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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-09-11 · Heft 37 (11.9.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 37 (11.9.1891)
Date
1891-09-11
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 O Berlin, 7. September. Vor einiger Zeit hat unser Korrespondent aus Bielefeld vor einem angeblichen Mis sio uar Meye r eiudriuglichst gewarnt. Daraufhin hat ein hiesiges Antisemitenblatt dem betreffenden Herrn in einem „Die Verlogenheit der jüdischen Presse" betitelten Artikel Veranlassung zu einer überaus heftigen Entgegnung gegeben, in der alle gegen ihn angeführten Thatsachen einfach in Abrede gestellt werden. Wir erhalten nunmehr das folgende Schreiben: Sehr geehrter Herr Redakteur! Von befreundeter Seite werde ich auf einen Artikel in Nr. 30 der Atlg. Ztg. des Judenthnms" aufmerksam gemacht, welcher sich mit der Person eines Proselyten Meyer beschäftigt und zmn Schluß seine Verwunderung ansdrückt, daß man solchen Mann als Missionar behalte. Um Mißverständnissen zu begegnen, erlaube ich mir daraufhin Folgendes zu bemerken: Der pp. Meyer hat keinesfalls das Recht gehabt, sich als Missionar zu bezeichnen, da er hier in Berlin wenigstens keine derartige Stellung bekleidet hat. Ich habe denselben vielmehr vor Jahresfrist hier ausgenommen, weil er krank und dem leiblichen Verfall nahe meine Unterstützung nachsuchte und ich ihm mein Mitleid nicht versagen konnte. Nach seiner Genesung verwendete ich ihn, weil er grade stellungslos war, zu persönlichen Dienstleistungen, Botengängen n. dergl. Da er sich gut führte, gute Zeugnisse besaß, mir auch nichts „Pikantes" ans seiner Vergangenheit bekannt war, zog ich ihn schließlich auch zur Aushilfe in der Mission heran. Er hatte vornehmlich meinen Verkehr mit beu russisch-polnischen Auswanderern zu vermitteln. Ich sah niich schon im Winter veranlaßt, mich dieser Leute, Inden wie Christen, mit geistlichem Zuspruch anzunehmen, weil seitens ihrer Glaubensgenossen nach der Richtung hin nichts gethan zu werden schien (?). Inzwischen mag es wohl anders geworden sein. — Die antisemitischen Treibereien des Mannes nöthigten mich jedoch — von anderen Gründen abgesehen — ihn völlig aus meinem Dienst zu entlassen, da ich persönlich mit Antisemitismus nichts zu thun haben mag, wie ich denn auch den ohne mein Wissen und Willen veröffentlichten antisemitischen Schreibereien des Meyer vollständig fern stehe. Indem ich Ihnen, geehrter Herr Redakteur, anheimstelle, ob Sie ev. auch öffentlich von dieser Mittheilung Gebrauch machen wollen, zeichne ich mit Hochachtung Ihr ergebenster R. Bieling, Pastor, NW. Lessingstr. 32. 22 Berlin, 8. September. In leiner bekannten Kampfbroscküre hat Rektor Ahlward t auch den berüchtigten Attentäter Nobiling mit jüdischen Namen in Verbindung zu bringen gewagt. Einige antisemitische Preßorgane sind noch weiter gegangen, wie die nachstehende Notiz des „Oesterr. Volksfreund" beweist: „Es ist soeben in Berlin eine Broschüre erschienen, nämlich der zweite' Theil des „Verzweiflungskampfes der arischen Völker mit dem Iudenthum" von Rektor H. Ahlwardtin derselben findet sich eine Notiz hinsichtlich des Nobiling'schen Attentats, woraus hervvrzugehen scheint, daß der Geheime Sanitätsrath Dr. Lew in von Zeit und Ort des Attentates auf Kaiser Wilhelm I. vorher Unterrichtet gewesen ist, d. h. mit anderen Worten, daß die Jndeuschaft Berlins, beziehungsweise die „Alliance israelite universelle", darum gewußt hat, — ja, daß dieses Attentat Möglicherweiser von denselben inszenirt war. Es ist ganz natürlich, daß nicht jeder Jude in Berlin von diesen Dingen unterrichtet war, sondern nur die geheimen Oberen, welche in Amt und Würden sitzen. Um diese von Herrn Rektor Ahlwardt vorgebrachte Verdächtigung festzusteüen, sollen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden." Mit Bezug auf diese infamen Verdächtigungen erhalteil wir von Herrn Geheimen Sanitätsrath Dr. Lewin das folgende Schreiben: „Herr Kollege Kristeller hatte mich im Juli er. auf die Broschüre des p. Ahlwardt aufmerksam gemacht, und ich habe dieselbe sofort meinem unmittelbaren Vorgesetzten, Herrn Polizei-Präsidenten Freiherrn von Richthofen, eingereicht bezüglich der in der Schrift gegen mich, gerichteten Insinuationen; auch habe ich mich deshalb mit der Königl. Staatsanwaltschaft beim Lalldgericht II Berlin ins Vernehmen gesetzt uub beiden Behörden das Weitere zn veranlassen anheimgestellt. Es wurde mir mitgetheilt, daß id) in der Broschüre nicht als Beamter bezeichnet sei; und daß selbst alle übrigen Beamten, auch Herr Minister Miquel, welche in dem Schriftstück angegriffen worden sind, es abgelehnt haben, Strafailträge zu stellen. Ich sollte gleichfalls so verfahren. Meritorisch hätte ich, als Psychiater, auch gegen so verrückte Jnvektiven nichts erwiederu können und dürfen, wenn ich nicht amtlich dazu aufgefordert werde. Ihnen will ich nur folgende thatsächlichen Punkte angeben: 1. Meine Anwesenheit am Attentatstage in der Nähe des Palais Sr. Majestät war eine eben so zufällige, wie die des Kollegen Liinann, der ja sogar deshalb, weil er zufällig in der Nähe weilte, noch vor mir zur Hilfsleistung im Palais erscheinen konnte. 2. Den p. Goldstein kenne ich nur als Schwager meines Bruders dem Namen nach. 3. Ich war nie und bin auch jetzt nicht Mitglied der Alliance israelite universelle. 4. Das gerichtliche Obduktionsprotokoll über die Todesursache des p. Nobiling lautet ausweislich der in seinem Gehirne noch Vorgefundenen Bleistückchen, herrührend von seinem Selbstmordversuch — auf eitrige Gehirnhaut-Entzündung (meningitis purabuta). 5. Alle während seiner Haft in der Stadtvoigtei von ihm gemachten Aufzeichnungen, wie diese in seinen Akten adhibirt sind, bezüglich der Motive des Attentates, geben meiner Erinnerung und Beurtheilung nach auch der skrupulösesten Forschung keinen Anhalt, daß er jüdischer Bekanntschaft oder Anreizung dabei gefolgt sei. Ihr ergebenster Dr. Lew in, Geheimer Sanitätsrath. * Berlin, 8. September. Wie's gemacht wird, damit die Herren Antisemiten als Märtyrer ihrer Sache erscheinen sollen, das hat das im Verlage von Adolf Theiß in Darmstadt erscheinende Blatt „Deutscher Landwirth und Bienenzüchter, süddeutsche antisemitische Zeitschrift" , wider seinen Witten verrathen. Dieses Blatt bringt in seiner Nummer vom 1. September den nachstehenden Artikel: „Voll der Kampfesweise der Judeli liefert das aus Feigheit und Verleumdung gepaarte Verhalten derselben gegen den Verleger des „Lalldwirth und Bienenzüchter" eine bezeichnende Probe. Kaum war von Seiten des Landgerichts gegen die erste Denunziation der Juden erkannt worden, so denunzirten sie schon wieder, und diesesmal wegen Religionsbeschimpfung. Nicht allein dieses, sondern da sich der Verleger nicht abhalten ließ, den „Landwirth und Bienenzüchter" nach wie vor erscheineil zu lasseil, als auch von allen Seiten Schreiben und offene Postkartell voll der gemeinsten Jnvektiven bei dem Verleger einliefen, natürlich Pseudo- oder anonym, beim offen aufzutreten, sind diese Menschen viel zll feige; auch würde unser Verleger auch in diesem Falle mit ihnen fertig werden. Wenn solche Skribifaxe überhaupt wüßten, mit welchem Humor die Produkte ihrer Wuth aufgenommeil werden und wie sehr die Allsbrüche ihres ohnmächtigen Hasses erheitern, sie würden Tinte, Papier und Porto sparen. Natürlich spielen in den Schmähschriften diejeiligen, unfern Verleger in das Zuchthaus oder doch in das Gefänguiß zu bringen, eine Hauptrolle, und daß es damit Ernst hat, beweisen ja die wiederholt erhobenen Denunziationen. Aber mail geht noch weiter, man sucht das Familienleben des Gehaßten zu zerstöreil. Es laufen Briefe und Karten ein, welche die Frau in Abwesenheit ihres Mannes lesen soll. Eine dieser famosen, mit verstellter Handschrift geschriebene Karte lautet wörtlich: „Herrn Adolf Theiß, hier! Wenn Sie nicht umgehend Ihren Verpflichtungen Nachkommen, werden Sie verklagt, das Kind wird immer größer und kostet immer mehr. Wenn Sie jetzt nicht zahlen, klage ich ganz bestimmt. Anna Müller." Man sieht, Israel ist groß im Verleumden, und sein Haß gebiert die tollsten Erfiildungen. Natürlich kennt auch Frau Theiß ihre Leute vom Stamme Sem uub hat mit ihrem Mann recht herzlich über diese plumpe Anzapfung gelacht." Wer das erste Mal all dies liest, dem wird wirklich gruselig vor den bösen Leuten vom Stamme Sem. Das Gruseln verwandelt sich aber alsbald in herzliches Lachen, wenn man genau derselben Geschichte mit genau denselben Worten und nur unter Veränderung der Namen auch in den anderen antisemitischen Blättern begegnet. Was der wahrheitsliebende Herr Theiß am 1. September von sich erzählt, das hat die ebenso wahrheitsliebende „Staatsbürger- Zeitung" bereits am 4. August wörtlich: „Von der Kampfesweise . ... bis ... . Anzapfung gelacht" über ihren biederen Freund Ahlwardt berichtet, nur daß die Kartenunterschrift „Louise Mielitz" lautet. Es wird nicht schwer fallen, auch andere Blättchen zu finden, die dieselbe Erzählung über ihren Lokalheros bringen. Die Herren Redakteure arbeiten eben im Vertrauen auf die Gedächtnißschwäche oder ans den geringen Kreis ihrer Leser. S£2 Breslau, 6. September. Mit Rücksicht auf die dem S teilen - Nachweis-Verein rOE? täglich zugehenden Gesuche, denen er nur in seltenen Fällen genügen kann, sieht sich der Vorstand veranlaßt, an die Gesetzestreue in Israel zu appellireu. Seit Begründung unserer Gesellschaft ist unser Ruf sehr oft in den jüdischen Blättern erhoben worden, und gar Manchem, der rathlos dastand, ist Gott Lob durch uns Hilfe gs',vordem Aber wohin soll es führen, wenn gerade in den zugehörigen Streifen die Bemühungen des Vorstandes so wenig Unterstützung finden? Braucht man es erst zu betonen, daß, wenn irgendwo, hier jedes Sonderinteresse zurücktreten müsse, und daß es darauf ankomme, durch die Tendenzen des Vereins auch der Erhaltung des Judenthnms

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