Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1891)
- Date
- 1891-09-11
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Dänemark. * Kopenhagen, 6. September. Eine mit Berücksichtigung der russischen Verhältnisse höchst merkwürdige Nachricht wird gemeldet; der Zar hat nämlich den hiesigen Bürger Samuel Cohen zum russischen! Vizekonsul ernannt, und das Wunderbare an der Sache ist. daß der neue russische Würdenträger ein Jude, und zwar ein eingewanderter russischer Jude ist! Samuel Cohen kam vor etwa zwanzig Jahren mit - mit seinem Bruder in Kopenhagen an und errichtete hier ein ganz kleines Geschäft mit Utensilien für Matrosen. Es wurde hauptsächlich von russischeil Seelellten besucht, und nach vielen Jahren rastloser Arbeit gelang es den beiden Brüdern, das Geschäft zu erweitern. Sie verproviantirteli alle russischen Schiffe, die in Kopenhagen ankamen, und' als der ältere Brilder kürzlich starb, hinterließ er ein sehr großes Vermögen. Jetzt hat der jüngere Bruder das Amt eilles russischen Vizekonsuls erhalten, lind mau fragt erstaunt, wie sich diese Bestallung mit dem infernalischen Jndenhasfe der Russen vereinigelt lasse. Bulgarien. * Sofia, 4. September. Die bulgarische Stadt Wratza war unlängst der Schauplatz alltisemitischer Exzesse. In dieser Stadt, in welcher etwa 200 Juden wohnen, kam am 17. Juni d. I. ein sechsjähriges taubstummes blllgarisches Mädchen abhanden, nachdem es Morgens das Elternhalls, welches weit entfernt vom Judenviertel liegt, verlassell hatte. Da die polizeilichen Nachforschungen nicht zilr Auffindung des Kindes führtell, so sprengten einige böswillige Leute, an bereu Spitze sich der Pope Vasoo befand, das Gerücht aus, die Juden hätten das Mädchen gestohlen und ermordet, llm dessen Blut zll rituellen;■ Zwecken zu gebrauchen. Es ist natürlich, daß daraufhin in dem Städtchen eine große Allfregung eutftaub und die Juden bedroht wurden. Dank dem Einschreiten der Negierung, welche ihre Orgalle anwies, die Ordnung aufrecht zu erhalten und sofort eine Untersuchung einzuleiten, wurde das Volk beruhigt, und obschon die Juden eine strenge Durchsuchung ihres Tempels, ihrer Häuser und Läden erdulden mußten, so kamen sie diesmal mit dem Schrecken davon. Am vorigen Sonnabend wurde nun unweit Wratza am Balkangebirge das seit zwei Monaten vermißte Mädchen todt aufgefunden? die Aerzte stellten fest, daß dasselbe erst vor einigen Tagen gestorben sein konnte und daß die all dem Halse befindlichen Schnitte erst nach dem Tode dem Körper beigebracht seien. Trotzdem wurde die alte Geschichte wieder aufgetischt, und ca. 2000 Personen begaben sich ins Judenviertel, wo sie ihnen ohne Weiteres die Fenster einschlugeil. Trotz der energischen Maßregeln der Regierung habell sich die Exzesse wiederholt. Ein Pristaw, welcher wegen seilles parteilichen Vorgehens bei der Judenverfolgung seines Amtes enthoben wurde, hat sich an die Spitze der Bewegung gestellt. Es ist ferner deil Alltisemiten gelungen, die llöthige falscheZeugin aufzutreiben; es ist dies ein bulgarisches Weib, welches bei der Polizei aussagte, daß der Jllde Jo-Chanan Benbassat uitb dessen Mutter zu ihr gekommen wären und sie gebetell hätten, das todt aufgefundene Mädchen gegen gute Bezahlung zu verbergen. Beide Personen wurden deshalb verhaftet. Zwei Tage später wurde infolge weiterer Denunziationen im Hause des Juden Mordochai Lewi eine Nachgrabung vorgenommen ltub dabei der Strick gefunden, mit welchem das Killd angeblich erwürgt sein soll. So weit ist die ' Angelegenheit gediehen. Sonst ist zu dieser Sache nur zu sagen, daß die arltisemitischell Rädelsführer in Wratza sämmtlich Zankowisten sind, welche der Regierllng um jebeu Preis Ungelegenheiten bereiten möchten. d Von Nah und Fern. — Wie verlalltet, ist seitens einiger jüdischer Bürger an das P rovinzial-S chul-Kol legi um eine Eingabe gerichtet worden, wegen des auf den 12. Oktober fallenden Jom kippur den Schulanfang von diesem Tag auf den 13. Oktober zu verlegen. — Das Fest der goldenen Hochzeit beging am Montag, den 7. cr.,. das Wolf Jacobysche Ehepaar, Krausnickstraße 14 wohnhaft. Das Jubelpaar hat sich seine körperliche Rüstigkeit und geistige Frische voll bewahrt. — Herrn Dr. Karl Edel in Charlottenburg ist der Charakter als Sanitätsrath verliehen worden. — In der kürzlich zu Bunzlau abgehaltenen Versammlung der schlesischen Thierärzte hielt Herr Sanitätsthierarzt Dr. Bohlen, eine Autorität ans dem Gebiete des Veterinärwesens, einen Vortrag über die Tödtungsarten des Hchlachtviehes, der sich zu einem glänzeudeu Plaidoyer für das Schächten als der besten unter allen vorgeschlagenen Methoden gestaltete. — Seit Monateil treffen tu Breslau jeden Montag Sonderzüge mit jüdischen Auswanderern aus Rußland ein. Vor acht Tagen hatte aber der Sonderzug ansfallen müssen, weil unsere Seehäfen sich zeitweilig außer Starlde erklärt hatten, den Zufluß dieser Auswanderer mit der erforderlichen Sicherheit und Schnelligkeit weiter zu befördern. So lauge die Möglichkeit einer derartigen Weiterbeförderung fehlt, werde;! die jüdischen Auswanderer, wie die „Schles. Ztg." aus diesem Falle schließt, llicht über die Grenze gelassen. — Dem Sanitätsrath und Privatdozenten an der Universität zu Leipzig Dr. Livins Fürst ist der Rothe Adlerorden vierter Klasse verliehen worden. — Die Herretr Rechtsanwälte Cantorowitz in Koschmin und Böhm in Brieg sind zu Notaren ernannt worden. — Herr Diakon ns Fischer in Eibenschütz ist so taktvoll gewesen, die diesjährige Sedanfeier durch eine wüthende Judenhetzrede gegen „Rothschild, Hirsch und Bleichroeder" zu begehen, und das „Amts- und Anzeigeblatt für Eibenschtttz" druckt diese Rede „ihres bedeutungsvollen Inhalts wegen" ab. — Das zweifelhafte Verdienst, beit Antisemitismus nach Bayern verpflanzen zu wollen, gebührt der ultramontanen „Donau-Zeitung", dem früheren Organ des klerikalen Landboten Bücher, und auch der so ziemlich im Verborgenen blühenden konservativen „Südd. Landp/. Die erstere brachte im Verlaufe dieses Monats zwei Artikel mit der Ueberschrift „Jüdisches", davon enthielt der erste das merkwürdige Geständniß, daß der Verfasser den „Antisemitismus nicht für berechtigt" hält. — Der Gemeinderath der Stadt Tobitschau hat den Tempelvorstand und Architekten Herrn Max Fleischer, einen Schüler des Erbauers des Wiener Rathhanses, Freiherrn v. Schmidt, in Würdigung der großen Verdienste, welche sich der Genannte um die Stadtgemeinde erworben hat, zum Ehrenbürger von Tobitschau ernannt. — Bei der Feier der silbernen Hochzeit des Senators Montefiore in Brussel hat der königliche Hof von Belgien sich betheiligt. Der König ließ dem verdienten Jubelpaare durch seinen Adjutanten seinen Glückwunsch übermitteln. Der Bürgermeister Buls hat im Namen des Gemeinderathes eine Adresse verlesen und namentlich die Verdienste des Jubelpaares um den Unterricht und das Armenwesen hervorgehobeu. — Das Kopenhagener Blatt Politiken hatte gemeldet, daß Arnold White, der Vertreter des Baron Hirsch, bei dem Zaren eine Audienz gehabt habe und demnächst eine abermalige Audienz haben werde. Das Bureau Ritzau in Kopenhagen dementirt jetzt die Meldung. — Die feierliche Einführung des Pariser Oberrabbiners wird am 29. September in der Synagoge der Rue de la Victoire stattfinden. — Mit dem französischen Packetboot Sindh sind37 aus Rußland vertriebene Juden in Marseille eingetroffen, welche versucht hatten, in verschiedenen syrischen Häfen zu landen, jedoch überall zurückgewiesen waren. — Herr Dr. Heinrich Schreiber, Sekretär der internationalen Elektrizitäts - Gesellschaft, der sich um das Zustandekommen der österreichischen Abtheilung auf der „Internationalen Ausstellung in Barcelona" hervorragende Verdienste erworben hat, wurde vom Mmtizipium dieser Stadt ,durch das Ehrendiplom ausgezeichnet. — Den Polenblättern zufolge wanderten aus Berditschew wieder Zweitausend jüdische Familien nach Amerika und Palästina aus. — In den palästinensischen Hafenorten wird das Verbot der Landung russischer Juden sehr strenge gehandhabt. Man will jetzt die Landung nicht einytal mehr gegen Bürgschaftsleistung gestalten, und nur mit großer Mühe gelang es in mehreren Fällen, die Erlaubniß hierzu zu erwirken. Natürlich wird hierbei Garantie für baldigste Rückfahrt mit einem der nächsten Schiffe übernommen, und werden zur weiteren Sicherung die Effekten der Einwanderer im Zollamte von Jaffa zurückgehalten. — Am 31. Dezember 1889 waren in den Vereinigten Staaten 10,618 Judenfamilien mit 60,630 Köpfen vorhandelt. Davon stammten aus Deutschland 33,549, aus Rußland und Polen 6355, aus Böhmelt 1759, alls Uttgarn 1465, atts dem britischen Reich 1285, aus Frankreich 659, aus Skandinavien 18. alts Italien 19, aus sonstigen fremden Lälldern 2591, unermittelt 105, der Rest 12,754, war in den Vereinigten Staaten selbst geboren. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.