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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-11 · Heft 37 (11.9.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 37 (11.9.1891)
Date
1891-09-11
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 zu dienern — Es ergeht daher die eruenerte Mahnung an alle Gesinnungsgenossen, sich der heiligen Sache anzunehmen und für sie zu wirken) ganz besonders richten wir nochmals die Bitte an die Herren Chefs, bei denen Vakanzen eintreten, sie dem Vorstande, Breslau, Schwectstraße 5 a, ungesäumt anzumelden, um deren Vermittelung zu gewärtigen. * Breslau, 6. September. Der hiesigen „Gerichtszeitnng" zufolge hat Amtsrichter Wiedemann, welcher in den letzten Jahren verschiedenen Zeitungen und Privatpersonen unter falschem Namen Briefe und Postkarten antisemitischen Inhalts zusandle, beim Justizministerium feine Entlassung aus dem Justizdienste nachgesucht und wird sich der Rechtsanwaltslaufbahn äutüenbeit. Im Interesse des Ansehens des Richterstandes kann es nur mit Befriedigung begrüßt werden, daß dieser Mann, dem offenbar die Qualifikationen eines Richters abgingen, freiwillig aus einer Stellung ausscheidet, welche die absolute Unparteilichkeit des Inhabers voraussetzen muß. Doch auch aus Anwaltskreisen sind bereits Stimmen laut geworden, die gegen die Zulassung dieses Mannes, der so lange Ermittelungsrichter gewesen, den wohlberechtigten Protest erheben. * Filehue, 4. September. Am Montag den 31. August, Abends, verschied plötzlich im 75. Lebensjahre der langjährige Vorsitzende des hiesigen Synagogenvorstandes, Herr S. B. Pieck. Mehr als 40 Jahre stand er der hiesigen jüdischen Gemeinde als Leiter vor und verstand er es, durch feine reichere Erfahrungen und seine selbstlose Hingabe und Aufopferung für sein Amt die Interessen desselben nach allen Seiten hin wahrzunehmen itnb zu fördern. Seinen redlichen Bemühungen und rastlosen Bestrebungen ist die ungeschmälerte Aufrechterhaltung des gesammten Gemeindewesens zu verdanken. Wir betrauern in dem Heimgegangenen unseren Vorsteher, Führer uub sorgsamen Berather. cp Trier, 8. September. Es kann geschehen, was da will, ein richtiger Antisemit wird's in bekannter Ehrlicheit zur Judenhetze verwenden. Ein solches Heldenstück bekommt auch ein gewisser Herr Arnold Schröder, Redakteur der „Nordd. Reform" in Oldenburg, , fertig, indem er die „Wallfahrt nach dem heiligen Rock zu Trier" in einem — übrigens durchaus witz- und geistlosen — Liede zu verspotten sucht und dabei nicht umhin kann, von den zehn Strophen zwei zur Beschimpfung von Juden zu benutzen. Der Grund liegt auf der Hand und wird Jedem klar werden, der erfährt, daß der brave Poet nicht etwa aus angeborener Liebe zur Aufklärung feinen Pegasus bestiegen hat, sondern daß das Machwerk, dessen „Nachdruck verboten" ist, .für 10 Pfennige von dem gläubigen Volk gekauft werden soll. Der Mann spekulirt auf sein antisemitisches Publikum. Oesterreich - Ungarn. w. Wien, 6. September. Hier befindet sich noch Alles im Sommerschlaf. Dazu kommt, daß jetzt nach langer Regenzeit das Wetter umschlug und wir Hundstage im Herbst haben; da sucht Jeder, der kann, der Stadt fern zu bleiben. Doch bald wird für Viele die Stunde der Rückkehr schlagen, da am 16. d. M. das neue Schuljahr beginnt. Die nächste Frage, die der Lösung harrt, ist die Vereinigung der israelitischen Vorortsgemeinden oder Bethausvereine mit der Haupt- und Muttergemeinde. Welche Schwankungen auch eintreten mögen, so waltet kein Zweifel ob, daß die Vereinigung stattfinden wird. Wie ich einer soeben erschienenen Schrift: „Die Ergebnisse der Volkszählung in Wien" von Dr. Sedlaczek entnehme, befinden sich in Wien 118,495 Israeliteneure respektable Zahl. — Jüngst wurde Dr. Guido Goldschmidt zum Professor der Chemie an der Technik mit deutscher Unterrichtssprache in Prag und Dr. Leo Kellner zum ordentlichen Lehrer der französischen und englischen Sprache an der Realschule zu Troppau ernannt. Beide Herreil sind Israeliten. —■ Von einem Ihrer gelegentlichen Korrespondenten wurde jüngst getadelt; daß die Gemeindebibliothek wenig zugänglich sei. Es freut mich, Ihnen mittheilen zu können, daß vom nächsten Schuljahr angefangen, diesem Uebelstande abgeholfen werden wird. — Schließlich gestatten Sie mir. noch folgende Bemerkung: Am 2. September wurde in Deutschland wie üblich der Sedantag gefeiert. Wie jedoch Moltke hervorhob, wurde die Schlacht bei Sedan am 1. September geschlagen. Ein gleicher Vorgang findet sich beim Purimfest. Am 13. Adar faubeii die Kämpfe statt und wir feiern den 14. Adar. * Budapest, 3. September. Ueber den verstorbenen Oberkantor Professor Friedmann liegen uns noch folgenbe biographische Daten vor: Am 7. März 1823 zu Hrabocz im Zempliner Komitat geboren, erreichte Friedmann ein Alter von 68 Jahren. Als Kind zum Talmudstudium angehalten, überraschte er durch seine klaligvolle Stimme und brachte es zuwege, daß er schon in seinem 12. Jahre zum Vorbeten in der Synagoge zngelassen wurde. Nach langen Wanderungen in allen Gegenden Ungarns fand er endlich im Jahre 1844 bei dem Kantor zu D.-Kreuz, Nubin-Goldmark, dem Vater des berühmten Komponisten Karl Goldmark, eine dauernde Anstellung. Er blieb daselbst durch vier Jahre als Synagogenfänger, zweiter Kantor und Lehrer. 1848 erhielt er in Oedeuburg die Stelle des Kantors unb Religionslehrers. 'Er behielt diese Aemter nicht lange, denn er schloß sich den Honvöd an und machte den Landsturm gegen Jelacsics mit. Hierauf ging er nach Wien, wo er anderthalb Jahre an der Seite Professor Snlzers als Tempelsänger fungirte. 1850 ward er Kantor, Lehrer und Sekretär in Fünfhaus bei Wien. 1857 wurde er als Kantor für den neuen Tempel in der Leopoldstadt in Wien acceptirt, er trat dieses Amt jedoch nicht an, weil ihn die Pester israelitische Religionsgemeinde am 23. Juni 1857 znm Oberkantor ihres großen Tempels in der Tabakgnsse ernannte und er dieser Ernennung den Vorzug gab. Friedmann, ein Schwager Karl Goldmarks, hat auch als Komponist von Tempelgesängen Hervorragendes geleistet. Er hat ungefähr 70 Stücke komponirt, die alle fick des größten Beifalls erfreuten. Was den Werth seiner Kompositionen betrifft, lassen wir hier einen Ausspruch Liszt's folgen: „Während meines Aufenthalts zu Pest — so äußerte sich Liszt — lernte ich Herrn Moriz Friedmann, den Oberkantor am israelitischen Tempel daselbst, kennen. Er zeigte mir mehrere Kompositionen mit hebräischen und ungarischen Texten und sang mir Einiges vor. Die Kompositionen bekunden in melodischer und harmonischer Beziehung viel Erfindungsgabe, musikalische Gewandtheit uub geläuterten Geschmack? Mit Reskript vom 12. Jänner 1879 Zahl 5286 wurde Friedmann vom Kultusminister Trefort zum Gesangsprofessor an der königlich ungarischen Landes-Rabbinerschule ernannt, wo er durch ein Dezennium Anerkennenswerthes leistete. Im Jahre 1882 gründete er den „Ungarischen israelitischen Kultnsbeamten-Verein", dessen Präsident er war. * Budapest, 2. September. Bei der Leichenfeier für den verstorbenen Ober-Kantor Professor Moriz Friedmann kam es zu skandalösen Szenen. Von Polizisten waren im Ganzen sechs Mann zu Fuß und einer zu Pferd anwesend. Diese waren aber nicht im Stande, die Ordnung aufrecht zu erhalten, denn in der Tabakgasse drängten bereits um neun Uhr morgens schon Tausende Menschen gegen das Gitter und die Thore des Vorhofes des Tempels. Und bei fcetbeu Thoren, von denen das linksseitige gar nicht versperrt werden konnte — man konnte den Schlüssel zu demselben nicht finden — sollte je ein Konstabler eine nach Tausenden zählende, sich drängende und stoßende Menschenmasse aufhalten! Das war unmöglich. Die Arrangeure der Trauer-Ceremonie hatten über das ganze, nach der Straße gehende Gitter ein schwarzes Tuch gespannt und dadurch den draußen Stehenden selbst den Einblick in den Vorhof genommen, was den Lärm und beu Spektakel noch vergrößerte. Man riß von draußen mit Händen uitb Stöcken cm dem Tuch herum, so lange, bis es serriffeu zur Erde fiel; an den Thoren drängte und stieß sich die Menge, lärmend, schreiend, johlend und heulend. Die Leute, weder Publikum noch Ordner, achteten darauf, daß es eine Todtenfeier sei, die hier stattfinden sollte. Um halb 10 Uhr kam der Leichenwagen mit der im Sarge ruhenden Leiche vorgefahren, der Sarg sollte in den Vorhof getragen werden, doch dauerte es eine geraume Weile, bis es möglich wurde, die im Vorhofe befindliche Tragbahre auf die Straße zu dem Leichenwagen zu bringen. Als man den Versuch machte, das Thor zu öffnen, um die Leichenträger mit der Bahre hinauszulasseu, drängten Hunderte von draußen in den Hof. Das schwarze Tuch wurde von der Tragbahre gerissen, und Prediger Dr. Kayserling, der gerade anlangte und mit Mühe in den Vorhos hineingeschoben wurde, wurde von den ihm nachdrängenden Massen förmlich auf die Tragbahre geworfen. Das dauerte so volle drei Viertelstunden. Erst als Polizeirath Baron Splänyi, der en xieine parade mit allen Ordenszeichen gekommen war, um Friedmann die letzte Ehre zu geben, sah, was es gche und sofort um Assistenz telephonirte, wurde es möglich, die Ordnung einigermaßen herzustellen. Doch ging das erst, als noch 12 Konstabler zu Fuß und sechs zu Pferd unter Kommando des Oberinspektors Baranyi am Platze erschienen. Baron Spltznyi kam beim Herstellen der Ordnung selbst so sehr ins Gedränge, daß ihm ein Theil feines Säbelkorbes abgebrochen wurde, doch gelang es den Konstablern, mehr aber noch der Energie des Barons, schließlich, der losenden Massen Herr zu werden, und die Trauerceremonie konnte beginnen.

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