freien, indem sie auf den Fortschritt des Kulturlebens sich beziehen, das mit verhängnißvoller Schnelligkeit die Bande des religiösen Lebens gesprengt hat. Was haben wir noch mit jenem religiösen Ideal einer vergangenen Zeit gemeinsam? Was verknüpft uns mit dem Judenthum, dessen Gebote und Formen wir längst abgestreift, dessen Grundideen wir in der allgemeinen Kultur aber wiederfinden? Wozu also die schädliche Sonderstellung, wenn wir eigentlich gar nicht mehr das Recht haben, uns Juden zu nennen? Beide Fragen, die der Frommen wie der Freien, sind berechtigt — imb doch haben beide Unrecht mit der Antwort, die schon in ihrer Frage liegt. Als vor Jahren David Strauß die Frage stellte: Sind wir noch Christen? da wurde er von beiden Seiten lebhaft angegriffen. Denn er hatte den traurigen Muth, diese Frage einfach zu verneinen. Diesen Muth des Selbstmordes haben wir nicht, und wir können seiner gottlob auch entrathen! Denn wenn wir uns ernsthaft prüfen, wenn wir das religiöse Ideal der Thora und die Weltanschauung des modernen Lebens vergleichen, wenn wir unfern Geist befragen, wenn wir in unser Herz blicken, wenn wir unser Gewissen zu Rathe ziehen — wir hören immer und immer wieder nur die eine laute und weithin vernehmliche Antwort: Ja, wir sind noch Juden! Jene Antwort, die der Prophet in der durch ihre wunderbare Schlichtheit so tiefergreifenden Erzählung, die weise Gesetzeslehrer in das Abendgebet des Versöhnungstages eingelegt, den ihn Befragenden gegeben hat: „Ein Jude bin ich, und Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, fürchte ich!" — jene Antwort ist auch uns aus dem Herzen gesprochen, sie löst unsere Zweifel, sie verscheucht unsere Sorge, sie tröstet uns im Kummer, sie erweckt unsere Hoffnungen für Israels Zukunft. Judenthum ist Gottesfurcht — das ist der Sinn jener prophetischen Antwort. Und nicht blos Anfang, sondern auch Ziel und letzter Schluß aller Weisheit ist die Furcht des Herrn. Mit dieser Gottesfurcht im Herzen sind wir Juden, wie weit auch der Einzelne sich von den Pforten der Synagoge entfernt hat, wie verschieden auch die Ansichten über Brauch und Gesetz lauten mögen, wie sehr auch die Kluft zwischen den Bekennern des Judenthums in neuerer Zeit sich erweitert hat, wie wir uns im Kampfe der Parteien stellen und wohin auch unsere Sympathien sich neigen mögen. „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gott!" Das ist unser Aller Bekenntniß. Der Ellul ist da; er ruft uns zur Selbstprüfung auf. Die Stimme der Posaune ertönt in deir Gotteshäusern. Da kehrt ganz Israel zu seinem Gotte und zu seinem Glauben wieder. Und in allen Synagogen auf dem weiten Erdenrund werden wir am Versöhnungstage auf jene bange Ellul-Frage: Sind wir noch Juden? die laute und freudige Tischri-Antwort hören: Ein Jude bin ich, und Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, fürchte ich! U